Hartz IV in Hamburg

Übungs-Supermarkt kostet Hamburg 1,5 Millionen Euro

Seit einem Jahr lernen Arbeitslose in Steilshoop von fünf Pädagogen und sechs Sozialpsychologen der Arge, wie ein Supermarkt funktioniert.

Hamburg. Der Käse wird aufgeblasen wie ein Wasserball. Die Eier sind unzerbrechlich. Und die Weinflaschen leer. Die Waren, die in dem Supermarkt in Steilshoop an der Kasse über den Scanner gezogen werden, sind Attrappen. Käse, Eier, Flaschen - alles ist mit Luft gefüllt und wandert täglich vom Lager ins Regal, vom Regal in den Einkaufswagen, vom Einkaufswagen auf's Kassenband und von dort wieder zurück ins Lager. Und das schon seit einem Jahr.

146 Langzeitarbeitslose haben in dieser Zeit in dem 2000 Quadratmeter großen sogenannten "Real-Life-Supermarkt" gearbeitet, in zwei Schichten, zweimal pro Monat auch sonnabends. Eigentlich sollten es 457 sein. Doch die meisten sind einfach nicht erschienen.

Der Supermarkt ist eine Bildungsmaßnahme der Arge Hamburg. "Wir wollen die Teilnehmer aus ihrer Arbeitslosen-Ecke herausholen", sagt Projektleiterin Ulrike Kügler. "Wir wollen ihnen zeigen, dass sie immer noch wert sind, einen Job zu bekommen."

Durchschnittlich sechs Monate lang arbeiten die Hartz-IV-Empfänger in dem Supermarkt. Sie räumen die leeren Packungen vom Lager ins Regal, fahren Gabelstapler, machen im Büro die Buchhaltung, kaufen ein und zahlen an der Kasse mit Spielgeld, manchmal auch mit falschem Spielgeld, um die Kassiererin zu testen. Jeder ist mal Kunde, mal Kassierer, mal Lagerist, Buchhalter, Logistiker oder EDV-Kontrolleur. Die Arge zahlt die Fahrtkosten nach Steilshoop, außerdem finanziert sie fünf Pädagogen und sechs Sozialpsychologen, die die Arbeitslosen betreuen. Pro Teilnehmer kommen so 10.000 Euro zusammen - echtes Geld.

Eine Hartz-IV-Familie (zwei Erwachsene, ein Kind) koste den Steuerzahler im gleichen Zeitraum 4410 Euro, rechnet Horst Weise, Sprecher der Arge, vor: "Ohne diese Maßnahme würden die Betroffenen aber vermutlich viele weitere Jahre arbeitslos sein." Dies koste den Steuerzahler viel mehr, nämlich knapp 18.000 Euro für zwei Jahre Arbeitslosigkeit.

73 Teilnehmer haben nach dem Training im Simulations-Supermarkt einen Arbeitsplatz gefunden. Christina Böhm ist eine von ihnen. Die 39-Jährige arbeitet jetzt in der Back-Factory in Ottensen. In Steilshoop habe sie "vor allem Mut zum Job" gelernt, sagt sie. Trotzdem seien die ersten vier Wochen in der Back-Factory eine Herausforderung gewesen: "Ich musste viel lernen, beim Backen der Brote zum Beispiel. Auch wenn der Ofen alles allein macht, man muss rechtzeitig die Tür öffnen, nicht erst nach mehrfachem Klingeln des Ofens, denn sonst ist alles verbrannt." Dass sie es mal zurück in einen festen Job schaffe, hätte sie "nie gedacht".