St. Georg kann so anders sein . . .

Serie: Das Abendblatt und das NDR-"Hamburg Journal" präsentieren Hamburgs Quartiere. Barbara Leuschner hat den Wandel des Viertels verfolgt. Ihre geliebten Hinterhöfe wie das "Dorf" haben überdauert.

Verdreckt, verrucht, verrufen. Das war vor Jahren der Ruf, der St. Georg anhing. Barbara Leuschner (43) hat das nicht gestört, als sie 1987 zusammen mit ihrem Mann in den Stadtteil zwischen Hauptbahnhof und Hansaplatz zog. Sie empfand das Quartier als urwüchsig, unverwechselbar und sehr lebendig. Die Web-Redakteurin schätzt St. Georg immer noch, obwohl fast nichts mehr so ist, wie es damals war. Von ihrem Balkon aus im vierten Stock ist zu sehen, was sie meint: gegenüber ein über zwei Ebenen verglastes, ausgebautes Dachgeschoß. Sündhaft schick und teuer. Und links daneben wartet schon der nächste Altbau auf seine Sanierung.

Von dem Haus an der Straße Koppel Nummer 12 steht nur noch die Fassade, dahinter entsteht ein modernes Innenleben. Und an der Rückfront des Backsteinbaus an der Koppel 4-6, in dem das älteste Restaurant des Stadtteils, "Zur alten Flöte" logiert, verdecken mächtige Stahlkonstruktionen die Mauern - angebaute Balkons und Dachterrassen heben die Lebensqualität in den Wohnungen, die längst in Eigentum umgewandelt wurden. Barbara Leuschner schätzt den Wandel in ihrem Stadtteil sehr wohl, anders als viele ihrer Kollegen im Einwohnerverein von St. Georg. Die, so Leuschner, möchten am liebsten ihr altes St. Georg zurück. "Ich bin ganz froh, daß der Babystrich weg ist, und auch die Drogenszene", sagt die Mutter von drei Kindern.

Ganz glücklich ist sie allerdings nicht. "Wenn man einen Stadtteil aufhübscht, nimmt man ihm das gewachsene Flair, dann ist er nicht mehr rund." Das fällt ihr besonders auf, seitdem sie von Zuhause aus für die Onlinezeitung "Familien-Welt" arbeitet. Und das vermißt sie schon etwas. Damals, als ihr Mann und sie ihre erste Wohnung an der Koppel bezogen, war St. Georg noch weit entfernt davon, eine begehrte Wohnlage zu sein. Es war irgendwie schräg und vor allem preiswert, auch für Familien. Und wenn die Leuschners aus dem Fenster in den Innenhof sahen, waren da die türkischen Nachbarn, die im Sommer auf dem Balkon Decken ausbreiteten und aßen, auf einem anderen Balkon staksten Hühner herum und in dem Haus in der Hofmitte wohnten Zigeuner und machten Musik.

Barbara Leuschner lacht. Denn nebenan gab es auch noch einen Puff und eine Anwaltskanzlei und genau dazwischen das "Babyhaus" für Kinder aus dem Stadtteil.

Wahrscheinlich, so räumt sie ein, fände sie das alles heutzutage nicht mehr so romantisch. Dennoch liebt sie einige alte Winkel auf St. Georg seit der Sanierung des Stadtteils umso mehr. Das "Dorf" zum Beispiel. Früher war Hamburgs wahrscheinlich idyllischster Hinterhof für jedermann zugänglich. Als die Fremdenführer ihn entdeckten, wurde es den Bewohnern irgendwann zuviel mit den ungebetenen Besuchern. Sie verschlossen den schmalen Durchgang zur St. Georgstraße mit einer Tür.

Wen heute noch der Zufall hineinläßt, der findet sich in einer anderen Welt wieder. Kleine, vom Alter geduckte Fachwerkhäuser, krumm und schief die Wände. Dazwischen Kopfsteinpflaster und wuchernde Natur. Topfpflanzen, Tomaten und andere Gewächse. Es sind ehemalige Siechenhäuser. Häuser, in denen ganz früher, vor den Toren der Stadt, die Ausgesetzten der Gesellschaft wohnten. "Ich liebe diesen Ort", sagt Barbara Leuschner.

Genau wie den Hansaplatz. "Er hat Ausstrahlung und Weite, gibt dem Stadtteil eine Bedeutung." Mit seinem Pflaster, den würdevollen Kandelabern, mit dem Hammonia-Brunnen von Engelbert Peiffer, eingeweiht am 10. Juli 1888. Er gilt als eine der größten Brunnenanlagen Hamburgs, vergleichbar mit dem Stuhlmannbrunnen in Altona. Der Platz ist eingerahmt von stattlichen Altbauten auf der einen, von modernem Sozialbau auf der anderen Seite. "Spekulationsobjekte für Investoren mit langem Atem", sagt Barbara Leuschner. Und meint damit die Altbauten.

Denn noch ist der Hansaplatz eher multikulti als richtig hip. Doch St. Georg wird weiter Zug um Zug saniert. Kreative haben das Viertel längst entdeckt, Angestellte und Immobilienunternehmer, Schauspieler, Künstler und Autoren. An der Langen Reihe, dem Rückgrat des Stadtteils, haben Spitzengastronomie, Friseure, Coffeeshops und Bäckerei-Ketten viele der alten, kleinen Läden und Handwerksbetriebe verdrängt.

Und die Beschreibung "jung, schön und reich" paßt auf immer mehr neu zugezogene männliche Paare. "Als ich merkte, daß viele der alteingesessenen Homosexuellen wegziehen, dazu auch Familien, wußte ich, es wird ernst", sagt Barbara Leuschner. Der Wandel war nicht mehr aufzuhalten. Und noch etwas hat sie gemerkt: Seitdem die Mischung aus der Balance geraten ist, ist es auch mit der Toleranz in dem Stadtteil nicht mehr so weit her. "Dabei war gerade die einmal prägend", sagt sie.

Innehalten auf dem Hansaplatz, feiner Sprühregen vernebelt die Sicht. "Und auf der anderen Seite beginnt Klein-Istanbul", sagt Barbara Leuschner und läuft quer über den Platz durch die Brennerstraße zum Steindamm. An der Ecke der türkische Supermarkt, daneben ein persischer und gegenüber, an der Lindenstraße, der Lindenbasar. Wenn sie bestimmte Lebensmittel sucht und Zeit hat, geht sie hierher, zum Steindamm. "Das war in den 30er Jahren eine Prachtmeile, hier gingen die Hamburger essen und ins Theater", sagt sie. Demnächst will sie zusammen mit mehreren Künstlern aus dem Stadtteil ein Projekt entwickeln. Das Thema? Natürlich St. Georg. "Wir wollen zeigen, wie der Stadtteil jetzt ist, was schön und reizvoll ist."