Verliebt in Kirchwerder

Serie: Das Abendblatt und der NDR zeigen Hamburgs Quartiere. Architekt, Maler und Intarsientischler Werner Schröder lebt seit 69 Jahren in den Vierlanden. Kaum einer kennt die Gegend so gut wie er.

Ganze 4,40 Meter über Normal Null liegt die höchste Stelle des Hitscherberges, keine 200 Meter von Werner Schröders Haus entfernt. "O.k.", sagt der 69jährige mit einem Lachen, "für einen Bayern ist das nichts, aber hier in Kirchwerder ist das ganz anständig." Der Hitscherberg, jenes 2,2 Kilometer lange Deichstück am Kirchwerder Hausdeich, hat ihn seiner Heimat wieder ein Stück näher gebracht, als er in den 80er Jahren ein Buch über die Erhebung schrieb. Einer Heimat, in der millionenschwere Gemüsebauern gelegentlich in abgewetzten Cordhosen und ohne Schnürsenkel auf einem Dorffest erscheinen, aber anderntags am Küchentisch einen Neuwagen beim örtlichen Autohändler bestellen, ohne das Fahrzeug überhaupt gesehen zu haben. Doch wer fragt, wird immer hören, daß die Geschäfte nicht gut laufen.

Seinen Wohlstand verdankt Kirchwerder dem gutem Boden, dem Fleiß und der Phantasie seiner Bewohner. So starteten von hier aus Mitte des 19. Jahrhunderts kleine Karawanen aus drei oder vier Pferdefuhrwerken, um Blutegel aus Rußland zu holen. Denn in Hamburgs Krankenhäusern wurde kräftig zur Ader gelassen. Und ein Blutegel brachte bis zu 50 Pfennig, in einer Zeit, als ein Tagelöhner gerade eine Mark am Tag verdiente.

Werner Schröder kennt viele Geschichten wie diese. Bis heute lebt der Architekt, Maler und Intarsientischler in seinem Geburtshaus am Kirchwerder Hausdeich, in dem er auch seine Postkartensammlung mit 1600 historischen Motiven aus Kirchwerder aufbewahrt. Er liebt seinen Stadtteil. Die alten Häuser zeugen noch heute vom frühen Reichtum der Vierlande, zu denen neben Kirchwerder auch Altengamme, Neuengamme und Curslack gehören. "Man wohnt hier nebeneinander", sagt Werner Schröder und zeigt den Kirchwerder Hausdeich hinunter, wo sich Häuser aus vielen Epochen wie auf einer Perlenschnur aneinanderreihen.

"Wie gut es den Menschen hier ging, sieht man auch auf dem Friedhof", sagt Schröder und deutet auf tonnenschwere Grabplatten. Die älteste stammt von 1586. Der Kirchwerder Friedhof ist für ihn ein zentraler Ort. Denn die Grabsteine, die vor allem an Großbauern erinnern, erzählen Geschichten. So sind die Söhne und Töchter auf den Grabsteinen kniend dargestellt.

"Diese Grabplatten geben Rätsel auf. Wie sie bis zum Friedhof gebracht wurden, ist ungeklärt. Denn jeder Leiterwagen wäre unter der Last zusammengebrochen", sagt Schröder. "Und die Elbe ist ein ganzes Stück entfernt." Sicher sei nur, daß die Steine nicht in Kirchwerder behauen wurden, weil nirgendwo Gesteinsabfall zu finden sei. Und es gibt noch ein weiteres Indiz dafür, daß Steinmetze kaum in Kirchwerder tätig waren: Auf vielen Grabsteinen wurden die Geburtsdaten Hinterbliebener bereits eingemeißelt, die Todesdaten fehlen jedoch.

Werner Schröders Lieblingsstein steht fast am Ende der langen Reihe. Er erinnert an einen Intarsientischler und hat schon deshalb eine besondere Bedeutung für ihn. Denn der 69jährige hängte in den 60er Jahren seinen Job an den Nagel und trat in die Fußstapfen seines Großvaters - eines Intarsientischlers. Schröder baute die alte Werkstatt zum Atelier aus und widmet sich seitdem der Ölmalerei und der Herstellung und Restaurierung von Intarsien. Schon als Knirps hat er gebaut - seine ersten Schiffe. Ein paar davon stehen bis heute auf einem Regal über der Tür.

"Ich konnte die Schiffstypen früh unterscheiden", sagt Schröder wenig später und läßt den Blick über die Elbe schweifen. Vom Zollenspieker Fährhaus aus, wo der südlichste Baum Hamburgs stehen soll, hat er mit seinen Eltern oft übergesetzt nach Hoopte in Niedersachsen. Dort lebte die Familie des Vaters.

Aber Kirchwerder, sagt Werner Schröder auf der Fahrt zum Öko-Hof Eggers, sei für ihn die Heimat. Der alte Bauernhof sei ein Symbol für das Miteinander von Tradition und Moderne. Der Hof Eggers ist Produktionsbetrieb und kleines Museum zugleich, durch das Werner Schröder gelegentlich eine Besuchergruppe führt. Denn in seiner Heimat kennt er sich aus - auch dank der zahlreichen Tagebücher seines Großvaters, in denen so viel mehr steht, als in allen Geschichtsbüchern . . .