200 Meter Denkmalschutz - eine Straße voll Geschichte

Serie: Abendblatt und NDR-"Hamburg Journal" präsentieren Hamburgs Quartiere. Für Architekt Burkhart Springstubbe ist Ottensen eine "inspirierende Gegend" in ständigem Wandel.

Es ist ein bißchen so, wie im alten Rom. Ein Straßenverlauf nach urtümlicher städtebaulicher Ordnung. Die Ottenser Hauptstraße, die sich fast horizontal von West nach Ost zieht, quer dazu die von Nord nach Süd verlaufende Bahrenfelder Straße. Mit dem Zeigefinger zeichnet Burkhart Springstubbe das Muster auf der großen schwarzweißen Luftaufnahme nach, verharrt kurz im Knotenpunkt, dem Spritzenplatz. "Von hier aus erschließt sich dann der gesamte Stadtteil", sagt er. Doch auch in Ottensen ist es wie so oft im Leben: Das Wesentliche liegt im Verborgenen. In den kleinen, verwinkelten Straßen.

"Ottensen ist eine sehr inspirierende Gegend", sagt Springstubbe. "Auf jedem Schritt begegnet man einer Veränderung." Das wird ihm jedesmal wieder bewußt, wenn er das 1972 aufgenommene Luftbild neben dem Schreibtisch in seinem Büro ansieht. Denn die Veränderungen, auf die der 57jährige besonders achtet, sind baulicher Natur. Mit sich bringt das sein Beruf, Springstubbe ist Architekt. Und Ottensen für ihn ein Ort voller Möglichkeiten.

"Altbauwohnungen stehen neben Baugruben von gerade abgerissenen Häusern, während gegenüber verglaste Wohnprojekte zwischen Gewerbehöfen entstehen", sagt Springstubbe. Schon das Bürogebäude der AG horizont Architekten in einem Innenhof an der Kleinen Rainstraße, das Springstubbe sich mit drei Kollegen teilt, ist ein Kleinod für sich. Der alte Kastanienhof war vollkommen heruntergekommen, ging durch mehrere Käuferhände, unter anderem durch die eines Scientologen, und war jahrelang in Zwangsverwaltung, bis es von den Architekten komplett saniert wurde. Jetzt liegen das Büro, eine Naturheilpraxis und eine Softwarefirma hinter der Backsteinfront mit den großen Fenstern. "Jedes Haus hat seine eigene Geschichte", sagt Springstubbe, der selbst Bücher wie "Lokalgeschichte Ottensen" oder "Schauplatz Ottensen" veröffentlicht hat.

Eine ganze Straße voll Geschichte liegt im Norden des Stadtteils, die Zeißstraße. Auf rund 200 Metern steht sie unter Denkmalschutz - als einzige Straße der Stadt. 1984 gab ein Freund aus dem Denkmalschutzamt Springstubbe den Auftrag, eine baugeschichtliche Bestandsaufnahme der zwischen 1860 und 1875 entstandenen Häuser zu machen, eine Zeit des baulichen Umbruchs. Seit 1996 wird der Abschnitt geschützt. "Hier stehen noch die ländlichen dreitürigen Sahlhäuser, deren Mitteltür in das obere Geschoß führt", sagt der Architekt. Direkt nebenan kann die Entwicklung zum städtischen Etagenhaus um 1890 beobachtet werden.

Der Auftrag aus dem Denkmalamt kam nicht von ungefähr. Schon zuvor engagierte Springstubbe sich in Bürgerinitiativen, beispielsweise gegen den Bau der Bustrasse. So kam es auch zu einer eher ungewöhnlichen Partnerschaft mit dem Stadtteil "El Cabanyal" im spanischen Valencia. Auch dort soll, zum Ärger der Anwohner, eine Hauptstraße quer durch den Stadtteil gebaut werden. Der Protest schweißte zusammen - und veranlaßte Springstubbe zu regelmäßigen Spanienurlauben.

"Das Engagement hatte ich noch aus meiner Studentenbewegungszeit und von den Anti-Atomkraft-Demos", sagt er, wobei er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann. Auch bei der Gründung des Stadtteilarchivs mischte der ehemalige GAL-Abgeordnete mit, die Betreuung ist eines seiner liebsten Hobbys. Daher weiß er auch, daß Ottensen ab 1850 zum Industriestandort wurde, die ersten Glashütten beherbergte und von Altona durch eine Zollgrenze abgetrennt war. Und daß Ottensen früher einmal Tottenhusen hieß. "Nicht zu verwechseln mit den Hottentotten", sagt er und lacht.

Der Bezug zur Industrie findet sich auch heute noch. Zum Teil auffällig, wie bei der Konzerthalle "Fabrik" und den Zeise-Hallen, aber auch versteckt, so wie beim "Menckmal". An der Kreuzung Nöltigstraße/Am Born steht das Denkmal, ein Bagger der ehemaligen Fabrik Menck und Hambrock - daher das Wortspiel. Der Menck M 152 ist ein Löffelhoch-Bagger von 1954/55 und wurde zur Erinnerung aufgestellt. Mit gelber Farbe hat ein Künstler die Geschichte der Fabrik auf das Gehäuse geschrieben, damit keiner mehr auf die Idee kommt, Graffiti aufzusprühen. Noch heute kümmern sich ehemalige Arbeiter um den Bagger, so daß er noch fahrtüchtig ist. "Zur Altonale wird er manchmal wieder angeschmissen", sagt Springstubbe. "Und letztes Mal haben junge Musiker mit Stöcken Musik darauf gemacht." Kreativität liegt in Ottensen eben auf der Straße.

Kein Wunder, daß es immer mehr Medienfirmen oder Fotoateliers mit vielen jungen Leuten in den Stadtteil zieht. Einen Nachteil hätte das allerdings schon: "Man merkt, daß man älter wird", sagt Springstubbe und lacht. Ihn hat Ottensen jung gehalten. Darum würde er auch auf keinen Fall wegziehen. "Irgendwann in 2014 kommt der Tag, an dem ich die Hälfte meines Lebens hier verbracht habe", sagt er. Und egal was sich bis dahin geändert hat - den wird er in jedem Fall groß feiern.