Lange Reihe in Hamburg

Christopher-Street-Day: Friedlich, bunt und doch politisch

Foto: Roland Magunia

Die Spitzen von GAL, SPD und FDP waren auf der Parade mit einem eigenen Wagen vertreten - ein offizieller Vertreter der Hamburger CDU fehlte.

Hamburg. Das Transparent ist schlicht, aber es zeigt Wirkung. Ein Wort steht darauf in dicken schwarzen Buchstaben geschrieben: "Neuwahlen". Die Fotografen stürzen sich auf dieses Motiv, obwohl drum herum viele schrille Typen in atemberaubenden Kostümen um ihre Aufmerksamkeit buhlen.

Die beiden Herren, die es halten, sind nicht verkleidet und haben sich direkt an der Spitze der Parade zum Christopher Street Day (CSD) an der Langen Reihe postiert. Auch die teilnehmenden Politiker stehen hier, teilweise direkt unter dem Transparent. Manche, wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, freiwillig: "Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir in Hamburg Neuwahlen bekommen." Andere, wie der GAL-Fraktionsvorsitzende Jens Kerstan, stehen hier wohl eher unfreiwillig. Denn noch steht die GAL hinter Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU), der am 25. August von der Bürgerschaft als Nachfolger von Ole von Beust zum Bürgermeister gewählt werden soll.

Während am Sonnabend bei 30 Grad und Sonnenschein die Spitzen von GAL, SPD und FDP vertreten sind und mit eigenen Wagen auf der Parade mitfahren, fehlt ein offizieller Vertreter der CDU. Im vergangenen Jahr hatte Bürgermeister Ole von Beust den bunten Zug angeführt, doch der ist im Urlaub, und Christoph Ahlhaus hatte eine Familienfeier. Dass die CDU fehlt, verwundert den FDP-Bundestagsabgeordneten Burkhardt Müller-Sönksen: "Ich habe noch nie erlebt, dass bei der CSD-Parade weder ein grüner noch ein schwarzer Bundestagsabgeordneter oder Senator dabei ist." Aber eigentlich ist es Müller-Sönksen, der auf seinem blau-weiß-gestreiften Hemd ein "Ich will Dich"-Aufkleber trägt, auch egal. Er will seine Botschaft verbreiten: "Die FDP hat für Homosexuelle seit der Bundestagswahl ganz viel bewegt." Berührungsängste kennt er nicht: "Ich bin zum neunten Mal bei der Parade dabei. Mit Schwulen bin ich gut vertraut, viele meiner Freunde sind homosexuell."

Nach Veranstalterangaben wurde in diesem Jahr mit rund 100.000 Menschen ein neuer Rekord erzielt. Auch wenn für viele der Zuschauer und Teilnehmer die Parade nur eine große laute Party ist, ist diese doch immer noch eine politische Demonstration: "Gleiche Rechte statt Blumen" hieß das Motto an diesem Wochenende: "Wir feiern heute die erreichten Verbesserungen für Homosexuelle, Bi- und Transsexuelle in den vergangenen drei Jahrzehnten. Aber es gibt noch viel zu tun", sagt Lars Peters, Vorsitzender vom Verein Hamburg Pride, der die Parade organisiert. Der CSD geht zurück auf Razzien gegen Homosexuelle am 28. Juni 1969 in New York. Damals hatten sich Schwule und Lesben in der Folge in tagelangen Straßenschlachten mit der Polizei gegen die Diskriminierung gewehrt.

Eine Straßenschlacht ist die CSD-Parade in Hamburg ganz sicher nicht. Hier geht es friedlich und fröhlich zu, wie im Karneval. So auch am Sonnabend wieder: Mit 30 Minuten Verspätung setzte sich der Zug an der Langen Reihe gegen 12.30 Uhr in Bewegung. 18 Trucks mit aufgeheiztem Partyvolk sind dabei. Die ohrenbetäubende Musik reicht von Techno bis Modern Talking. Je länger die Parade dauert, desto knapper wird auch die Bekleidung einiger Teilnehmer. Ein freier Oberkörper ist eigentlich Pflicht.

Auch am Straßenrand haben sich die Zuschauer herausgeputzt, ob Lack oder Leder, heute ist alles erlaubt. Manch einer führt seinen Liebsten auch an der Leine durch die Menge. Der Renner bei den Teilnehmern sind pinke Federn - egal ob bei Mann oder Frau, ob am Kopf oder um die Schultern.

Auf den Wagen der Parade, die von der Langen Reihe bis zum Jungfernstieg führt und gut drei Stunden dauert, ist "Politik" eher zweitrangig. Auch bei den Parteien. Zu ohrenbetäubender Musik wird getanzt. Gut gelaunt schwenkt GAL-Landeschefin Katharina Fegebank ihren Prosecco im Plastikbecher und feiert mit. Bei der SPD könnte der Eindruck entstehen, dass gerade eine Wahl gewonnen wurde. Auf dem Truck ist kein Durchkommen mehr. Die Plastikbierflaschen kreisen.

Die gibt es bei der FDP nicht, stattdessen isotonische Getränke. Trotzdem ist die Stimmung der meist jungen Gäste auf dem Laster ausgelassen. FDP-Mann Müller-Sönksen ist bester Laune: "Ein fröhliches Fest, das absolut überparteilich ist."

Ein Ziel hat sich Müller-Sönksen für die Parade gesetzt: "Ich werde mich nicht als heterosexuell outen", sagt er und zupft seinen zweiten Aufkleber auf dem Hemd mit der Aufschrift "Ich bin zu haben" zurecht.