Kommentar

Unfug auf Staatskosten

279 000 Euro gibt die Stadt Hamburg über ihre Marketing GmbH dazu, damit an der Reeperbahn eine Wohnung angemietet und vier ausgewählten jungen Leuten kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Einzige Bedingung: Sie sollen über soziale Netzwerke im Internet über ihren neuen WG-Alltag berichten. Mit Verlaub: Das ist Unfug auf Kosten der Steuerzahler und gehört sofort gestoppt.

Man muss sich schon kurz fassen, um all die Argumente gegen so ein Projekt hier auflisten zu können. Erstens: St. Pauli braucht keine Werbung, weder innerhalb noch außerhalb Hamburgs. Der Stadtteil ist gefragt wie kaum ein zweiter, die enorme Nachfrage nach Wohnraum führt schon seit Jahren zu einer Verdrängung der alteingesessenen Kiez-Bevölkerung. Wenn überhaupt, könnte so ein Projekt in benachteiligten und weniger gefragten Stadtteilen wie Billstedt, Wilhelmsburg oder Lurup einen Werbeeffekt entwickeln.

Zweitens: Auch Hamburg insgesamt ist bei jungen Leuten extrem beliebt. Nie haben sich so viele Studenten um einen Platz an der Elbe gerissen, und das tun sie nur selten wegen der Qualität der Uni. Wen also soll die Botschaft erreichen? Wen soll sie von Hamburg überzeugen?

Drittens: Wegen genannter Verdrängung läuft eine hitzige Gentrifizierungsdebatte in Szenestadtteilen wie St. Pauli und dem Schanzenviertel. Wenn der Senat es zulässt, dass auf Staatskosten mit ein paar angeworbenen Facebook-Jüngern ausgerechnet in einer 200-Quadratmeter-Hochglanzwohnung auf dem Kiez eine Show inszeniert wird nach dem Motto "Hamburg sucht den Super-Mieter", heizt er die Gentrifizierung selbst an.

Viertens: Die Bekämpfung des Wohnungsmangels ist eine der wichtigsten Aufgaben der Stadt. Vor diesem Hintergrund grenzt diese WG-Aktion an Verhöhnung all derer, die ernsthaft und dringend eine Unterkunft suchen, insbesondere der Familien, die kaum noch bezahlbare Wohnungen finden.

Wenn die beteiligten Firmen über so ein WG-Projekt Nachwuchs anlocken wollen, ist das ihre Sache. Aber dann sollen sie es ganz bezahlen. Dass die hoch verschuldete Stadt die Hälfte dazugibt, ist unverantwortlich.