Bramfeld - wo die gute Luft zu Hause ist

Serie: Abendblatt und NDR-"Hamburg Journal" präsentieren Hamburgs Quartiere. Kirsten Lange liebt den Stadtteil, in dem ihre Eltern schon seit 25 Jahren einen Kindermode-Laden betreiben. Vor allem wegen der familiären Atmosphäre, die hier herrscht.

Wer einfach nur hindurchfährt, sieht nichts. Er muß schon aussteigen aus dem Auto. Ein Stück gehen, hinsehen. Denn die Bramfelder Chaussee ist keine übliche Flaniermeile. Kein glitzerndes Einkaufsparadies. Nicht dort, wo die Geschäfte sind, dicht an dicht und die meisten klein. Ein Hauch von Charme der Vergangenheit liegt über den zwei Kilometern vom Bramfelder Dorfplatz an stadtauswärts. Über der Straße, die eigentlich eine Ausfallstraße ist. Auf der sich in den Hauptverkehrszeiten die Autos stauen.

Viele Einwohner nennen die Straße liebevoll "das Dorf". Kirsten Lange (38) zum Beispiel. "Hier gibt es einfach alles", sagt die geborene Bramfelderin, vor zwölf Jahren "ausgewandert" nach Meiendorf. Aber weil ihre Eltern Dorothea (67) und Dieter Kirsch (64) einen Kindermode-Laden an der Bramfelder Chaussee haben, gleich neben einem Laden für Fernsehgeräte und einem anderen für Zeitungen, hat sie den Draht zu ihrem Stadtteil nie verloren.

Es scheint tatsächlich alles zu geben, sogar ein Hallenbad und eine öffentliche Bücherhalle, den Stadtteil-Kulturladen "Brakula" und natürlich jede Menge Restaurants. Nur keine U-Bahn. Die, so wissen die Kirschs, ist seit Jahrzehnten immer wieder im Gespräch. "Sie kommt aber nicht", sagt Kirsten Lange, und es scheint nicht viel auszumachen. Immerhin gibt es drei Buslinien. Die bringen die Bramfelder zu den Bahnhöfen Barmbek und Wandsbek-Markt. Und von dort aus in die Innenstadt - wenn es denn sein muß. Aus Kirsten Langes Sicht ist das selten genug. Als sie Teenager war und die Jeans aus dem elterlichen Geschäft leid war, fuhr sie in die City. Jetzt nicht mehr. Ihr Stadtteil ist im Alltag Welt genug. Zum Teil noch heile Welt. Während andernorts die Mieten explodieren und deshalb die Mieter wechseln, feiern an dieser Straße die Läden Jubiläen - 25 Jahre, so wie der Laden der Familie Kirsch, sind keine Seltenheit.

Und dann gibt es noch etwas in Bramfeld: die gute Luft. "Die finden Sie sonst nirgends in so zentraler Lage", sagt Dorothea Kirsch. Das Geheimnis von Bramfelds Luft: der Friedhof Ohlsdorf gleich nebenan und die beiden Seen. Der kleine und der große. Keine drei Minuten zu Fuß durch die Anderheitsallee, eine der ältesten Straßen im Stadtteil, und der Blick fällt auf den kleinen Bramfelder See. Und auf Kormorane hoch in den Baumkronen. Auf ungezählte Nester, die sich in den kahlen Ästen gegen den Novemberhimmel abheben.

Reiher haben sich angesiedelt, und im Sommer sonnen sich Schildkröten auf abgestorbenen Baumstämmen im Wasser. Nebenan, vor der alten Schleuse, die den großen See von der Osterbek trennt, hat Dieter Kirsch als kleiner Junge noch gebadet. Heute ist das rund 3,8 Kilometer lange Seeufer eine beliebte Joggermeile, an der im Winter Glühwein und im Sommer Eis verkauft wird. "Hallo Anne", grüßt Dorothea Kirsch eine Spaziergängerin am See. "In Bramfeld treffen Sie immer irgend jemanden, den Sie kennen. Egal, zu welcher Zeit", sagt sie.

Es gibt einen Dorfplatz im Stadtteil, wenigstens heißt er noch so. Familie Kirsch schätzt ihn allerdings nicht besonders: "Da steht ein Steinsockel. Da soll der Ortskern sein. Aber kaum einer sieht hin." Der Steinsockel, gekrönt von einem Bronze-Adler und eingerahmt von Büschen, ist ein Gedenkstein und erinnert an die "Erhebung Schleswig-Holsteins am 2. März 1898".

Doch auch wenn es keinen erkennbaren Mittelpunkt gibt, es gibt genügend alte Häuser zwischen den Neubauten und einigen Bausünden aus den 60er und 70er Jahren. Typische Hamburger "Kaffeemühlen" aus Backstein stehen neben Gelbklinkerhäusern und getünchten Altbauten mit Stuck und Gesimsen. An der Bramfelder Chaussee genauso wie in den kleinen, ruhigen Nebenstraßen. "Hier ist das Leben noch bezahlbar, hier stimmt noch das Verhältnis zwischen Preis und Leistung", sagt Dieter Kirsch.

Doch auch das nicht mehr überall: In einem modernen Häuserblock am See steht eine Wohnung zur Miete frei. Kirsten Lange würde liebend gern mit ihrem Mann und den zwei Kindern zurück nach Bramfeld ziehen. In ihren Stadtteil. Die Lage am See wäre toll, aber: "Hier sind die Mieten auch schon illusorisch."

Kirsten Lange hat keine Eile, sie sucht weiter nach einer Wohnung und hofft. Nach Bramfeld kommt sie ohnehin jeden Tag - sie arbeitet bei ihren Eltern im Geschäft. Im Dorf.