Ein "Dorf" mit Höfen und Hochhäusern

Serie: Abendblatt und NDR-"Hamburg Journal" präsentieren Hamburgs Quartiere. Gisela Johannsen liebt die alten Bauernkaten, Stallungen und die Rotbuche auf dem Hof der Familie Wells von 1913 an der Hummelsbüttler Dorfstraße.

Wenn Gisela Johannsen spazieren geht, sagt sie, sie geht "ins Dorf". Ihr Dorf, das ist nordwestlich vom Hummelsbütteler Markt, dem ehemaligen Dorfkern der Gemeinde. Im Schatten von modernen Hochhäusern stehen hier noch alte Bauernkaten und Höfe aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Häuser, bei denen noch das Baujahr im Giebel geschrieben steht. Häuser mit großen Gärten und kleinen Fenstern.

Gisela Johannsen geht fast jeden Tag im "Dorf" spazieren. Sie muß einfach - raus aus der Wohnung und rein in die Natur. Seit 38 Jahren lebt die seit Jahren bei Greenpeace aktive Rentnerin hier, war 1967 mit ihrem Mann aus Hamm nach Hummelsbüttel in die neue Siedlung der Genossenschaft gezogen. Ursprünglich hatte die heute 73jährige nie "so weit raus" ziehen wollen. Als sie vor dem Umzug eine damalige Arbeitskollegin in Hummelsbüttel besuchte und der erste Blick auf eine, so sagt sie, "riesige, matschige Weide mit Kühen" fiel, da sei es ihr unbehaglich gewesen. "Die Sonne war schon untergegangen und der Nebel lag auf den Wiesen. Ich habe damals zu meinem Mann gesagt: ,Hier würde ich niemals hinziehen'." Doch dann kam alles ganz anders. Ihr Sohn war in Hamm von einem Auto angefahren worden, außerdem habe es dort kaum Spielplätze und grüne Wiesen gegeben. Grund genug, umzuziehen - nach Hummelsbüttel. Gisela Johannsen ist seither geblieben, auch nach dem Tod ihres Mannes vor acht Jahren.

Inzwischen liebt sie ihr Viertel, ist hier fest verwurzelt. "Mitten in der Großstadt, mit all ihren Vorteilen wie der guten Verkehrsanbindung lebt es sich hier trotzdem fast wie auf dem Land", sagt sie. Vor allem die "schönen alten Bäume" haben es ihr angetan. Davon gibt es in Hummelsbüttel nicht wenige. Einen hat Gisela Johannsen besonders ins Herz geschlossen: die Rotbuche auf dem Hof der alten Bauernfamilie Wells von 1913 an der Hummelsbüttler Dorfstraße. "Der Baum ist mindestens 200 Jahre alt", ist Johannsen sicher. Auf ihren Spaziergängen macht sie hier jedesmal halt, setzt sich für ein Weilchen an den dicken Stamm und hält eine Weile inne. Nebenan, in den ausgebauten ehemaligen Stallungen des Hofes, lebt ihre Hausärztin.

Ein paar Schritte weiter steht Gisela Johannsens "Lieblingshaus", ein großes Anwesen aus dem Jahr 1904 aus rotem Backstein. "Ich habe es noch nie von innen gesehen, aber beim Anblick des Hauses kann ich mir vorstellen, wie das Leben früher, um die Jahrhundertwende gewesen ist", sagt sie. Damals waren in Hummelsbüttel noch überwiegend Kleinbauern und Ziegeleien ansässig. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden hier im Jahr rund 20 Millionen Steine produziert. Den Garten vor Johannsens Lieblingshaus schmücken eine weitere alte Buche, Roter Ahorn und Rhododendronsträucher.

Mit ihrem Enkel Fritz (5), der sie jede Woche besucht, spaziert sie meist zum nahe gelegenen Reitstall Rehagen. "Zuerst hatte er Angst vor den vielen großen Pferden, aber hier hat er gesehen, wie zutraulich die Tiere sind und will nun immer wieder mit mir hierher." Der Rückweg führt die beiden dann meist am Grützmühlenweg vorbei. Hier stand früher, als Hummelsbüttel noch zum Kreis Stormarn gehörte, eine Grützmühle, die man im Jahr 1885 wegen technischer Probleme stillegte.

1937/38 wurde Hummelsbüttel nach Hamburg eingemeindet, damals lebten in dem Bauerndorf knapp 2000 Einwohner. Als in Hamburg akute Wohnungsnot herrschte, wurden Ende der 1960er Jahre die Großwohnsiedlungen Lentersweg und Tegelsbarg errichtet. Heute leben in Hummelsbüttel mehr als 17 200 Menschen. Statt Bauernhöfen stehen rund um den Hummelsbütteler Markt nun Hochhäuser.

Im Norden hingegen ist es noch fast wie früher. Grüne Wiesen, die an die Susebek grenzen, einen Nebenfluß der Alster. Der Reitstall, die reetgedeckte Bauernkate am Grützmühlenweg, die jahrhundertalte Rotbuche. "Auch hinter unserem Haus lagen bei unserem Einzug noch Felder. Damals konnte man Fasane und Rebhühner beobachten, wie sie über das Korn spazierten." Jetzt aber sieht Gisela Johannsen, wenn sie aus ihrem Schlafzimmerfenster schaut, einen grasbewachsenen Hügel. "Den haben sie irgendwann aufgeschüttet, den Bauschutt darin vergraben und bepflanzt", sagt sie. Die wenigen Kinder in der Genossenschaftssiedlung kümmern sich nicht darum, was früher war. Sie nutzen den Hügel bei Schnee als Rodelberg. Und so mischt sich in Hummelsbüttel alt und jung, Natur und Hochhäuser, Stadt und Dorf.