Hamburgs Zeitungswunder

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Hans-Juergen Fink

Erfolgsstory. Warum das Hamburger Abendblatt die Konkurrenz überholt und bereits nach einem Jahr 120 000 Abonnenten hat.

Neun Monate dauert es nach dem Abendblatt-Start am 14. Oktober 1948, dann ist klar: Die neue Tageszeitung versammelt auf ihren Seiten mehr Anzeigen als jeder der fünf Konkurrenten - das Hamburger Abendblatt steht auf eigenen Beinen und hat eine sichere finanzielle Grundlage. "Wie das ,Wunder' geschah" titelt die Anzeigenabteilung stolz ihre erste Jahresbilanz. Woher kommt der Erfolg? Es war unter anderem Springers Konzept, eine unabhängige Zeitung für alle zu machen. Das Abendblatt legt sich nicht ideologisch fest und kann so Leser und Anzeigenkunden aus allen politischen Lagern gewinnen. Die Konkurrenzeitungen waren sämtlich Parteizeitungen, sie bedienten nur Anhänger einer Richtung und verprellten andere. Den Lesern damals sind Anzeigen wichtig: "Der Anzeigenteil hat sich nach dem Krieg als reiner Lesestoff erwiesen, als unentbehrliche Informationsquelle." Dennoch war es Knochenarbeit, wie sich der damalige "Benjamin" der Anzeigenberater, Gerhard Becher, erinnert: "Wer im Herbst 1948 in Hamburger Zeitungen Anzeigen schaltete, aber nicht im Abendblatt, bekam einen freundlichen Anruf von uns." Becher arbeitet in einer Profitruppe. Karl Andreas Voß, Axel Springers Teilhaber und Mann für die Finanzen, hat fast seine komplette Anzeigenabteilung mit ihrem Chef Helmuth Klosterfelde von der "Hamburger Allgemeinen" abgeworben; vor dem Krieg hatte sie beim "Fremdenblatt" zusammengearbeitet. Auch beim Vertrieb jagt eine Erfolgsmeldung die nächste: Mit 60 000 Exemplaren war die erste Ausgabe erschienen, nach sechs Wochen waren es bereits 107 000 und nach einem halben Jahr 170 000. "Jeder zweite Hamburger im erwerbsfähigen Alter hat täglich Ihre Anzeige vor Augen", heißt es in einer Eigenanzeige. Und die Auflage steigt weiter, bis über 300 000. Der Vertrieb bringt diese Menge an Zeitungen pünktlich zu den Lesern. Nach den Verkäufern vom Jungfernstieg holen Expressradfahrer wie Gerhard Zerrahn dicke Zeitungspakete bei der ersten Geschäftsstelle, einer Holzbaracke an der Adolphsbrücke, ab und verkaufen sie an Kioske und Zeitungsläden. Drei-, viermal hintereinander, gegen Bargeld und für Provision. Wenig später treten die Zeitungsausträger in die Pedale. Schuljungen wie Uwe Ranf, der vom ersten Tag an das Abendblatt im Freihafen austrägt, oder Helmut Schoenfeld, der im zerbombten Hammerbrook unterwegs ist - bei Wind und Wetter, zwischen Trümmerbergen und winters durch dicken Schnee. Anfangs kann jeder seine Abonnenten an einer Hand abzählen. Trotzdem bekommen die Austräger reichlich Exemplare mit: "Einfach in die Briefkästen stecken, eine Woche lang. Dann klingeln und freundlich nachfragen." Die Zeitungsjungen tuns gern, jeder neue Abonnent bringt ihnen zehn D-Mark - viel Geld in jener Zeit. Nach einem Jahr kann sich das Abendblatt bereits auf 120 000 Abonnenten verlassen. Axel Springer weiß, welcher Lesergruppe er diesen Erfolg vor allem zu verdanken hat. Bald nach dem Start fragt ihn ein hanseatischer Kaufmann: "Wie geht es eigentlich Ihrem ,Abendblatt'? Ich lese es zwar nicht, aber meine Frau und meine Tochter schwören drauf." Springer antwortet: "Genau darauf kommt es mir an." Die Stadtteile werden vom Vertrieb nacheinander abgeklappert und für das Abendblatt erobert. Die Abo-Abteilung im Volksfürsorge-Haus macht in diesen Monaten jede Menge Überstunden, erinnert sich Anke Riedel, die dort arbeitete. Der Opel P4 des Verlegers muss anfangs mit ran zum Ausliefern, bald aber steht eine ordentliche Flotte dreirädriger Tempo-Kastenwagen in Abendblatt-Grün auf dem Volksfürsorge-Hof. Auch die Geschäftsstelle kommt bald nicht mehr mit vier Stühlen und einem Telefon aus. Sie ist Auslieferbasis, Abo- und Anzeigenannahme und Schreibstube für die Anzeigenvertreter. Am Gänsemarkt bietet sich ab Mai 1949 eine neue Heimat. Aber auch der beste Vertrieb hätte das "Zeitungswunder von Hamburg", wie der rasche Aufstieg des Abendblattes genannt wurde, allein nicht zu Stande gebracht. Neben dem neuen Redaktionskonzept, den Anzeigen- und Vertriebsprofis ist es die Werbeabteilung unter Hans-Heinrich Schreckenbach, die mit immer neuen Aktionen Sympathiepunkte für die neue Zeitung holt. Mit "Bürgermeister für einen Tag" fängt es an: gesammelte Vorschläge der Leser, was man in Hamburg verbessern kann. Erster Preis: ein elektrischer Kühlschrank. Ab Februar 1949 ist Herr Lombard unterwegs: der Abendblatt-Redakteur Klaus Losch, mit Hut Brille und falschem Bart. Wer ihn als Erster aufspürt, bekommt 100 Mark, was öfter bedrohliches Gedränge auslöst. Herrn Lombard gibt es 14 Jahre lang. Zwei Jahre später starten zum ersten Mal die Seifenkisten zum Derby, ab 1952 werden zum Frühjahrsanfang 120 000 kleine Blumensträuße an die Hamburgerinnen verteilt: Maiglöckchen, die ganze Ernte der Vierlande, in den Abendblattfarben Grün-Weiß. Im selben Jahr rollt erstmals die weiße Hochzeitskutsche durch Hamburg, in der jeden Tag ein unter den Lesern ausgelostes Paar stilvoll zur Kirche gefahren wird. Axel Springer entwickelte oder kaufte später noch andere Zeitungen. Doch den wirtschaftlichen Grundstein zum größten Zeitungshaus Deutschlands legte, neben der "Hörzu", sein Hamburger Abendblatt. Ende

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