St. Pauli: "So schön, das glaubst du nicht . . ."

Serie: Abendblatt und NDR-"Hamburg Journal" präsentieren Hamburgs Quartiere. "Miele" (45) schwärmt von der Toleranz, dem streßfreien Leben und den kleinen Läden des Stadtteils.

Als würde die Ruhe selbst neben ihm am Tresen lehnen, sitzt Miele auf dem Barhocker und rührt in seinem Pfefferminztee. Mit der linken Hand hält er den Löffel, mit der anderen schüttet er Zucker ins Glas, eine ordentliche Ladung Zucker. Während er in kleinen Schlucken trinkt, wandert sein Blick durch die leicht beschlagene Scheibe nach draußen auf die Hein-Hoyer-Straße. Da die Kneipe im Souterrain liegt, kann er von den im Nieselregen vorbeieilenden Menschen nur die Beine sehen. Kurze Beine in weit schlackernden Jeans und Turnschuhen, kräftige Beine in engen schwarzen Lederhosen, schlanke Beine in Miniröcken auf halsbrecherischen Absätzen.

"Hier kann man sehr viel besser leben als in anderen Vierteln, es ist viel ruhiger", sagt Miele und meint damit den Stadtteil, den Touristenführer als Vergnügungsviertel Nummer eins ausweisen: St. Pauli. "Guck mich doch mal an", sagt Miele, dessen richtigen Namen nur "seine Süße" kennt. Und sein Banker. 45 Jahre, stämmige Statur, Pferdeschwanz, Kinnbart, schwarze Brille, Baseballmütze, Matrosenhemd, klobiger Ohrring, Spitzname von seiner Lieblingsmotorradmarke. "In anderen Gegenden falle ich allein durch meine Erscheinung auf." Hier auf St. Pauli, wo er aufgewachsen ist, gebe es sie wirklich, die Toleranz. Und, was kaum einer glaube, wenig Stress.

Stress im Sinne von Ärger auf der Straße. Auch im Sinne von Gelassenheit, so wie hinter der Kneipentür des "Strandgut", einer von Mieles Stammlokalitäten. Vor kurzem hat er dort einen Paddler- und Faltbootfahrer-Stammtisch ins Leben gerufen. Jeden ersten Dienstag im Monat wird "über Wasser gesabbelt und Sabbelwasser getrunken." Das "Strandgut" gibt es schon länger, seit einem Jahr mit einer neuen Besitzerin. Auf St. Pauli wechselt alles schnell und oft: Lokalbetreiber kommen und gehen, Diskotheken ändern ihre Namen, neue Hotels werden gebaut, alte Büros abgerissen. Touristenbusse reisen an und ab, Klubgänger fallen bei Dunkelheit ein und verschwinden mit Sonnenaufgang wieder. "Und?", sagt Miele. Solange sie ihre Zeche bezahlen würden und keine Bierdosenhalter seien, die im Bus ihre eigenen Paletten ankarren, seien sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Und wem es zu voll sei, der könne ja woanders langgehen. So sind sie wohl, die St. Paulianer. Anpassungsfähig, ohne sich anzupassen.

Nur manchen Clubs würde die Veränderung nicht guttun. So dem "Toom Perstall" in der Clemens-Schultz-Straße. "Den haben sie kaputtsaniert", sagt Miele. "Früher standen da Transen hinterm Tresen, es war ein Stück gewachsene Schwulenkultur. Und ein schöner Laden." Auch gegenüber die "Bar Centrale" sei richtig gut gewesen. Anfang der 80er, als die noch "Palette" hieß, ist Miele einmal mit dem Motorrad reingefahren. Es hatte geregnet. Miele: "Die Bedienung hat ein Tuch druntergelegt." Fertig. Ein paar Meter weiter gibt es noch einen "richtig schönen Laden". Die "Käse- und Weinspezialitäten" von Renate Reinecke, die dort schon ewig hinter der Theke stehe. "Hier gibt es noch die kleinen Läden und den Elektriker um die Ecke", sagt Miele. Auch das ist ein Stück Lebensqualität.

"Was kann ich dir denn antun?", sagt Renate mit ihrer sympathisch rauchigen Stimme und einem einnehmenden Lächeln. Sich auf der Straße grüßen und schnacken, auch das wird hier noch zelebriert. Nach dem Motto: "Drei Sprachen mußt du hier sprechen: Hochdeutsch, Plattdeutsch und über andere Leute."

Doch nicht immer gibt es was zu lachen. Obwohl Renate mit ihrem selbstgemachten Pesto einen Renner verkauft, der bis über die Stadtteilgrenzen hinaus bekannt ist, bangt sie um ihre Miete. "Viele hier müssen von Hartz IV leben, und die haben es sich nicht ausgesucht", sagt Miele, der gelernte Dachdecker, für den das gleiche gilt. Darum seien solche Einrichtungen wie die Alimaus am Nobistor mit Essensausgabe für hilfsbedürftige Menschen immer wichtiger. Das sehe man an den langen Schlangen davor.

Gegensätze sind typisch für St. Pauli. So, wie ein saniertes Energiesparhaus neben einer Bruchbude steht, sitzen nicht unweit von den auf eine Suppe Wartenden Mütter mit Kinderwagen bei Latte Macchiato in den Cafes und im Sommer auf dem Paulinenplatz. "Sehr idyllisch", findet Miele das. Ebenso die vielen Hinterhöfe. "Die sind so schön, das glaubst du gar nicht." Er tunkt einen neuen Teebeutel in heißes Wasser. Hinter der beschlagenen Scheibe laufen Beine im Blaumann, in Polizeiuniform und in Leggins mit Fellstiefeln vorbei.