Prozess Hamburg

Tötung der Ehefrau: Ihre Pflege hat mich überfordert

Otto L. erzählt vor dem Landgericht , wie und warum er seine 88 Jahre alte Ehefrau getötet hat. Die Pflege habe ihn überfordert.

Neustadt. Er ist ein betagter Mann. Graue Haare, brüchige Stimme. Ein Mann vom alten Schlag: Probleme, die er selbst nicht lösen könnte, so glaubte er, gab es nicht, Hilfe brauchte er nicht. Doch bei der Pflege seiner Frau versagte der frühere Justizbeamte - es ist die tragische Geschichte eines fatalen Scheiterns.

Gestern erzählte Otto L. vor dem Landgericht, wie und warum er seine 88 Jahre alte Ehefrau mit einem Kissen erstickte. "Es gab kaum Streit in unserer Ehe", sagt der 75 Jahre alte, wegen Mordes angeklagte Mann. Seine Frau, mit der er 43 Jahre verheiratet war, sei nie ernsthaft erkrankt - bis 2008, als die Ärzte eine Altersdemenz diagnostizierten. "Sie war vergesslich, litt ständig unter Kopfschmerzen", sagt Otto L. "Ich machte ihr die Haare, wusch und pflegte sie, erledigte den Haushalt." Hilfe habe sie kategorisch abgelehnt, die Wohnung seit 2008 nicht mehr verlassen. Weil er sich überfordert fühlte, habe er sich einmal beim Allgemeinen Sozialen Dienst nach Unterstützung erkundigt. "Doch sie sagte nur: Wir schaffen das allein."

Doch Otto L. schaffte es eben nicht, zerbrach am Alltag. "Ich merkte: Es wird mir alles zu viel." Am Tag vor der Tat sei die Kaffeemaschine ausgefallen, der Herd habe nicht mehr funktioniert, dann habe er sich am Telefon einen Vertrag aufschwatzen lassen. "Ich wusste nicht mehr weiter, alles ist auf mich eingestürzt." Er habe schon länger über Selbstmord nachgedacht, sich aber dagegen entschieden, weil er seine Frau nicht allein zurücklassen wollte.

In der Nacht sei sie auf der Toilette zusammengesackt. "Da wurde mir bewusst, dass es keine Lösung gibt. Ich wollte Schluss machen." Am Morgen schaute er wie üblich nach seiner Frau, sie war schon wach. "Da habe ich ihr ein Kissen auf das Gesicht gedrückt. Sie fragte: Was machst du? An mehr erinnere ich mich nicht", sagt der Senior, den Tränen nah. Die Tat habe er aber nicht geplant. Otto L. wollte sich danach in der Elbe umbringen, verwarf die Idee jedoch - aus Angst, dass man den Leichnam seiner Frau zu spät finden könnte.

Stattdessen stürzte er sich mit dem Rad vor Autos, die im letzten Moment ausweichen konnten. Nach einem Zusammenprall mit einem Bus kam er in die Klinik. Weil er an Suizid dachte, stand er in der U-Haft unter Beobachtung. "Ich habe diese Gedanken nicht mehr", sagt er nun. "Ich stehe zu meiner Tat." Der Prozess wird fortgesetzt.