HVV

Schlange stehen gegen das Schwarzfahren

Foto: Marcelo Hernandez

Die Busfahrer, die in Bergedorf und Harburg das Konzept "Einstieg nur noch vorn" testen, sind überzeugt, dass es gut funktioniert.

Hamburg. Den Buseinstieg vorn, den nimmt Wolfgang Volgmann sehr ernst. Wenn einer hinten einsteigt, dann nimmt er sein Mikro und macht per Lautsprecher deutlich, dass diese Zeiten vorbei sind. "Es mogeln sich immer wieder Fahrgäste durch die hinteren Türen rein. Aber ich habe durch meinen Rückspiegel auch das im Auge", sagt der erfahrene Busfahrer.

Schon an der Tür seines Mercedes prangt ein roter Aufkleber mit der eindeutigen Aufforderung: "Vorne einsteigen und Karte zeigen." Seit März 2011 gibt es in Harburg und Bergedorf eine Testphase. Da sich das neue Konzept dort bewährt hat, plant der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) den Einstieg vorn, der bisher nur am Sonntag ganztätig und ansonsten ab 21 Uhr gegolten hat, in gesamten Hamburger Stadtgebiet ab März 2012 ganztägig einzuführen. Wolfgang Volgmanns Meinung ist klar: "Ich bin ein absoluter Befürworter, denn nur so können wir die Schwarzfahrer bekämpfen."

Der leidenschaftliche Buslenker Volgmann will sogar dem zuständigen Hochbahn-Vorstand Ulrich Sieg vorschlagen, den Einstieg vorn sofort und nicht erst im März 2012 auf ganz Hamburg auszuweiten. Denn der 59-Jährige hat ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht: "Die Fahrgäste haben sich schon nach wenigen Tagen an die neuen Regeln gewöhnt." Er bekomme auch meist positive Rückmeldungen seiner Kunden: "Die sind froh, dass sie jetzt nicht mehr für die anderen mitbezahlen müssen."

Die anderen, das sind die, die bisher hinten und ohne Fahrkarte eingestiegen sind. So wurde das Schwarzfahren ausgesprochen leicht gemacht.

Haben sie künftig also keine Chance mehr? "Zumindest deutlich weniger", sagt Volgmann. "Wir machen ja meist nur eine Sichtkontrolle, natürlich kann ich nicht exakt kontrollieren, ob die mir wirklich immer ein gültiges Ticket vorzeigen." Doch es ginge ja vor allen Dingen auch um die Abschreckung. Volgmann hat den Kampf gegen die Schwarzfahrer, die im Jahr zu mehr als 20 Millionen Euro Einnahmeverlust führen, jedenfalls schon aufgenommen.

Aber ist es nicht auch zeitaufwendig? "Wenn wir wie auf der Metrobuslinie 14 viele Zusteiger haben, und einige noch eine Fahrkarte kaufen, dann kann das schon mal ein paar Minuten dauern." Aber das habe sich schon eingespielt. Für Volgmann steht fest: "Stimmt der Kreislauf, vorne einsteigen, hinten aussteigen, dann stimmt auch die Pünktlichkeit."

Mit dem Einstieg vorn kennt sich Volgmann aus. Das wurde schon in den 80er-Jahren in Berlin praktiziert, als er dort noch am Steuer der Doppeldeckerbusse saß: "Auch da hatten wir keine Probleme. Deshalb habe ich mich so gefreut, als es endlich auch in Hamburg so weit war." Aber seine Kollegen musste er erst mal von den Vorteilen überzeugen, als die Pläne für die Testphase in Bergedorf und Harburg aufkamen: "Da gab es zunächst viele Skeptiker und Diskussionen." Aber inzwischen seien die meisten von dem neuen Konzept sehr angetan.

Wirklich alle? Ortswechsel - vom Busbetriebshof auf die Straße. Haltestelle Harburger Ring. Hier steht ein Bus der Linie 443, Richtung Strucksbarg in Eißendorf: "Ich bin schon fünf Minuten drüber", sagte leicht hektisch der Busfahrer. 14 Fahrgäste hatten zuvor am vorderen Einstieg Schlange gestanden. Mehr als die Hälfte löste und bezahlte Einzelfahrkarten, und nicht alle hatten das passende Fahrgeld. Die anderen zeigten im Vorbeigehen ihre Abo-Karten vor.

Beim Hamburger Verkehrsverbund laufen unterdessen die Gespräche mit den Verkehrsunternehmen für eine Ausweitung auf das gesamte Hamburger Stadtgebiet weiter. Dabei wird auch über Ausnahmen nachgedacht, zum Beispiel auf der Metrobuslinie 5. Rund 60 000 Fahrgäste werden täglich auf der Linie gezählt, damit ist sie die am stärksten frequentierte Buslinie Europas. "Wir suchen noch nach Lösungen für die Linie 5 mit ihren XXL-Bussen", sagt HVV-Sprecherin Gisela Becker. Aber schon jetzt steht fest, dass nicht alle Fahrgäste vorne einsteigen müssen. Mütter und Väter mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer und Fahrgäste mit großem Gepäck oder Fahrrädern dürfen weiterhin die hinteren Türen benutzen.

Die Erfahrungen der Busfahrer in den Testgebieten sollen zwar noch ausgewertet werden, bevor es mit der Ausweitung auf das gesamte Stadtgebiet losgeht. Und auch die Kunden werden noch zu Wort kommen: "In Harburg und Bergedorf werden wir die Fahrgäste nach ihrer Meinung fragen", so Becker. Ernsthafte Zweifel an der Einführung gibt es aber kaum.