Der Diktator auf dem Vormarsch: Fünf Fragen an Udo Steinbach

Der Westen wird Gaddafi isolieren

Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach, 67, leitete von 1976 bis 2007 das Orient-Institut in Hamburg

Hamburger Abendblatt:

1. Gaddafi ist auf dem Vormarsch. Der Westen greift in Libyen nicht ein. Bestätigt diese Zurückhaltung den Eindruck in der arabischen Welt, wenn es ernst wird, sei auf den Westen kein Verlass?

Udo Steinbach:

Nein, das kann man so nicht sagen. Eine militärische Einmischung Amerikas würde in jedem Falle im arabischen Raum kritisch gesehen, trotz des Beschlusses der Arabischen Liga, ein Flugverbot zu verhängen.

2. Warum greift die Arabische Liga selbst nicht ein?

Steinbach:

Erstens will sie das nicht. Zweitens kann sie das nicht. Ein Beschluss einzugreifen würde die mühsam verdeckten Reibungspunkte hervortreten lassen, all die Unterschiede, die dazu geführt haben, dass die Liga eine "lame duck", eine lahme Ente, geblieben ist. Auch besitzt die Liga keine militärische Infrastruktur.

3. Wird Europa, wenn Gaddafi wieder fest im Sattel sitzt, seine freundliche Haltung ihm gegenüber wie zuvor einnehmen?

Steinbach:

Es wird wohl eher zu einer Situation kommen, wie es sie in der Haltung gegenüber Saddam Hussein von 1991 bis zum Sturz 2003 gab: Das Land war weitgehend isoliert nach den Panzerangriffen Saddams gegen Kurden und Schiiten. Die Reaktion damals war ein Embargo und, was die Amerikaner "containment" nennen, eine Eindämmung. Hussein durfte einen Teil des Erdöls exportieren, aber im Großen und Ganzen war das Land isoliert. Ein ähnliches Szenario vermute ich für Libyen.

4. Wenn es weiter Gemetzel gegen Gaddafi-Gegner gibt, wird der Westen dann doch eingreifen?

Steinbach:

Dann wird es sowieso zu spät sein. Jetzt könnte man noch in laufende Kampfhandlungen eingreifen, wo Freund und Feind einigermaßen zu trennen sind. Eine Flugverbotszone wäre schon nicht mehr ausreichend. Denn die eigentliche Bedrohung geht von den schweren Waffen aus, von Gaddafis Panzern und der Artillerie. Nach einem Sieg Gaddafis und einem Blutbad bliebe nichts anderes übrig, als ihn selbst gezielt herauszubomben. Das wäre politisch äußerst fragwürdig.

5. Was hat die Kehrtwende zum unvermuteten Machterhalt Gaddafis ausgelöst?

Steinbach:

Seine Armee, die in Teilen loyal geblieben ist. Sie ist gut ausgerüstet, hat eine professionelle Führung, eine Luftwaffe und Kampfpanzer. All das hat die Gegenseite nicht.