Von der Werftarbeitertochter zur Kanzlergattin

Loki Schmidt: „Mit Knicksen konnte ich nicht dienen"

Die Hamburgerin Loki Schmidt über ihr Leben auf dem roten Teppich und viele Treffen mit den mächtigsten Menschen der Welt.

Hamburg. Eines war mir klar: Du stehst hier nicht als Frau Schmidt, sondern als Frau Deutschland.“ So sah sich Loki Schmidt, als sie 1974 als Frau des deutschen Bundeskanzlers den „roten Teppich“ in der Welt der Mächtigen und der großen Politik betrat, als eine fantastische Schicksalsfügung die ehemalige Werftarbeitertochter von der Schleusenstraße in Hamburg-Hammerbrook in den Buckingham-Palast in London und in das Weiße Haus in Washington führte.

„Auf dem roten Teppich und fest auf der Erde“ ist der Titel des am Donnerstag erscheinenden Buches der Ex-Lehrerin, Naturschützerin, Forscherin und Schriftstellerin, in dem sie zum ersten Mal überhaupt den Blick in ihr abgeschottetes offizielles Leben an der Seite des Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland in den dramatischen Jahren von 1974 bis 1982 freigibt. „Sie war eine wohlerzogene Dame mit politischem Verstand“, bescheinigt ihr Ehemann ihr seit fast sieben Jahrzehnten in einem tiefgründigen Vorwort, in dem sich Helmut Schmidt auch nicht vor dem Bekenntnis scheut: „Dass wir immer zusammengeblieben sind, ist entscheidend Lokis Verdienst.“

„Für mich war sie wirklich die unverzichtbare Stimme des Volkes“, setzte ein wegen des kritischen Gesundheitszustandes seiner Frau tief deprimierter Altbundeskanzler in einem Gespräch mit dem Abendblatt noch einen drauf. „Ich bin immer noch so stolz auf sie.“ In ihrem Buch beschreibt sie das Reisen und Repräsentieren für Deutschland – und die damit verbundenen Herausforderungen.

Loki Schmidt über Staatsbesuche und Staatsreisen im Ausland: „Das ist eine völlig andere Situation. Man muss, aber man will auch das eigene Land möglichst gut darstellen. Und dieses Pflichtgefühl verlässt einen während des ganzen Staatsbesuches nicht. Das ist ganz schön anstrengend, weil man sich immer unter Kontrolle halten und der Situation entsprechend auftreten muss.“

Staatsreisen, das Kofferpacken unter Zeitdruck und offizielle Zeitpläne: „Ich habe mal, ich glaube, es war in Persien, auf die Uhr geschaut, um festzustellen, wie viel Zeit ich dafür benötige. Ich hatte es sehr eilig. In sechs Minuten hatte ich unsere beiden Koffer fertig gepackt, und die Hosen waren nicht verknautscht, sondern richtig ordentlich verstaut. Wir konnten auch nicht mit einer ganzen Kofferserie reisen. Wir hatten immer nur einen Koffer für jeden dabei – auch bei längeren Reisen.“

Gefühle in Palästen, Villen und Gästehäusern der Mächtigen: „Die Unterkünfte waren mir völlig egal – wenn ich ein anständiges Bett hatte, in dem ich ordentlich schlafen konnte, war ich zufrieden. Als angenehm erinnere ich das Blair House gegenüber dem Weißen Haus in Washington, in dem die US-Präsidenten ihre offiziellen Gäste unterbringen, oder das sehr schöne Palais Beauharnais (die Deutsche Botschaft) in Paris. Das wunderbar restaurierte Palais aus dem frühen 17. Jahrhundert war auch schon die preußische Gesandtschaft gewesen. Sehr prächtig. Aber wenn man da mal nachts verschwinden musste, ging es aus dem riesigen Schlafzimmer durch einen kalten Flur zum Klo. Ich habe mal mit einem Franzosen darüber gesprochen, wie das denn früher so gegangen sei. Er meinte, wenn Madame Sowieso Herrenbesuch empfing, seien die heimlich durch die Gartentür reingekommen. Und wenn sie sich erleichtern wollten, dann gingen sie vors Haus.

Ob ich bei diesen Besuchen in so prächtigen Palästen (…) an die Hannelore aus der Schleusenstraße in Hammerbrook und an ihren Aufstieg in die Welt der großen Politik gedacht habe? Im Buckingham Palace in London, da habe ich einen solchen sentimentalen Anflug erlebt: Man kommt durch einen langen Saal oder einen sehr weiten Flur, wo die Wände mit Bildern gepflastert sind, hauptsächlich natürlich mit Ahnenporträts. Die Queen begleitete Helmut und mich zu ihren Empfangsräumen. Da habe ich durchaus gedacht: Schade, dass deine Eltern dich hier nicht langmarschieren sehen, die hätten bestimmt gestaunt und sich gefreut, dass ihre Tochter an der Seite der Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland durch deren Palast geht.

Ob ich vor der Queen in die Knie gegangen bin? Ich habe weder vor der englischen Königin noch sonst vor irgendwelchen gekrönten Häuptern einen Knicks gemacht. Ich habe mich zwar protokollgerecht verhalten, aber mit Knicksen konnte ich nicht dienen. Das wollte ich auch ganz bewusst nicht, denn irgendwie widerspricht diese Geste meiner persönlichen Grundhaltung.“

Staatsessen: „Mir sind schwierige Essen, besonders in China, in Erinnerung. Einmal wurden bei einem Staatsbankett weich gekochte Pferdesehnen serviert. Das schmeckte ein wenig wie salziger Wackelpudding. Wie lange die wohl ihre Pferdesehnen gekocht haben, bis sie so weich waren…“

Ihre Begegnung mit Mao Tse-tung: „Helmut und ich wurden in einen großen Raum geführt. Mao drückte mir die Hand und murmelte etwas, das ich nicht verstand, und begrüßte Helmut. Er konnte nicht mehr richtig reden. Helmut hat sich allerdings später mit Hilfe von Maos Dolmetscherinnen sehr lange mit ihm unterhalten und bemerkt, dass sein Geist noch sehr rege war. Ich wurde nach der Begrüßung wieder hinausgeführt und bin in das Auto gestiegen, in dem die Frau des chinesischen Botschafters in Bonn saß, die mich begleitet hatte. Die durfte nicht mit. Sie hat mich sofort ausgefragt, wie die Begegnung mit Mao gewesen war. Vorher war sie sehr reserviert gewesen, aber nach meiner Schilderung hat sie meine Hand genommen, sie gedrückt und geküsst. Sie küsste die Innenfläche meiner Hand, die kurz zuvor von Mao berührt worden war. Ich empfand das als bedrückend.“

Eine sehr unangenehme Begegnung mit dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu und seiner Frau Elena, die selbst hohe Partei- und Regierungsämter innehatte und als ebenso engstirnig wie brutal galt: „Nicht nur mit der Frau, sondern auch mit dem Mann hatten wir Schwierigkeiten. Wir wurden von den beiden in einem kleinen Raum eines Palastes in Bukarest empfangen. Vor dort führte ein Flur zu einer großen Halle. Und was hätten Sie gemacht, wenn jemand die Tür zu der Halle öffnet und Sie mit einer Handbewegung auffordert, zu gehen. Dann wären Sie als Gast losmarschiert. (…) Da war also der Flur, und Helmut und ich gehen voran. Plötzlich erhalte ich einen kräftigen Stoß mit dem Ellenbogen und Helmut auch. Die beiden schubsten uns zurück, weil sie als Erste in die Halle wollten. Diese war voller Menschen, und als der Diktator und seine Frau durch die Tür kamen, brauste der Jubel auf. Also, das war schon Byzantinismus pur, ekelerregend. Aber solche Rippenstöße wie von den Ceausescus haben wir nie und nirgendwo wieder erleben müssen.“

Geheime Abhöraktionen in Moskau im Oktober 1974, als politische Spannungen wegen der Umsiedlung des Bundesumweltamtes nach Berlin herrschten: „Ich glaube, in Moskau hat Helmut nach dem Essen noch einige Leute aus unserer Begleitung in unsere Suite im Gästehaus gebeten. Sie haben sich sehr laut unterhalten und kritische Bemerkungen gemacht. Ich habe mal so eine Geste gemacht, mit dem Finger auf dem Mund – psst! Aber es hat nichts genützt. Helmut grinste mich später an und sagte: ‚Das war eine Unterhaltung, die bewusst für die Abhörer bestimmt war.' Mit dem Erfolg, dass am nächsten Tag das Thema, über das sich die Deutschen so lauthals beklagt hatten, noch auf die Tagesordnung kam. Das Manöver für die Abhörer, die ihre Mikrofone überall in unseren Zimmern hatten, hatte also gewirkt.“ Um was für ein Thema es dabei ging, weiß Loki Schmidt nicht mehr. Da ist sie ganz Diskretion.

Die Begegnung von Israels Ministerpräsidentin Golda Meir, die als Kettenraucherin bekannt war, mit der Kettenraucherin Loki Schmidt: „Da konnte man rauchen, so viel man wollte. Das war schließlich vor der Zeit, in der die Raucher weltweit diskriminiert wurden.“ (…) „Sie war eine Weltmeisterin in Diskretion und Geheimhaltung und als Beobachterin sah sie – ein wahres ‚Falkenauge' – tiefer und weiter als andere“, sagte einmal einer ihrer Leibwächter über seinen Schützling.

Willy Brandt: „Er wirkte ja auf viele charismatisch, ich fand ihn allerdings ein bisschen abgehoben.“

Den Nato-Doppelbeschluss und seine deutschlandinternen Folgen, als die Friedensbewegung den vor allem von Bundeskanzler Helmut Schmidt durchgesetzten Doppelbeschluss – Abzug der sowjetischen SS-20-Mittelstreckenraketen oder Stationierung amerikanischer Pershing-2-Raketen in Deutschland – einseitig stoppen wollte: „Das war doch für Westeuropa unendlich wichtig! Wir lagen schließlich mitten im Zielgebiet der sowjetischen Raketen. Das Land ist damals von der Friedensbewegung hysterisch gemacht worden. Alle redeten von Angst. Das war manchmal nicht mehr auszuhalten.“

Oskar Lafontaine, der ebenfalls ein Gegner des Doppelbeschlusses war und dem Kanzler das Leben sehr schwer gemacht hat: „Wann war das mit der Ohrfeige? Es muss so um die Wahl 1980 gewesen sein, dass ich laut, wahrscheinlich im Freundeskreis, geschimpft habe: ‚Und wenn ich den Kerl treffe, dann knalle ich ihm eine!' Wir begegneten uns kurze Zeit später, doch da war viel Presse dabei, und ich wollte denen dieses Vergnügen nicht gönnen.“

Loki Schmidt, „Auf dem roten Teppich und fest auf der Erde“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 223 Seiten, viele Fotos, ISBN 978-3-455-50175-9, 20 Euro.