Die Stadtteilserie

Sülldorf

| Lesedauer: 6 Minuten
Anne Dewitz

Stadtteil der Gegensätze: Hier begegnen sich Stadtleben und traditionelle Landwirtschaft, Traktorfahrer und Inlineskater

"Eigentlich könnten wir an der Schranke Eintritt verlangen", sagt Agnes Timmermann. "Das hier ist gelebtes Museum." Der Bahnübergang teilt Sülldorf. Während südlich der Gleise das Stadtleben beginnt, gackern nördlich davon die Hühner und tuckern die Traktoren. Der Geruch von Pferden liegt in der Luft. Es riecht nach Dorf mitten in Hamburg. In Sülldorf sind Landwirte noch voll erwerbstätig. Die Betriebe werden schon über Generationen geführt, auch wenn die Jungen einiges anders machen.

Die Timmermanns betreiben seit 1750 Landwirtschaft. "1989 haben wir uns entschlossen, den 40 Hektar großen Betrieb nach den strengen Bioland-Richtlinien zu führen", sagt Agnes Zimmermann. Sie verzichten auf künstliche Düngemittel und Gentechnik. Ihre Kürbisse, Kartoffeln und Karotten können direkt im Hofladen gekauft werden. Gut möglich, dass Tim Mälzer vor einem an der Käsetheke steht. Das Sortiment stocken die Timmermanns mit Waren ausgewählter Biolieferanten auf. Hinter dem umgebauten historischen Kuhstall grasen Charolais, Rinder einer französischen Rasse. Regelmäßig kommen Kinder auf den Hof, um Ferkel zu bürsten und Hühner zu füttern. Ein Stück heileWelt zum Anfassen. Trotz aller Landhausromantik aber: Am Ende eines schönen Lebens führt kein Weg amnahe gelegenen Schlachter vorbei.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Bekannte Söhne +++

Erholung vom Großstadtstress

Viele Bauern haben auf Reitpensionen umgesattelt. Städter wollen reiten, und in Sülldorf können sie ihr Pferd sicher unterstellen. Zum Beispiel auf dem Geesthof von Barbara und Hauke Behrmann. 70 Pferde umsorgen die Behrmanns hier, seit sich Milchwirtschaft und Schweinemast für sie nicht mehr lohnten. Auf dem Hof ist auch der Reitverein Geesthof mit 181 Vereinsmitgliedern, davon 87 Kinder und Jugendliche, organisiert.

Nicht nur die vielen Reiterhöfelocken die Städter. Bei gutem Wetter prallen in Sülldorf schon mal Welten aufeinander. Dann "stürmen" Inlineskater, Radfahrer, Spaziergänger und Reiter gleichzeitig den sonst so beschaulichen Ort, um sich im Klövensteen und in der Feldmark vom Großstadtstress zu erholen. Wenn ihnen auf schmalen Wegen dann der eine oder andere Traktor entgegenkommt, fühlen sie sich in der Dorfidylle gestört. Einige verleihen ihrem Missmut Ausdruck, indem sie stoisch in der Mitte des Weges bleiben. Dann kann es schon mal zu kleinen Reibereien kommen. Doch der weitaus überwiegende Teil der Besucher bleibt friedlich, und die Sülldorfer üben sich in Gelassenheit.

Gnadenbrot für Pferde

"Wir profitieren ja auch von der Stadtnähe", sagt Heinz Behrmann. Als Vorsitzender des Hamburger Bauernverbandes setzt er sich ehrenamtlich für die Belange aller Landwirte ein - hat aber auch viel Verständnis für die andere Seite. "Wir alle müssen Kompromisse eingehen." Auf seinem Hof bekommen greise Pferde ihr Gnadenbrot; das älteste hat schon stattliche 33 Jahre auf dem Buckel. Außerdem pflanzt der Getreidebauer auf 110 Hektar abwechselnd Hafer, Roggen und Weizen an. Als ältester Sohn einer Bauernfamilie und gelernter Landwirt hat er den Hof geerbt, auf dem seit dem 17. Jahrhundert Ackerbau betrieben wird. Irgendwann werden dann auch die Töchter in seine Fußstapfen treten. Für die Zukunft Sülldorfs ist gesorgt.

Ein Original ist auch Wilhelm Gerkens. Er ist der letzte Milchbauer im Ort. Zweimal täglich werden seine60 Kühe gemolken. 35 Cent gibt es derzeit für den Liter, zehn Cent mehr als im Katastrophenjahr 2009. Die Gerkens' sind zufrieden. Andere Sülldorfer betreiben Hundepensionen oder Imkereien. So hat jeder sein Auskommen.

Neben der Freiwilligen Feuerwehr Sülldorf-Iserbrook und dem Sportverein TSV Sülldorf ist im alten Teil die Schule am Lehmkuhlenweg Dreh- und Angelpunkt. In den Pausen sausen die Grundschüler mit Tretautos über den Schulhof. Ein ganzer Fuhrpark steht bereit. Die Lehrer legen viel Wert darauf, dass sich die Kinder ausreichend bewegen. Sülldorfs Nachwuchs kann sich auch bei Tennis, Kung-Fu oder Fußball austoben. Oder in der dritten und vierten Klasse auf dem Schulpferd Woody das Reiten lernen.

Südlich der Schienen zieht das Tempo merklich an. Entlang der viel befahrenen Sülldorfer Landstraße reihen sich Reitladen, Feinkostgeschäfte, Bäckereien, Supermarkt und Modeboutiquen aneinander. Ein Segelmacher geht hier seinem Handwerk nach. Neue Wohngebiete mit Einzel-, Reihen- und mehrgeschossigen Häusern sind in den 60er- und 70er-Jahren am S-Bahnhof Iserbrook und an der Straße Op'n Hainholt entstanden. Das gastronomische Angebot ist überschaubar: Das Memory bietet gehobene Küche, das Tibet-Restaurant Exotik und Spiros und Spiros prima Gyros.

+++ Bekannte Söhne +++

+++ Kurz & knapp +++

Grillen und Chillen

Im Sommer ist das Bad Marienhöhe ein attraktives Ausflugsziel. Im benachbarten Waldpark Marienhöhe, wo die Firma Heidorn bis in die 50er-Jahre Kies für die Betonherstellung abbaute, quaken in den Teichen Frösche und trällern in den Bäumen Vögel. An warmen Tagen wird hier gegrillt und gechillt - und bei Schnee wird gerodelt.

Wichtigste Institution neben der Kirche der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sülldorf-Iserbrook ist das Hamburger Musikkonservatorium, das sich seit 1977 gleich neben dem S-Bahnhof befindet. Tausende Hamburger haben ihren musisch begabten Nachwuchs schon hierher geschickt. Studenten aus ganz Deutschland und der Welt absolvieren hier ihre Ausbildung. "Von zwei bis 80 ist bei uns jedes Alter vertreten", sagt Markus Menke, Leiter der Musikschule. Unterrichtet werden alle Instrumente und alle Stile.

Auch wenn es so aussieht, als wäre Sülldorf geteilt: Im Franziskus, einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, werden beide Welten wieder vereint. Regelmäßig kommt hier das Sülldorf Forum zusammen, bestehend aus Firmen, Vereinen, Landwirten, Politikern, Bürgern, Polizei- und Schulvertretern, um über die Belange ihrer Heimat zu sprechen und auch die großen Feste gemeinsam zu planen.

+++ Stadtteil-Patin Anne Dewitz +++

In der nächsten Folge am 28.4.: Eimsbüttel

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