Der rote Faden

Friedrich-Christian Rieß: Ein Herz für Mitmenschen

Foto: Marcelo Hernandez

Dieser Mann ist viel beschäftigter Chefarzt des Herzzentrums am Albertinen-Krankenhaus. Seine "Batterie" lädt er mit Musik und Arbeit auf.

Hamburg. Wo nimmt der Mann bloß seine Energie her? Prof. Friedrich-Christian Rieß, 56, ist Chefarzt des Herzzentrums am Albertinen-Krankenhaus in Schnelsen, international gefragter Experte für eine besonders schonende Art der komplett arteriellen Bypass-Operation am schlagenden Herzen. Er ist glücklich verheiratet mit seiner Frau Annette, von Beruf Musiktherapeutin, und lebt in einer Familie mit sechs gemeinsamen Kindern. Er kann sich seit seiner Jugend kein Leben ohne Musik vorstellen und findet immer wieder eine Möglichkeit, ein Singwochenende in seinen prallen Terminkalender einzuplanen - gemeinsam mit seiner Frau. Und er sorgt dafür, dass das Hilfsprojekt Herzbrücke weitergehen kann, in dessen Rahmen afghanischen Kindern mit lebensnotwendigen Herzoperationen geholfen werden kann.

Professor Rieß sitzt an seinem Schreibtisch im Albertinen-Krankenhaus und zeigt einige Fotos von Herzbrücke-Kindern. "Schauen Sie, das lädt meine Batterie auf." Es sind Vorher-/Nachher-Fotos von Herzbrücke-Kindern. Kränklich, mutlos und schwach auf den einen, gesund, fröhlich und sehr lebendig auf den anderen.

Dazwischen liegen meist drei Monate in Gastfamilien in und um Hamburg, in denen die Kinder aufgenommen und liebevoll betreut werden. "Wir haben 2005 angefangen, da gab es eine Anfrage, ob wir zwei afghanische Herzkinder operieren könnten. Und dann haben wir weitergemacht", sagt Rieß. Das Projekt wird getragen von der Albertinen-Stiftung und ihrem Vorstand Professor Fokko ter Haseborg. Insgesamt sind mehr als 100 Helfer daran beteiligt, die Gasteltern, Ärzte, Apotheker, Dolmetscher, Spender, Hersteller von Medizinprodukten. Er selbst ist medizinischer Leiter und hält Scheckbuch öffnende Vorträge vor potenziellen Spendern, initiiert Benefizkonzerte. Und wenn er so begeistert davon erzählt, ist es schwer, sich seinen Argumenten zu verschließen.

"Es gibt in Afghanistan gerade mal ein staatliches Kinderkrankenhaus, 400 Betten für 12 Millionen Kinder. Auf dem Ventilator im Raum des Chefarzts, die Fenster sind zerschossen, nistet eine Taube." 72 Kinder sind von Rieß und seinem Team schon in Schnelsen operiert worden. Inzwischen unterstützt auch das UKE die Aktion, so wurden dort bisher elf Kinder behandelt. Dreimal war Rieß schon in Afghanistan, hat zusammen mit einem Kollegen mehrere Hundert Kinder untersucht; 100 dringende Fälle stehen derzeit auf der Warteliste der Herzbrücke.

"Dafür geh ich betteln", sagt er, den Laptop mit den Bildern und Filmen aus Afghanistan hat er stets griffbereit. In der eigenen Familie haben sie schon fünfmal ein Herzbrücken-Kind aufgenommen. "Das tut auch unseren eigenen Kindern gut, über den Tellerrand hinauszuschauen und zu sehen, wie es anderswo zugeht." Keiner der kleinen Patienten fliegt dann ohne Schulranzen und Buntstifte nach Hause, für ein Kind haben Rieß und seine Frau die Schulkosten übernommen. "Wir telefonieren regelmäßig mit ihnen." Jedes Kind, das geheilt in sein Land zurückkommt, kann erzählen, wie gut es behandelt wurde, "da wächst in den Großfamilien Vertrauen und große Dankbarkeit." Dass er nebenbei von 2000 bis 2007 mehrmals für eine Woche in Russland war, um dort zu operieren und herzchirurgische Kollegen weiterzubilden, erwähnt Rieß nur am Rande.

Wenn man ihm zuhört, spürt man in kurzer Zeit: Der Mann brennt für das, was er tut. Für alles, was er tut. Und man glaubt sofort, dass er, der immer schon gerne Studenten ausgebildet hat, von ihnen 2007 zum "Teacher of the Year" der Universität Hamburg gewählt wurde. Er kann lebendig erklären, würzt seine Vorträge mit Döntjes, findet eingängige Bilder wie das für das grundlegende medizinische Prinzip von "der letzten Wiese". Das hat er vom Großvater in Oberfranken, der im Herbst die Wiesen nur noch halb mähte, weil das Wasser in den Gräben dazwischen im Sommer ausgetrocknet war. "So muss man sich das auch am Herzen vorstellen, wenn die Blutversorgung nicht mehr richtig funktioniert." Bei der Herzchirurgie ist er gelandet, nachdem er nach dem Studium und der Dissertation im Fach Mikrobiologie ein Angebot, mit einem Stipendium nach Harvard zu gehen, ausgeschlagen hatte. "Ich wollte etwas mit Menschen zu tun haben." Kinderkardiologe war Plan A für den jungen Mediziner, bei Plan B ist er hängen geblieben.

Zur Welt gekommen war er 1955 während des Sommerurlaubs der Eltern in Reinbek. Der Vater war Diakon an den Hauptkirchen St. Michaelis und St. Katharinen. Aus dem Kinderzimmer sah der Junge die Tauben rund um die Turmruine der zerbombten St.-Nikolai-Kirche flattern. Später zog die Familie nach Bergedorf, und Rieß sang dort im Knabenchor von St. Petri und Pauli. Im Reinbeker Jugendchor lernte er seine spätere Frau Annette kennen, man sang zusammen, irgendwann funkte es. Kurz darauf ging sie für drei Jahre zum Studium der Musiktherapie nach Wien. "Und ich konnte sie jeden Monat für eine Woche besuchen, da ich im Schichtdienst auf der herzchirurgischen Intensivstation arbeitete." Seither singen sie zusammen, denn die Musik ist ein einendes Element der Familie. "Ich singe mein Leben lang, das ist für mich ein roter Faden", sagt Rieß. Von den Kindertagen an begleiten ihn Bachs Motetten, die großen Oratorien, die h-Moll-Messe - "das ist ein großes Glück, wenn man das hört." Musik, die mit großer Harmonie davon erzählt, dass am Ende alles gut wird. Fürs Chorsingen bleibt ihm häufig nur deswegen Zeit, weil er in zwei Projektchören dabei ist, im Albert-Schweitzer-Kammerchor und in der Cappella vocale, gemeinsam mit seiner Frau natürlich. Man probt am Freitag und Sonnabend, das Konzert ist dann am Sonntag. Bei der silbernen Hochzeit gab es vokale Darbietungen der Kinderschar - "da wurde gesungen bis in den frühen Morgen, und mir wurde wieder einmal bewusst, was für eine wunderbare Familie ich habe. Und das ist zum größten Teil meiner Frau zu verdanken, die den Familienalltag mit all den Terminen, Sorgen und Nöten mit Bravour meistert."

Immer wieder die Musik: Er erzählt, dass sich bei Patienten unter Narkose der Herzschlag dem Rhythmus von Musik anpasst. "Und meine Frau sagt aus ihrer musiktherapeutischen Erfahrung: 'Das Letzte, was noch zum menschlichen Gehirn dringt, ist Musik.'" So erreiche man in vielen Fällen sogar Wachkoma-Patienten.

Eine weitere "Batterie" steht auf den Stationen, "wenn ich da abends durch die Patientenzimmer gehe und die Dankbarkeit erlebe, weil alles geglückt ist". Bei der Herzchirurgie ist der Arzt, der summa cum laude promoviert wurde, der seinen Wehrdienst als Fliegerarztgehilfe bei Marinefliegergeschwader leistete, am Ende geblieben. Auf Umwegen, von denen einer nach Bad Nauheim führte, wo er zusammen mit Professor Niels Bleese an der Kerchhoff-Klinik, einer Max-Planck-Einrichtung, ein Herzzentrum aufbaute, bis 1991 das Angebot kam, das einer, dessen Herz an der "schönsten Stadt der Welt" hängt, nicht ausschlagen kann: am Albertinen-Krankenhaus mit Professor Bleese ein Herzzentrum zu etablieren. "Wir gingen als Team hierher, kamen am 1. Juli, am 2. Juli operierten wir den ersten Patienten."

Technik und Präzision haben ihn von klein auf fasziniert, und er freut sich heute noch darüber, dass seine Mutter ihm eine heruntergefallene Vase gab, weil nur er die Geduld hatte, die Stücke genau wieder zusammenzusetzen. Aus den Vasen von damals sind schlagende Herzen geworden, die Rieß mit neuen Klappen oder Bypässen versorgt. Blutgefäße, die er mit Fäden feiner als ein menschliches Haar zusammenfügt. Am Albertinen mit einem Verfahren, mit dem man bundesweit führend ist: Man präpariert beide Brustbeinschlagadern heraus und legt mit ihnen die Umleitungen, die das unterversorgte Herz wieder fit machen. Zwei bis dreieinhalb Stunden Teamarbeit braucht so eine schonende Operation, "und die arteriellen Gefäße halten viel länger als Venen-Bypässe und verursachen erheblich weniger Komplikationen als andere Methoden. Heute werden über 90 Prozent aller unserer Patienten mit Arterien versorgt." Rieß ist hörbar stolz auf dieses Verfahren, deren Ergebnisse er schon auf vielen Kongressen rund um die Welt vorgestellt hat. "65 Prozent dieser Operationen machen wir Off-Pump" - das meint: ohne Herz-Lungen-Maschine, am schlagenden Herzen. Rieß, der selbst Herzen verpflanzt hat, vergleicht die heutigen Operationen mit den Anfängen der Herzchirurgie: "Das ist alles viel ruhiger, routinierter, unaufgeregter geworden. Wir haben Standardverfahren und Protokolle wie bei der Verkehrsfliegerei."

Man spürt so etwas wie die Freude an der Ordnung und Eleganz der angewandten Verfahren. Über 25 000 Patienten sind seit 1991 am Albertinen-Krankenhaus am Herzen operiert worden, 16 600 davon waren Koronaroperationen. "Die OP-Verfahren sind heute dank der neuen minimal invasiven Verfahren sehr viel schonender geworden, sodass auch alte Patienten mit schweren Begleiterkrankungen sicher operiert werden können", so Rieß.

2006 ist er hier Chefarzt der Herzchirurgie geworden und Chairman des Herzzentrums. Was bleibt, wenn man so häufig das schlagende Herz sieht, eines der größten Wunder der Natur? "Demut braucht ein Arzt, Demut vor den eigenen Grenzen. Auch dass ein Patient stirbt, weil er einfach schon zu krank war, müssen Sie akzeptieren. Sie müssen damit leben, das ist nicht leicht." Die persönliche Betroffenheit, sagt er, dürfe nicht verloren gehen. "Sonst ist der Arzt kein guter Arzt." Da helfe es, wenn man sich eingeordnet sehe in ein System, "Sie wissen, dass Sie nicht alles können. Wir sind nicht der liebe Gott."

Das immer neu zu erkennen hilft ihm bei seiner großen Familie. "Kinder erden einen. Kinder relativieren den Egoismus, sie sind ein wunderbarer Coach, der vieles zurechtrücken kann. "So habe ich mit Jonathan, meinem jüngsten Sohn - er ist elf - eine Vereinbarung: Immer wenn ich im familiären Kreis dazwischenrede, zu wenig zuhöre, erinnert er mich 'Papa, du wolltest doch den Mund halten.'" Kinder helfen auch bei der Teamleitung: "Man wird gnädiger, wenn man Kinder hat." Und man lässt zu, dass sich andere nach ihren ganz speziellen Fähigkeiten entwickeln. "Daraus wird am Ende das geniale Team. Und wenn Sie das zulassen können, kommt so viel zurück, dass Sie sich gar nicht retten können."

Spendenkonto "Herzbrücke": Albertinen-Stiftung, Kto. 1144, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 251 20 510

Auch der Ertrag des Jubiläumskonzerts "150 Jahre Freundschaft Deutschland - Japan" kommt der Herzbrücke zugute: 28. Oktober, 20 Uhr in der Laeiszhalle; es spielen die Hamburger Camerata unter Max Pommer, Solistin ist Ai Ichihara.

Zum 20-jährigen Bestehen des Herzzentrums am Albertinen-Krankenhaus gibt es an diesem Sonnabend das Symposium "20 Jahre Herzmedizin".