Eppendorf: Überraschend idyllisch

Stadtteil: Bernd Gundermann geniesst die Nischen im Stadt-Getümmel. Der Architekt und Stadtplaner schwärmt von mediterranem Flair und guter Nachbarschaft.

Hinter sattem Grün versteckt sich tief unterm Reetdach ein kleines Fachwerkhaus. Alter Baumbestand umrahmt das Kleinod, verstellt teilweise den Blick auf die dahinter stehenden Hochhäuser am Woldsenweg. Etwas weiter links blitzten durch grünes Blätterwerk immer wieder vorbeirauschende Züge der U 3 auf: "Ist das nicht herrlich hier?" Bernd Gundermann (48), Architekt und Stadtplaner, hat hier, im Kellinghusenpark (früher Schröders Park), schon als Kind gespielt.

Bis heute kommt der Eppendorfer gerne her. Und genießt die Oase: den Parkteich, auf dem er als kleiner Junge auch schon mal mit Schlittschuhen gelaufen ist, zum Beispiel. "Wenn ich heute auf dem kleinen Steg hier sitze und den Blättern zusehe, wie sie runterfallen, hat das fast etwas Meditatives."

Andere sitzen entspannt auf einer Parkbank, genießen die warmen Sonnenstrahlen oder trainieren auf dem Rasen ihre Körperbeherrschung bei Thai Chi. Weiter hinten toben Kinder auf einem Spielplatz.

Was Gundermann an diesem Flecken Eppendorf besonders schätzt: "Es ist keine falsche Idylle, die vorgaukelt, man sei auf dem Land." Das pralle Leben brodelt gleich nebenan an der Eppendorfer Landstraße. "Ich liebe dichte Städte, wenn sie den Menschen Ventile bieten", sagt Gundermann. Ventile wie den Park.

Und Nischen, die Raum schaffen für buntes, vielfältiges Nebeneinander. Eine davon liegt gleich nebenan, ebenfalls an der Eppendorfer Landstraße, in diesem Fall sind es die Häuser 4-6. Wer die großbürgerlichen Fassaden zur Straßenseite hinter sich läßt, trifft hier auf Terrassenhäuser mit mediterranem Charme. In Mini-Vorgärten wuchert das Grün. Es gibt sogar einen kleinen Teich und eine Kiwipflanze, die hochrankt bis zum Balkon in der zweiten Etage, wo sie reichlich Früchte trägt.

Nichts Großbürgerliches, Schickes ist hier zu sehen. Die Wohnungen sind allenfalls 50, 60 Quadratmeter groß. Die besondere Anziehung liegt im Reiz der Überraschung: Das ist Eppendorf?

Ist es! Genau wie die kleine Drogerie am Lehmweg, in der ohne Führung vermutlich niemand klarkommt. So wuselig wie das Innere ist auch das Schaufenster gestaltet. Mit Preisen, die noch handgeschrieben sind. Alles in unmittelbarer Nähe all der schönen und (zum Teil) teuren Läden am Eppendorfer Baum.

Zu denen paßt dies: An der Hegestraße, gleich neben dem renommiertesten Schuhgeschäft des Stadtteils, parkt ein Ferrari - so quittegelb wie dreist - und dann auch noch in der zweiten Reihe. Das Knöllchen läßt nicht lange auf sich warten, und gleich sind auch mehrere Passanten zur Stelle, die fröhlich ihre Schadenfreude teilen: "Kein Wunder - bei der Lackierung", sagt ein junger Mann, und alle lachen sich ins Fäustchen.

Für Gundermann, der mit den gängigen Eppendorf-Klischees ("Alles Schickimickis") rein gar nichts am Hut hat, belegt auch diese Episode: "Hier überwiegt das menschliche Miteinander." Wie an der Husumer Straße, wo Gundermann mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. "Das hat was Dörfliches", sagt der Architekt. Die Nachbarschaft sei noch in Ordnung.

Ein Dorn im Auge sind ihm allerdings die überall zu beobachtenden Sanierungsarbeiten an all den Häusern, die jetzt so um die 100 Jahre alt sind. Aus Kostengründen würden beispielsweise die alten Balkone mit Stahlständern stabilisiert, anstatt sie von Grund auf zu sanieren. "Da guckt kein Bauprüfer mehr drauf", schimpft Gundermann. Er fürchtet, daß der Stadtteil auf diese Weise früher oder später einen großen Teil seines Charmes einbüßt: "Der Charakter einzelner Straßen kippt."

Ein anderes Problem sind für ihn die Autos, die allenthalben die Straßen verstopfen. Bei nervenaufreibender Parkplatzsuche wird zuweilen selbst die beste Nachbarschaft auf die Probe gestellt. Eppendorfer kennen das. Gundermann selbst ist jedenfalls froh, daß er bis zu seinem Büro am Abendrothsweg bequem mit dem Rad fahren oder zu Fuß gehen kann.

Von da aus sind es dann nur noch ein paar Schritte bis zum Eppendorfer Weg/Löwenstraße. Was er da sieht, gehört zwar strenggenommen zu Hoheluft-Ost, ist für ihn aber "bestes gefühltes" Eppendorf: alle zehn Meter ein anderer Laden, bunt durcheinander gewürfelt, Billig-läden neben exklusiven Geschäften und davor immer wieder Menschen, die miteinander klönen. Da geht ihm das Herz auf: "So was kann man nicht planen, das ist gewachsen."

Das erklärt denn auch die Inbrunst, mit der der Architekt erklärt: "Ich wohne hier saugerne."