Mümmelmannsberg: Vom Betongetto zum Künstlerviertel

Serie: Abendblatt und NDR-"Hamburg Journal" präsentieren Hamburgs Quartiere. Ingrid und Nina Ehmke sind stolz auf ihren Stadtteil. "Hier ist alles ganz normal", sagen sie.

Sie ist 33 Jahre alt. Lange Zeit galt sie als sozialer Brennpunkt. Und ihr architektonischer Charme ist speziell: Mümmelmannsberg, die Großsiedlung in Hamburgs Osten, im Stadtteil Billstedt. "Mümmel", wie Einwohner, die das Quartier schätzen, sagen. Auf dem Reißbrett entworfen, mit geraden Straßen und einheitlichen Häusertypen. Mit viel Beton. "Mümmel muß man im Sommer sehen", sagt Nina Mariko Ehmke (26). Wenn die Obstbäume blühen, die tief unten die Straßen säumen. Nina Ehmke steht auf dem Dachbalkon des Hochhauses an der Straße Neue Holl 8. Hier oben hat sich die Frauenmalgruppe "Wir" einquartiert, und von hier reicht der Blick weit über das Quartier bis zur Glinder Au und zum Öjendorfer Park.

Nina Ehmke ist "auf dem Berg" geboren, und sie ist geblieben. Ihre 74 Quadratmeter große Wohnung hat zwei Balkons und ist doch gerade mal halb so teuer wie vergleichbare Wohnungen in anderen Stadtteilen Hamburgs. Und auch die meisten ihrer Freunde sind noch da. "Wer von hier kommt, der bleibt oder kehrt später wieder zurück."

Ninas Mutter, Ingrid Ehmke (57), ist überzeugte "Mümmel-Frau". In die Innenstadt fährt sie nur, weil sie dort arbeitet. "Hier ist alles ganz normal", sagt sie. Normal, das heißt für die gelernte Buchhalterin, daß es sich gut leben läßt in "Mümmel". Ingrid Ehmke sagt das öfter und beinahe kämpferisch. Es wirkt wie ein Bollwerk gegen Vorurteile. "Mümmel hat seinen Stempel", bestätigt die Tochter. Dabei wurde der triste Beton längst ausgeglichen durch Grün, viel Grün. Statistisch gesehen gibt es genauso viele Straßenbäume in Mümmelmannsberg wie Wohnungen: 7400. Dazu den Öjendorfer Park und die Glinder Au. Es gibt den Tennis- und den Cricketplatz, einen großen Sportverein und eine Inlineskate-Bahn. Bauspielplätze, Kleingärten, Literaturkreise. Beide Frauen schwärmen von dem aktiven Leben im Stadtteil und von dem kulturellen Miteinander. Rund 19 000 Einwohner hat die Großsiedlung, davon kommen gut 23 Prozent nicht aus Deutschland, ihr Anteil unter den Schülern liegt sogar bei 33 Prozent. Die Ehmkes sehen keine Probleme, und das, so glauben sie, liegt daran, daß die einstige Problemsiedlung inzwischen so gut ausgestattet ist.

"Hier kann jeder irgendwo mitmachen, es gibt genug", sagt Ingrid Ehmke. Allein vier Künstlergruppen haben sich im Stadtteil angesiedelt - das Fotoatelier Graukeil, der Künstlerkeller, das Offene Atelier und die Frauenmalgruppe "Wir". Die Kunst ist überhaupt so ein Pflänzchen, das in Mümmelmannsberg gut zu gedeihen scheint. Viele Straßen sind nach Künstlern des 20. Jahrhunderts benannt. An den fensterlosen Seitenwänden der Hochhäuser hängen 80 Quadratmeter große Poster, Kunst am Bau, von "Wir" gestaltet und gesponsert von den Partnern des Stadtteilmarketings Mümmelmannsberg. Der 1982 eingeweihte Skulpturenhof an der Kandinskyallee gleich neben der Wochenmarktfläche in der Nähe des Bahnhofes ist auch so ein unerwartetes Erlebnis: Auf runden Steinsockeln stehen 16 Bronzeplastiken von den Künstlern Edwin Scharff, Gustav Seitz und Hans-Joachim Frielinghaus.

Und mitten drin steht "Paula". Die Frau mit dem Titel "Wut im Bauch". Zwei Meter hoch und im Stil der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle. "Ich konnte sie nicht mehr sehen. Aber jetzt geht es wieder", gesteht Nina Ehmke, Schöpferin der Paula. Mit ihrem Entwurf hatte sie im Jahr 2002 die Juroren vom Stadtteilmarketing überzeugt. Tagelang arbeitete Nina, die eigentlich Erzieherin ist und Nachtwachen in einer Behinderten-WG in Altona schiebt, im "Wir"-Atelier, wickelte, klebte, schliff und polierte. Ihr Werkstoff: Styropor und Stahlgerüst, darüber Glasfiberkunststoff. "Kunst ist hier Programm", sagt ihre Mutter und lächelt. Nina nahm sie mit in die Gruppe, als das Mädchen gerade 15 Jahre alt war. "Das prägt, ich kann's mir gar nicht anders vorstellen", sagt die Tochter.

Mit den anderen Frauen von "Wir" malt Ingrid Ehmke gerade an einem Auftragswerk für das Foyer des Ortsamtes Billstedt: ein Panorama des Stadtteils, gemalt im Stil des Wiener Künstlers Friedensreich Hundertwasser (1928-2000). Aber Kunst ist nicht alles. "Die Menschen hier sind auch bereit zu kämpfen", sagt Ingrid Ehmke, und da schwingt ein bißchen Stolz mit. Die "vom Berg" haben es nämlich geschafft, daß ihr Sozialamt aus Billstedt zurück nach Mümmelmannsberg kommt. Für den Erhalt ihrer öffentlichen Bücherhalle haben sie auch demonstriert, genützt hat es dann aber doch nichts. "Die wurde sehr gut genutzt, und es ist doch toll, daß auch die jungen Leute lesen", sagt Ingrid Ehmke. Eine Investition in die Zukunft wäre der Erhalt gewesen, nun sei es leider eine vergebene Chance.

Aus der Stadtteilzeitung "aktiv wohnen. Mümmelmannsberger Gruppen informieren", erfahren die Anwohner alles Notwendige. Wann der Sanierungsbeirat tagt, welche Gruppen was anbieten. Und auch, wann demonstriert wird. "Hier muß niemand allein sein, kann sich jeder am Stadtteilleben beteiligen", sagt Ingrid Ehmke. In den 70er Jahren hat sie für sieben Jahre in Horn gewohnt. Da, so erinnert sie, sei sie anonym hingezogen und ebenso anonym wieder weggezogen. Auf dem Berg ist das ganz anders.