Atommüll-Endlager

Niedersachsen: In und um Gorleben brodelt es

Gorleben scheint dazu auserkoren, Endlager für Atommüll zu bleiben. Das Salzbergwerk ist derzeit der umstrittenste Ort der Republik.

Gorleben. Das Gasthaus Wiese im niedersächsischen Gedelitz ist, wenn man von Südwesten kommt, das letzte Haus vor der "Hölle". Diese liegt rechter Hand in Richtung Gorleben , mitten im Mischwald im Kreis Lüchow-Dannenberg, 125 Kilometer von Hamburg entfernt. Nur zwei Kilometer sind es vom Gedelitzer Gasthaus bis zum Gorlebener Salzbergwerk, das für manche Anwohner einfach nur die Hölle ist. Einige nennen es auch "Atomklo".

Es ist 900 Meter tief, hat Stollen und Schächte und sieht von außen aus wie eine Mischung aus Jurassic-Park und Hochsicherheitsgefängnis: Die Mauern sind so mächtig, dass man hinter ihnen Dinosaurier wegsperren könnte. Betreten-verboten-Schilder warnen alle paar Schritte, Stacheldrahtrollen blinken, Polizei wacht an den Auffahrten. Der Werkschutz hat via Videoanlagen und Wärmebildkameras die Augen überall. Rund um die Uhr.

Deutschlands Kernkraftwerke fabrizieren über 500 Tonnen Atommüll. Jedes Jahr. Nach der jüngsten Laufzeitverlängerung wird das auch noch lange so bleiben. Alles, was sich angesammelt hat und noch dazukommen wird, braucht irgendwann ein sicheres Endlager. Und Gorleben scheint dazu längst auserkoren zu sein. Es gibt aktuell keine alternative Endlagersuche. Das niedersächsische Salzbergwerk ist derzeit der umstrittenste Ort der Republik.

Allen Bedenken zum Trotz soll Anfang Oktober nach zehn Jahren Pause die Erkundung des Endlagers für hoch radioaktive Abfälle wieder beginnen. In fünf bis sieben Jahren soll dann entschieden werden, ob Gorleben Endlager wird oder nicht, sagt Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP). Am 28. September will das Bundeskabinett zudem ein neues Enteignungsgesetz beschließen, das es ermöglicht, über den Ausläufern des Salzstocks, der sich über viele Kilometer von der Ortschaft Vasenthien im Südwesten über Marleben, Gedelitz, Gorleben, Lenzen bis nach Rambow im Nordosten zieht, Grund und Boden zu konfiszieren. Und das jüngste Gerücht, das seit gestern die Runde macht: Die Bundesregierung erwäge womöglich sogar die Privatisierung der Atommülllager.

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Das alles sorgt für Unruhe, gepaart mit Zorn und Angst. Anfang November wird der nächste Castor-Transport mit Atommüll erwartet. Einige Zehntausend Demonstranten werden ihn nicht willkommen heißen. Atomkraftgegner haben einen heißen Herbst angekündigt. Es brodelt im Wendland.

"Uns will die Regierung enteignen, und Privatunternehmen sollen sich um den Atommüll kümmern. Geahnt habe ich so was ja schon lange. Ich finde es furchtbar feige vom Staat, die Verantwortung für den ganzen Schlamassel jetzt in fremde Hände zu geben. Mein Land kriegen die nicht. Nur über meine Eiche", sagt Horst Wiese, 74. Hier ist er aufgewachsen, und hier lebt der Landwirt mit Frau und Sohn, Schwiegertochter und Enkeltöchtern. Und er betont es noch einmal: "Das ist unser Land. Und wir werden es verteidigen. Auch für uns nachfolgende Generationen."

Der agile Bauer sitzt in der von der Schwiegertochter bewirtschafteten Kneipe. Vorletztes Jahr wurde hier für die "Tatort"-Folge "Salzleiche" mit Maria Furtwängler gedreht. Die grün-beige Tapete mit waidmännischen Motiven, vom "Tatort"-Team angeklebt, ziert noch immer die Wände. Auch die Geweihe hängen noch. Einmal in der Woche ist im Gedelitzer Gasthaus Skatabend, zu dem sich meist zehn, zwölf Männer aus dem Dorf (40 Häuser, rund 80 Einwohner) einfinden. Gespielt wird um Kleingeld, getrunken wird Bier, Bonekamp und Williamsbirne, geknabbert werden Salzstangen und Chips. Gesprochen wird momentan viel über den jüngst von Bundeskanzlerin Merkel persönlich ausgehandelten, höchst umstrittenen Atomdeal, der hier auf breite Ablehnung stößt.

Bauer Horst Wiese und sein Sohn Gerhard, 42 - der Maschinenbauingenieur wohnt mit Frau und Töchtern im Gasthaus und baut Biogasanlagen -, besitzen in der Gegend einige Wälder, Wiesen und Felder. Auch ein paar Hektar direkt über dem Salzstock. Die Wieses gehören zu den Leuten, denen nach den Plänen der Bundesregierung demnächst Land und Salzrechte enteignet werden könnten.

"Ich möchte unter meinem Allerwertesten kein Endlager haben", sagt Horst Wiese am Skattisch sitzend. "Nichts ist so wertvoll wie ein gesunder Lebensraum. Ich klage bis in die höchste Instanz."

Die anderen am Tisch - ein Rentner, ein Polizist und ein Behindertenpädagoge - nicken beifällig. Eine Riesensauerei sei das, was hier laufe. Da sind sich alle in der Kneipe einig. Horst Wiese lehnt sich lächelnd zurück. Er weiß, er wird gewinnen. Zumindest jetzt. Er hat einen Grand mit vier Buben auf der Hand. Er spielt seine Trümpfe klug aus.

Über 100 Grundbesitzer haben 1989, drei Jahre nach dem Baubeginn der Gorlebener Anlagen, ihre Salzrechte befristet bis 2015 verpachtet. Damals an die Physikalisch-Technische Bundesanstalt, eine Vorgängerin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), das heute Betreiber des Erkundungsbergwerks ist.

Auch Bauer Horst Wiese hat damals seine Salzrechte verpachtet. "Atommüll war schon immer ein fieses Thema, und wir waren ganz schön im Zwiespalt", erinnert er sich. Aber weil es nur um Untersuchungen gehen sollte und er überzeugt gewesen sei, dass Gorleben nicht als atomares Endlager realisiert werde, habe er den Pachtvertrag unterschrieben. Hinzu kam schon damals der Druck einer möglichen Enteignung: "Bei freiwilliger Abtretung der Salzrechte gab es drei Mark pro Quadratmeter, bei Enteignung nur 60 Pfennig", sagt sich Wiese.

Doch heute, versichert der Landwirt, werde er sich wehren. Koste es, was es wolle. Denn heute wisse er mehr. Er sei selbst unten im Salzbergwerk gewesen. Und der Schock war groß. Die Schachtanlagen seien viel zu gigantisch für ein einfaches Erkundungsbergwerk, das, glaubt er, glauben viele hier, längst heimlich zum Endlager ausgebaut werde. Dabei hätten sich doch unten im Schacht die Salzschichten verschoben, es gebe Risse, an verschiedenen Stellen trete Wasser aus. Mit eigenen Augen habe er das gesehen. Eigentlich seien das alles Ausschlusskriterien für ein atomares Endlager. Es werde, meint der Landwirt zornig, gelogen und getäuscht. Das Ganze sei ein schmutziges Geschäft. Das Vertrauen sei weg.

"Der Bundesumweltminister hat nichts zu sagen. Die Bundeskanzlerin verlässt sich auf die Forschungsministerin, die verlässt sich auf Institute, die von den Energiekonzernen und Endlagerfirmen finanziert werden. Das ist doch ein Skandal", sagt Horst Wiese, dem Atomenergie schon lange nicht mehr ins Haus kommt. Seine Lampen, die Küchengeräte und den Fernseher versorgt er über Sonnenreflektoren auf dem Dach mit Strom.

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Die Gemeinschaft der Landbesitzer sei gespalten. Man beobachte sich argwöhnisch. Wer jetzt Urlaub unter südlicher Sonne mache, plötzlich ein teures Auto fahre oder sein Feld mit neuem Trecker beackere, werde automatisch verdächtigt, bereits auf ein unmoralisches Angebot der Atomlobby eingegangen zu sein. Er jedenfalls habe gehört, dass es bereits Kaufangebote gebe, sagt Rainer Klaucke, 43, Landwirt in Marleben, nur drei Autominuten von Gedelitz entfernt.

30 Hektar seines Besitzes liegen direkt auf dem umworbenen Salzstock. Von 50 000 Euro pro Hektar sei die Rede. Das ist der fünf- bis zehnfache Wert dessen, was das Land unter normalen Umständen und wohl auch bei Enteignung (Ackerland kostet hier einen Euro pro Quadratmeter, Wald 50 Cent) bringen würde. "Bei so viel Geld werden einige heftig ins Grübeln kommen", glaubt Klaucke. "Der Boden ist karg, die Milch- und Fleischpreise sind im Keller. Viele hier sind in finanziellen Schwierigkeiten, können sich nur knapp über Wasser halten. Für einige wäre der Verkauf die Rettung vor dem Ruin."

Für die Klauckes nicht. Die Familie lebt "schon immer" auf dem Salzstock, betreibt neben der Landwirtschaft auch einen Reiterhof, besitzt sechs Ferienwohnungen. Sie kommt gut über die Runden.

Er werde jetzt erst mal abwarten, ob die Atom- und Enteignungsgesetze den Weg durch die Instanzen schaffen, sagt der Vater mit Blick auf Tochter Lena, 11, die auch schon großes Interesse am Thema hat. Gehen die Gesetze durch, werde er Rechtsmittel prüfen: "Ein paar Hunderttausend Euro, selbst ein paar Millionen sind viel zu wenig, um die Heimat zu verkaufen."

Das sehen die beiden größten Landbesitzer der Gegend genauso: Die evangelische Kirche und die Familie von Bernstorff, der große Wälder über dem Salzstock gehören, hatten der Erkundung nie zugestimmt und diese auf ihren Ländereien auch juristisch verhindert. So konnte bisher nur rund die Hälfte des vorgesehenen Einlagerungsbereiches erforscht werden.

"Ich war schon öfter im Salzstollen und komme mir vor wie im Krimi. Es wird nur getrickst. Ein klares Wort kann man in diesem düsteren Film nicht erwarten. Von niemandem", erklärt Eckhard Kruse, Pastor in Gartow und Endlagerbeauftragter der Landeskirche. "Unter diesen Voraussetzungen werden wir uns mit allen Mitteln gegen die Enteignung wehren. Wir haben einfach zu große Bedenken."

Andreas von Bernstorff sagt: "Wir leben ja immerhin in einem Rechtsstaat, da kann die Enteignung nur aus Gründen des öffentlichen Interesses durchgeführt werden. Und da muss zunächst einmal festgestellt werden, ob die Interessen der Energiekonzerne, sprich die Einlagerung von hoch radioaktivem Müll im Salzstock, tatsächlich von öffentlichem Interesse sind."

Trotz einer Magenspiegelung am Morgen nimmt sich Boris Freiherr von dem Bussche, 44, Zeit für ein Gespräch. Er ist Rechtsanwalt in Dannenberg, stellvertretender Bezirksvorsitzender der FDP und kandidierte im letzten Jahr für den Bundestag, Zeit für ein Gespräch. Das Thema brenne ihm unter den Nägeln. Und er vertritt dabei ganz und gar nicht die Linie seiner Partei.

"Hier im Wendland läuft etwas ganz gewaltig schief. Was hier gemacht wird, ist nicht mehr akzeptabel", sagt der Jurist. "Und jetzt sickert sogar durch, dass Atommülllager privatisiert werden sollen. Damit will sich die Regierung doch nur aus der Verantwortung stehlen." Von dem Bussche selbst versucht schon seit Jahren, die Probleme um das Gorlebener Salzbergwerk auf die Agenda seines niedersächsischen FDP-Landesverbandes zu bringen. Stets ohne Erfolg. Er hat die Parteispitzen gegen sich.

"Gorleben macht deutlich, dass die Bundesregierung gerade mit Volldampf dabei ist, den Kontakt zum Bürger zu verlieren. Aus meiner Sicht hat sie in der aktuellen Diskussion um Gorleben das Recht und den Bürger gegen sich", wettert der hemdsärmelige Freiherr, dessen Familie seit vier Generationen im Wendland lebt. "Wenn es jetzt so kommt, dass einerseits Land des Grafen, der Kirche und der Bauern enteignet wird, andererseits Atommülllager privatisiert werden, dann verliere ich den Glauben an die Rechtsstaatlichkeit. Dann wandere ich aus."