Terrorgefahr: Fünf Fragen an Berndt Georg Thamm

Hamburg ist wichtige Adresse für Islamisten

Berndt Georg Thamm, 63, aus Berlin ist Terror-Experte. Im Januar 2011 erscheint sein neues Buch "Terrorziel Deutschland".

Hamburger Abendblatt:

1. Sind die Berichte über Anschlagspläne islamistischer Terroristen Hinweise darauf, dass neuer Terror droht?

Berndt Georg Thamm:

Dazu sage ich Ja, aber unter Vorbehalt. Wir befinden uns im Jahr zehn nach den Anschlägen vom 11. September. Allein deshalb wird es bestimmt zu ernst gemeinten Drohungen, Erpressungen, vielleicht zu terroristisch-symbolischen Aktionen in den nächsten zwölf Monaten kommen. Die Islamisten wollen den aus ihrer Sicht Ungläubigen die Anschläge von damals noch mal ins Gedächtnis rufen.

2. Die Informationen über Anschlagspläne stammen von einem Deutsch-Afghanen aus einer Hamburger Gruppe. Welche Bedeutung hat Hamburg für die Islamisten?

Thamm:

Hamburg war vor und nach dem 11. September eine angesagte Adresse für militante Islamisten. Hamburg hat durch die erst kürzlich geschlossene Al-Kuds-Moschee eine symbolische Bedeutung. Dort waren mit Mohammed Atta auch die Personen, die die Piloten der Anschläge des 11. Septembers gestellt haben. Hier gab es eine meist arabischstämmige Gruppe, die dem Heiligen Krieg frönte. Radikale Islamisten haben in Hamburg einen dschihadistischen Boxenstopp eingelegt, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

3. Warum können potenzielle Gewalttäter aus Deutschland immer noch ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisen, um sich in Terror-Camps ausbilden zu lassen?

Thamm:

Reisen allein ist nicht strafbar. Das Problem sind junge Deutsche, aber auch Briten, Niederländer oder Italiener, die zum Islam konvertiert sind, oder arabisch- oder kurdischstämmige Mitbürger mit deutschem Pass, die sich dem militanten Islamismus hingegeben haben. Deren Radikalisierung ist in Europa erfolgt und nicht am Hindukusch. Erst radikalisiert fahren sie dann dorthin, um ihren paramilitärischen Schliff zu bekommen.

4. Können wir denn hierzulande etwas gegen die Radikalisierung unternehmen?

Thamm:

Das ist nicht unmöglich, aber sehr schwer. Jedem steht frei, den Glauben zu wechseln. Dagegen ist nichts einzuwenden. Von fundamentalistischen Tendenzen, die es in vielen Religionen gibt, bis zu Militanz und Radikalisierung als Märtyrer an der vorderen Front des Heiligen Krieges sind es aber noch Riesenschritte. Das im Frühstadium zu erkennen und gegenzusteuern, ist eine höchst schwierige Sache. Auch Aussteigerprogramme sind international noch in den Kinderschuhen.

5. Wie gut sind westliche Geheimdienste über terroristische Aktionen informiert?

Thamm:

Nicht schlecht, weil die CIA, der britische Secret Service oder der französische Geheimdienst auch mit Nachrichtendiensten zum Beispiel in Jordanien oder Pakistan kooperierten.