"Hamburg ist für Sinstorfer schon die weite Welt"

Mensch, Hamburg! Neue Serie von NDR und Abendblatt über Stadtgebiete, die kaum einer wahrnimmt. Pastor Georg Timm, den sie als Neuankömmling "Student" schimpften, ist längst eine Institution.

Die Eichen in Sinstorf atmen Geschichte, sind höher und mächtiger als anderswo. Kein Wunder, die ältesten sind bis zu 500 Jahre alt. Die trutzige Kirche darunter ist so schiefwinkelig und würdevoll, wie ein Haus ihres Alters es nur sein kann. Hier ist der historische Mittelpunkt des kleinen Dorfes zwischen Heimfeld und Marmstorf, von einem der 104 Stadtteile Hamburgs. "Es ist eine Schlafstadt", schmunzelt Pastor Georg Timm (64). Eine der besonderen Art: Mit etwa 3000 Einwohnern hat Sinstorf zwar ein Gymnasium, doch es hat kaum noch Infrastruktur und nur wenige Arbeitsplätze. Wer Milch, Brötchen oder eine Zeitung braucht, fährt zu einer der Tankstellen an der Winsener Straße. "Der letzte Lebensmittelladen schloß vor etwa drei Jahren", erinnert Pastor Timm. Jetzt gibt es dort Computer zu kaufen. Trotzdem liebt er das idyllische Fleckchen: "Um nichts in der Welt möchte ich hier wegziehen."

Genau 35 Jahre hat er die Gemeinde betreut, am 11. September seinen letzten Gottesdienst gehalten. Das Pastorat, ein Haus aus den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, liegt geduckt unter hohen Bäumen, umgeben von 5000 Quadratmetern Garten. Timm kann von seinem Fenster aus auf seine Kirche, eine Ansgar-Gründung aus dem 9. Jahrhundert, sehen und auf die neugebauten Reihenhäuser unten an der Straße, dem Sinstorfer Weg. Ein Kontrast, der sich durch das ganze Dorf zieht. Rund um die Kirche stehen stattliche, alte Backsteinhäuser. Drumherum entstanden Siedlungen wie die Käfer-Siedlung. Hirschkäfer, Maikäfer . . . Nach ihnen sind die ruhigen Wohnstraßen des Quartiers benannt. 1949 wurden die ersten Häuser gebaut. Nach heutigem Verständnis einfache Ein-Familien-Häuser, nach damaligem Verständnis Paläste. "Das war richtig was, so ein Haus", sagt Timm. Der Zusammenhalt unter den Siedlern ist immer noch groß. "Es gibt einen Siedlungsvorstand. Alle kennen sich und helfen einander", sagt Timm.

Von der Käfer-Siedlung aus fährt ein Bus nach Harburg, von dort sind es noch einmal 14 Minuten mit der S-Bahn nach Hamburg. Pastor Timms Frau fährt gern nach Hamburg, zum Einkaufen. Das ist nicht gerade typisch für die Sinstorfer. "Die meisten fahren nach Harburg. Hamburg ist schon die weite Welt, da geht man erst zum Studium hin."

Daß Sinstorf zu Hamburg gehört, hören die Bewohner gar nicht gern. "Als Hamburger vereinnahmt zu werden, ist undenkbar", wehrt Timm ab. Als er 1970 nach Sinstorf kam, hieß es zurückhaltend: "Jetzt haben sie uns einen Studenten geschickt." Auf Plattdeutsch sagten sie das, und es war kein Kompliment. Timms Vorgänger war 30 Jahre lang Pastor in dem Dorf und damit zu einer Institution gewachsen. Heute ist Timm eine Institution. Er ist erst der 23. Pastor seit der Reformation, die 1529 in Hamburg eingeführt wurde. "In Sinstorf bleibt man, wenn man gern Familienpastor ist", erklärt Timm. 2085 junge Menschen hat er konfirmiert, 1201 Paare getraut. Dazu kamen in jedem Jahr rund 40 Begräbnisse und 60 Taufen.

Die Kirche. Sie hat keinen Heiligen als Namensgeber, heißt einfach Sinstorfer Kirche. Drinnen ist die Zeit im 17. Jahrhundert stehengeblieben. Bis dahin hatte sich die ursprünglich dreischiffige Basilika beständig gewandelt, Mauern wurden eingerissen, erneuert oder verschoben. Fenster versetzt oder zugemauert. Pastor Timm kennt das kleine Gotteshaus wie seine Westentasche, jedes Detail. Unter die geschnitzten männlichen Figuren unterhalb der Kanzel ist eine Frau geschmuggelt worden und mit ihr ein Herz mit Pfeil. "Ganz klar, der Künstler war verliebt", erklärt Timm. Die Eva auf dem Altarbild hat ein Ohr am Ellenbogen - der Künstler hat ein altes Porträt übermalt und das Ohr einfach vergessen.

Nur über den Beichtstuhl links vor dem Altar weiß der Pastor nichts. Das sperrige Möbelstück unbestimmten Alters dient schon lange als Sakristei. Nur Fremde wundern sich noch über das katholische Relikt in der protestantischen Kirche. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden hält Sinstorf seine Kirche tags geöffnet. Darauf legt Timm großen Wert: "Sie ist dazu da, daß man reingehen kann", sagt er. Nur einmal gab es Ärger in den 35 Jahren. Da wollte einer die Orgel demolieren. Seitdem gibt es eine Alarmanlage in dem kleinen Kirchenschiff. Sie schrillt, wenn sich ein schwarzes Schaf auf Abwege macht.

Draußen wird es langsam kühl. Die verfallenen Gräber gemahnen an die Endlichkeit. An einer mächtigen Eiche klimmt ein Efeu empor, drumherum rostet ein kniehoher Zaun. Ein Stein erinnert an Pastor Friedrich Wolkenhaar, der von 1802 bis 1832 in Sinstorf arbeitete. 30 Jahre. Auch er ist nie wieder weggezogen.