Seltsames Treiben im Hinterhof - eine neue Zeitung entsteht

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Hans-Juergen Fink

Anfang 1947 stellte Axel Springer einen Lizenzantrag: Seine Zeitung sollte "die Menschen menschlich ansprechen, ihre private Sphäre verstehen".

Nachbarin Gertrud Casten hatte das seltsame Treiben in dem Hinterhaus der Volksfürsorge schon länger beobachtet, ohne sich einen Reim darauf machen zu können. Als die britischen Soldaten im Frühjahr 1948 das Haus räumten, wurde renoviert, dann brachte man seltsames Gerät. Am 14. Oktober war das Rätsel gelöst, nachdem die Nachbarin noch eine Feier mit festlicher Beleuchtung, vielen Menschen und Blitzlichtern beobachtet hatte. "Am nächsten Tage erfuhren wir, dass das der Geburtstag einer neuen Zeitung war. Es ist unsere Zeitung!" schrieb sie begeistert ihrem neuen Nachbarn, dem Hamburger Abendblatt. Andere beobachteten den geplanten Zeitungsstart mit mehr Argwohn. "Unter dem vorläufigen Titel ,Hamburger Abendblatt' soll im Herbst eine neue überparteiliche Tageszeitung erscheinen." So meldeten die Zeitungen am 13. Juli 1948, dass tags zuvor der Verleger Axel Springer den Vorzug vor drei Mitbewerbern bekommen hatte. Genau das befürchtete man. Denn "Hamburger Allgemeine Zeitung" (CDU), "Hamburger Freie Presse" (FDP), "Hamburger Echo" (SPD) und "Hamburger Volkszeitung" (KPD) sowie "Die Welt", die unter britischer Kontrolle erschien, ahnten: Der 36 Jahre junge Mann, der mit seiner "Hörzu" einen fulminanten geschäftlichen Erfolg hatte, würde mit einer überparteilichen Zeitung zur harten Konkurrenz. Springer hatte sich im August 1945 darum beworben, einen "Hamburger Telegraf" herausgeben zu dürfen - unabhängig, überparteilich. Sein Freund Max Schmeling half ihm, Kontakte zu den Briten zu bekommen. Doch die Briten wollten Parteizeitungen. Springer verlegte die "Nordwestdeutschen Hefte", "Kristall", "Constanze" und Bücher. An einer Tageszeitung bastelte er aber weiter. Und druckte im November 1947 die erste Probenummer einer Zeitung namens "Excelsior". Da hatte er gerade wieder einen Lizenzantrag eingereicht: für das Hamburger Abendblatt: Überparteilich sollte es sein, wirtschaftlich unabhängig, "die Menschen menschlich ansprechen, sie in ihrer privaten Sphäre verstehen". Und mit Nachrichten, "die den Leser nahe angehen". Im Dezember übergaben die Briten die Pressezulassung den deutschen Behörden. Derweil klebte Springer Seiten zusammen, probierte Schrifttypen aus, ließ den Zeitungskopf zeichnen. Und im Juli 1948 ging es dann los. Als der Verlag "Hammerich & Lesser" aus einem Bunker amHeiligengeistfeld im Frühjahr 1948 zur Volksfürsorge An der Alster 61 umzog, fehlte fast alles. Springer kümmerte sich um Personal und Setzmaschinen, die er nur mietete. Und um den Druck, den er bei Broschek bekam, dessen "Hamburger Fremdenblatt" nicht mehr erscheinen durfte. Autos fehlten, Wohnungen und Zeitungen - für die Redakteure. Das Abendblatt sollte montags, mittwochs und sonnabends erscheinen. Weil der erste Mittwoch ein 13. gewesen wäre, zog der leicht abergläubische Verleger Donnerstag, den 14. Oktober vor. Die 60 000 gedruckten "Abendblätter" waren bald ausverkauft. Die Meinungen waren geteilt: Der rauschenden Premieren-Party mit Hans Albers, Bürgermeister Max Brauer, Presseoffizieren der Alliierten und Gästen aus Wirtschaft, Kultur und Politik und ihren Glückwünschen folgten Unkenrufe der Konkurrenz: " In absolut hoffnungsloser Position hat ein Sterngucker den Mut gefunden, hier in Hamburg eine neue Zeitung zu starten. Sie wird in die gesättigte Zeitungslandschaft hinein nicht mehr erfolgreich operieren können." Das neue Blatt aber war Stadtgespräch: "Das war so was wie heute die Bild-Zeitung, sehr laut eben", erinnert sich Gerhard Becher, damals junger Abendblatt-Anzeigenvertreter. Und Christel Sanders, damals in der Abonnement-Verwaltung: "Von der Aufmachung her war es was ganz anderes als die angeblich so seriösen Zeitungen. Aber die fand ich auch langweilig, die reizten nicht zum Lesen."

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