Hier sagen noch alle "Du" zueinander

Niendorf: Dörfliche Idylle am Münchhausenweg - trotz Flughafen. . . . und Elly Brandes ist der Kristallisationspunkt einer funktionierenden Nachbarschaft. Ihren Stadtteil kennt sie aus dem Effeff.

Im Münchhausenweg schätzt man sie noch, die Gemeinschaft, und hält nur wenig von der Anonymität der Großstadt. Die dörfliche Idylle ist hier allgegenwärtig, wohnt in Vorgärten, alten Eichen und Einfamilienhäusern. Man spricht Hamburgisch, jeder kennt sich, und die Bewohner des Münchhausenwegs scheinen chronisch ausgeglichen zu sein. Nebenan, nur einen halben Kilometer von dieser Niendorfer Straße entfernt, ist es laut, hektisch, beginnt die weite Welt. Der Hamburger Flughafen ist der große, dröhnende Nachbar des Münchhausenwegs. Doch gestört fühlen sich die Bewohner der rund einen Kilometer langen Straße nicht. Am wenigsten Elly Brandes.

Der Flughafen gehört für sie dazu, genauso wie das Naherholungsgebiet am Ende des Münchhausenwegs. Generationen von Niendorfer Kindern hat sie hier beigebracht, Purzelbäume zu schlagen und vorgemacht, wie man weitspringt. Elly Brandes ist 78 und ein Vereinsmensch. Sie war 36 Jahre lang Übungsleiterin beim Niendorfer TSV und hat gerade ihre letzte Damen-Gymnastikgruppe abgegeben. Doch Ruhe, die sucht sie nicht. "Für mich muß immer was los sein."

Im Münchhausenweg ist sie eine Berühmtheit, "ein Urgestein", wie ein Nachbar sagt. Untereinander sei man hilfsbereit und offen. "Wir sagen alle ,Du', das ist hier so", erklärt Elly und ignoriert Berührungsängste Fremder. Im blauen Parka marschiert die Frau mit dem weißen Haar durch ihren herbstlichen Garten und blickt stolz auf den Holzvorrat im Schuppen: "Kleingehackt und ordentlich gestapelt", sie habe das alles noch selbst gemacht. Nun ja, die Enkel hätten auch geholfen. Vier Jungs im Alter von 14 bis 22 Jahren von zwei Töchtern, Silke und Swantje. Alle aus ihrer Familie leben in ihrer Nähe, im Teutonenweg und in der Wendlohstraße. Sie liebt ihr kleines weißes Haus, ihre Terrasse und die Erinnerungen an schwere, aber auch schöne Jahre. Wegziehen wegen des Flughafens oder der Trennung von ihrem Mann? "Nein", das wollte Elly Brandes nie.

Nur ein einziges Mal in ihrer Jugend hatte sie das Gefühl, weg zu müssen, das war 1944 im Zweiten Weltkrieg. Sie war gerade mit der Schule fertig, 17 Jahre alt und wohnte noch bei den Eltern am Bondenwald, nur ein paar Straßen vom Münchhausenweg entfernt. Obwohl sie eigentlich Sportlehrerin werden wollte, meldete sie sich freiwillig zum sogenannten Außendienst. Elly Brandes wurde als Fernschreiberin zur Reichsleitung nach München geschickt und blieb ein Jahr. Am 3. Mai 1945 lief sie los, "der Krieg war aus und ich wollte nur nach Hause." Auf dem Weg überstand sie eine Blutvergiftung, erreichte nach 27 Tagen Fußmarsch und 970 Kilometern Strecke ihre Heimat. Ihre Füße waren mittlerweile von Schuhgröße 38 auf 42 auseinandergegangen.

Auf einer Fahrt mit ihrem blauen Opel Corsa, immer entlang der Absperrung vom Flughafengelände, zeigt Elly Brandes die Plätze, die ihr wichtig sind. Der Minigolfplatz bei den Kleingärten und der See direkt an der Start- und Landebahn 2, zu dem sie gern mit dem Fahrrad fährt und der im Winter manchmal gefroren ist.

Sie lebt seit 1959 im Münchhausenweg. Ihr Leben und das ihrer Nachbarn wird von dem schwelendem Dröhnen aus der Luft begleitet. Nur nachts ist es ruhig. Auf den Landebahnen starten die Flugzeuge im Zehn-Minuten-Takt, von morgens sechs bis um 23 Uhr. Doch was von anderen Menschen als Lärm empfunden wird, stört Elly Brandes nicht. "Wir leben hier im toten Winkel", deswegen sei es nicht so laut, sie zeigt in Richtung Münchhausenweg. Der tote Winkel ergebe sich, weil die zwei

Landebahnen im rechten Winkel zum Münchhausenweg verlaufen.

Sie ist stolz auf den Flughafen, und auch zwei Ausflügler, die mit Fahrrädern entlang der Tarpenbek bis in die Stadt fahren, gucken den Flugzeugen nach, eine Beschäftigung der Elly Brandes stundenlang nachgehen könnte. "Der Flughafen ist was besonderes und Arbeitgeber für viele Menschen hier." Auch Ellys geschiedener Mann Horst hat bis zu seiner Pensionierung als Flughafentechniker gearbeitet.

In der Nähe der Landebahn 1 war früher ein Quellbad. Auf dem Weg zur Schule am Sootbörn, die heute ein Kunsthaus ist, ging sie oft Schwimmen, traf sich mit Freundinnen. "Das Gelände hier hieß damals Promenade." Sie hält am Tor 9, ein Lufthansa-Kranich hebt ab, dröhnend, majestätisch. "Das ist der optimale Aussichtspunkt." Wirklich lange und weit weg war Elly noch nie. Mitgeflogen ist sie erst dreimal, in den 60ern und 70ern, nach Frankfurt, Berlin und sogar Brüssel. Besuchte Fortbildungen für Turnlehrer, denn das war sie ja inzwischen.

"Der Münchhausenweg," erinnert sie sich, "das waren früher nur Schrebergärten." Auch auf ihrem Grundstück war das so. Sie hat 1955 angefangen zu bauen, zusammen mit Horst. Vier Jahre hat es gedauert, bis sie zum ersten Mal Weihnachten in ihrem neuen Eigenheim feiern konnten. "Der schönste Moment war damals für uns, als wir zum ersten Mal den Tannenbaum angezündet hatten."

Obwohl Niendorf seit 1937 zu Hamburg gehört, zählt es, wenn man Elly Brandes glaubt, nicht zum Stadtgebiet. "Denn die Stadt beginnt erst in Eimsbüttel, da wo die Häuser so dicht beieinander stehen." Die Grenze liege da, wo sich die Nachbarn nicht mehr kennen. Im Münchhausenweg lebt man miteinander. Eine von Ellys Nachbarn ist Alma (80). Manchmal kocht sie für Ellys Enkel, wenn Elly mal nicht kann oder wie heute Sehnsucht nach der Ferne hat. Während es also im Münchhausenweg Bohnensuppe mit Würstchen gibt, steht Elly am Tor 9 und schaut den Fliegern am Himmel hinterher.