Esso-Häuser

Künstler kämpfen gegen Kahlschlag auf dem Kiez

Auch Udo Lindenberg fordert den Erhalt der Esso-Häuser an der Reeperbahn. Bezirks-Chef Markus Schreiber will die Mieter schützen.

Hamburg. Immer mehr Hamburger Künstler widersetzen sich dem geplanten Abriss des Gebäudekomplexes rund um die Esso-Tankstelle an der Reeperbahn. "Sie zerkloppen Stein für Stein von unsrer alten Heimat für die aufgeblasenen Schickimicki-Vampire", sagte Rockmusiker Udo Lindenberg dem Abendblatt. "Sie zerstören den echten Rock 'n' Roll in dieser Stadt." Thomas Collien, Intendant des St.-Pauli-Theaters an der Reeperbahn, warnte, "einem alten, lebensnotwendigen Kiezkörper nicht das Herz rauszureißen".

Anlass der Einmischung der Künstler ist die Ankündigung des Musikers Ted Gaier, zur Rettung des bedrohten Gebäudekomplexes die gesamte Reeperbahn mit einer Kunstaktion zu sperren. Bis 2009 war das 6190 Quadratmeter große Areal Eigentum der Hamburger Familie Schütze, die dort unter anderem eine Tankstelle und eine Tiefgarage betreibt. Der neue Eigentümer Bayerische Hausbau GmbH will die Häuser nicht sanieren. Stattdessen sollen dort neue Wohn- und Gewerbegebäude entstehen. Gaier fordert jetzt "eine Stadtteilkonferenz, auf der die Politiker uns Rede und Antwort stehen".

Markus Schreiber (SPD), Leiter des für die Reeperbahn zuständigen Bezirksamts Mitte, sagte gestern dem Abendblatt: "Dass die Kult-Tankstelle verschwindet, ist sehr schade. Dass dort neue Sozialwohnungen entstehen, ist gut. Wir werden dafür sorgen, dass kein Mieter verdrängt wird, sondern alle Mieter ein Rückkehrrecht erhalten." Schreiber sagte, er wünsche sich einen Treffpunkt, einen Ort des sozialen Austausches an dieser Stelle, "und ich glaube, dass wir das hinkriegen".

Die 1949 erbaute Esso-Station und die mit ihr verbundenen Häuser genießen - anders als die von der Kulturbehörde vor einem knappen Jahr unter Denkmalschutz gestellte Tankstelle am Billhorner Röhrendamm - keinen behördlichen Schutz. Gerade deshalb kämpfen die Künstler gegen den Abriss. Corny Littmann, Besitzer des Schmidt-Theaters an der Reeperbahn, sagte: "Zur Esso-Tankstelle habe ich mal gesagt, sie sei der Marktplatz und der Dorfmittelpunkt von St. Pauli. Wenn man die Esso-Tankstelle schließt, sollte man sich Gedanken machen, wie man den Dorfmittelpunkt erhalten und gewährleisten kann."

Dietrich von Albedyll, Chef der Hamburg Tourismus GmbH, betonte gegenüber dem Abendblatt die Bedeutung der Esso-Häuser als ein über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannter Bestandteil der Reeperbahn. "Beim geplanten Abriss sollte genau zwischen stadtplanerischer Notwendigkeit und der behutsamen Weiterentwicklung des Stadtteils abgewogen werden", sagte er.

Reinhard Wolf, Bereichsleiter Infrastruktur der Handelskammer, appellierte an die Investoren, "einen offenen Dialog mit den heutigen Nutzern zu führen".

Vor zwei Jahren hatte eine Gruppe von rund 200 Künstlern durch monatelangen Protest den Abriss des historischen Gängeviertels in der Hamburger Neustadt verhindert. Die Stadt, die das Gelände an einen niederländischen Investor veräußert hatte, kaufte es im Dezember 2009 schließlich zurück.