50 Jahre Mauerbau

Peter Leibing – Ein Hamburger schreibt Fotogeschichte

| Lesedauer: 7 Minuten
Irene Jung

1961 fotografierte der spätere Abendblatt-Redakteur Peter Leibing, wie der DDR-Volkspolizist Conrad Schumann in die Freiheit sprang.

Ostberlin, 15. August 1961. Seit zwei Tagen hat die SED-Führung an den Grenzen des sowjetischen Sektors Volkspolizisten, Volksarmisten und Betriebskampfgruppen mobilisiert. Sie reißen das Pflaster auf, riegeln Straßen mit Stacheldrahtrollen ab, vermauern Fenster. Die Stadt ist wie in einem Schockzustand. Auch an der Kreuzung Bernauer Straße/Ruppiner Straße beobachten Anwohner und Reporter auf der Westseite fassungslos, wie die Stadt zerteilt wird. "Schaulustige", so heißt es später in Zeitungsberichten, aber das ist das falsche Wort. Lustig ist hier nichts und niemand.

Der Vorgang in Berlin ist so unglaublich, dass die Contipress, eine kleine Fotoagentur in Hamburg, ihren Volontär Peter Leibing nach Berlin schickt. Leibing ist 20 Jahre alt, hat sein Haar zu einer frechen Tolle frisiert und trägt das, was man heute eine Harry-Potter-Brille nennt. In Hamburg hat er bisher vor allem Pferderennen und Turniere fotografiert. Seine Kamera - Ironie des Schicksals - ist eine "Exacta", hergestellt in Ostdeutschland, mit einem 200-mm-Teleobjektiv.

Leibing stellt sich in der Bernauer Straße neben Passanten und andere Kollegen direkt vor die Stacheldrahtrolle, die schon quer über der Straße liegt. Auf der anderen Seite stehen drei Volkspolizisten mit Karabinergewehren, auf den Köpfen die typischen pilzförmigen DDR-Helme. Einer von ihnen wirkt besonders nervös. "Der hat geraucht wie ein Schlot", sagt Leibing später. Auch seinen Mitbeobachtern fällt der Vopo auf. Sie fragen sich: Springt der? Dann verschwinden die beiden jüngeren Vopos um die Ecke. Passanten rufen dem rauchenden Vopo zu: "Sei kein Feigling!" Und dann springt er. In derselben Sekunde drückt Leibing den Auslöser seiner Kamera.

Auf einer Westberliner Polizeiwache macht Leibing kurz danach noch eine Aufnahme von ihm. Erschöpft, mit geöffneter Uniformjacke, lehnt der Flüchtling an einem Tresen, raucht, starrt vor sich hin. Conrad Schumann, 19 Jahre alt, hat gerade seine gesamte Familie, sein Land, sein altes Leben hinter sich gelassen.

Ein Kollege von der "Bild"-Zeitung nimmt den Jungspund Leibing schnell mit in die Redaktion, wo dessen Film entwickelt wird. Am nächsten Tag prangt sein Foto im Poster-Format in der Mitte der Zeitung. Die Leute von Contipress in Hamburg können ihr Glück nicht fassen. Leibings Foto wird d a s Symbolbild des Mauerbaus.

Oft heißt es, es sei ein "Schnappschuss". Ganz falsch: Leibing kam von der Sportfotografie. Er hatte gelernt, Pferde beim Hamburger Springderby genau über dem Hindernis zu erfassen, quasi in die Bildschärfe springen zu lassen. In Berlin hatte er sein Objektiv auf die Stacheldrahtrolle schon scharf eingestellt, bevor Schumann sprang.

Aber er hatte auch Glück. In dem Sekundenbruchteil, in dem er auf den Auslöser drückte, trat Conrad Schumann den Draht beim Sprung nieder. "Symbolträchtiger hätte kein Foto sein können", schreibt der Kulturhistoriker und Autor Dirk Schindelbeck. Die Botschaft des Fotos war klar: Jetzt laufen der DDR sogar die eigenen Truppen weg.

Aber für Conrad Schumann hatte die Welt zwei Tage vorher noch ganz anders ausgesehen. Der gelernte Schäfer war ein loyaler DDR-Bürger gewesen. Erst während der "Grenzsicherung" kamen ihm Zweifel, erzählte er: "Da war ein kleines Mädchen, vier oder fünf Jahre alt, es kam von seinen Großeltern in Ostberlin, und die Eltern standen auf der Westberliner Seite. Das kleine Mädchen wollte zu seinen Eltern. Aber es durfte nicht gehen. Es ist von DDR-Offizieren zurückgehalten worden." Das, sagte Conrad Schumann, sei sein "schlimmstes Erlebnis an der Grenze" gewesen.

Für die DDR war das Foto eine ungeheure Blamage. Noch am Fluchttag selbst begann die DDR-Bereitschaftspolizei mit der Gegenpropaganda. In einem internen Schreiben des Kommandeurs der 1. Motorisierten Brigade heißt es: "Am 15.08.1961 gegen 15.40 Uhr wurde der Genosse Obwm. Schumann ... an der Kreuzung Bernauer Ecke Ruppinerstrasse gewaltsam durch Stummpolizei über die Grenzabsperrung (Stacheldrahtrolle) nach Westberlin verschleppt. Genosse Schumann stand mit dem Rücken angelehnt an der Hausecke ... Plötzlich griffen mehrere Stummpolizisten um die Hausecke und zerrten ihn über die Drahtsperre in den Westsektor." Das war die offizielle Version. Zur Abschreckung erließ der DDR-Militärstaatsanwalt dann einen Haftbefehl gegen Schumann.

"Stummpolizei" war ein Kampfbegriff der SED von 1948, als der sowjetisch eingesetzte Polizeipräsident entlassen und von den Westmächten durch Dr. Johannes Stumm ersetzt wurde. Von da an waren "Angehörige der unrechtmäßigen Westberliner Polizei" sofort festzunehmen, falls sie im Ostsektor auftauchten - und umgekehrt.

Schumann zog sich nach seiner Flucht in das kleine bayerische Dorf Kipfenberg zurück, arbeitete zuerst als Werkzeugmacher und dann beim Autokonzern Audi in Ingolstadt als Maschinenführer. In Kipfenberg lernte er seine Frau Gunda kennen, heiratete, und sie bekamen einen Sohn.

Peter Leibing, erfolgreicher Fotograf in Hamburg, wechselte 1970 in die Fotoredaktion des Hamburger Abendblatts. Es gab nur ein Problem: Nicht er hatte das Recht an seinem berühmten Foto, sondern die Agentur Contipress. Und als sie in den 1980er-Jahren Konkurs anmeldete, wanderte der Bestand an Contipress-Negativen in den Tresorraum des Finanzamtes, erzählt Archivar Joachim Frank vom Hamburger Staatsarchiv. Ende der 80er-Jahre erwarb das Staatsarchiv den Gesamtbestand der Negative für 25 000 Mark. Nach einem Rechtsstreit einigten sich Leibing und das Staatsarchiv: Beide hatten seitdem ein Nutzungsrecht an dem Negativ. Bis dahin, sagte Leibing, hatte er an seinem berühmten Foto "keinen zusätzlichen Pfennig verdient".

1986 sahen sich Conrad Schumann und Peter Leibing wieder. Bevor sie in Thomas Gottschalks TV-Sendung "Na sowas!" zum Thema 25 Jahre Mauerbau auftraten, trafen sie sich an der Bernauer/Ecke Ruppiner Straße. Schumann hatte immer noch Angst, als er dort über die Mauer guckte. Er glaubte auch, Leibing habe "das große Geld mit meinem Foto gemacht". Als Leibing ihn aufklärte, wurden sie Freunde und hielten einen losen Kontakt.

Für Leibing war es unfassbar, dass sich Schumann neun Jahre nach dem Fall der Mauer, im Juni 1998, im Alter von 56 Jahren das Leben nahm. Beide Familien hatten kurz zuvor noch einen Besuch geplant. "Ich habe einen Freund verloren", schrieb Leibing in seinem Nachruf im Abendblatt. Er selbst ging 2001 in den Ruhestand und zog nach Oerel bei Bremervörde. Dort starb Peter Leibing 2008. Er hat den jüngsten Triumph seines Fotos nicht mehr erlebt: Es gehört seit Mai 2011 zum Weltdokumentenerbe der Unesco.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg