Erinnerung an den Holocaust

Mit dem Handy auf den Spuren der Opfer

Neues Miniprogramm führt zu Stolpersteinen, die an Schicksale der Nazizeit erinnern. Das Abendblatt war damit auf der Uhlenhorst unterwegs.

Hamburg. Papenhuder Straße, Ecke Hartwicusstraße. Ich steige aus dem Bus Nummer 6, der mich auf die Uhlenhorst gebracht hat. Von jetzt an soll mein Smartphone die Navigation für den Spaziergang durch den Stadtteil übernehmen. Mithilfe moderner Technik will ich in die Vergangenheit reisen. Die Papenhuder Straße wird von vielen Stadthäusern im Jugendstil gesäumt, vorwiegend sind sie um die Jahrhundertwende gebaut. Ihre Unversehrtheit zeugt davon, dass während des Zweiten Weltkriegs nicht alles zerstört worden ist. Aber auch dort, wo die Zeit des Nationalsozialismus auf den ersten Blick keine Zerstörung angerichtet hat, hinterließ er Risse in der Gesellschaft. Glänzende, in den Boden eingelassene Messingklötze erinnern an die Opfer. Und eine App, ein Miniprogramm auf meinem Handy, soll mich an diesem Tag zu ihnen führen.

"79 Stolpersteine innerhalb von 0,7 Kilometern" steht auf dem Display nach der Betätigung der Lokalisierungsfunktion. Eine Liste von Namen erscheint. Theodor Haubach, Hartwicusstraße 2, steht an erster Stelle - 170 Meter von meinem aktuellen Standort entfernt. Drei Minuten später stehe ich vor einem Mehrfamilienhaus, vor dessen Haustür ein Metallklotz in den Boden eingelassen ist. "Geboren 1896, hingerichtet 23.01.1945 in Berlin-Plötzensee" ist dort eingraviert. Um mehr zu erfahren, tippe ich auf das Display des Handys. Theodor Haubach bekommt ein Gesicht. Direkt darunter kann ich seine Lebensgeschichte nachlesen.

Tragisch ist die Vita eines politisch engagierten Mannes, der in einem Gefängnis in Berlin sterben musste. Der überzeugte Sozialdemokrat hatte sich 1940 einer Widerstandsgruppe angeschlossen, trat in Kontakt mit Graf von Stauffenberg und beteiligte sich am Hitler-Attentat am 20. Juli 1944. Nicht einmal einen Monat später wurde er von der Gestapo in Berlin verhaftet, am 15. Januar 1945 zum Tode verurteilt. Kurz vor seiner Festnahme hatte er seine große Liebe kennengelernt, die Sängerin Anneliese Schellhase. Sie besuchte ihn regelmäßig im Gefängnis, reichte zwei Gnadengesuche ein. Vergeblich. Am 23. Januar 1945 wurde ihr Verlobter gehängt.

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Um den Hamburgern Geschichten wie die von Theodor Haubach nahezubringen, hat die Landeszentrale für politische Bildung die Smartphone-Applikation "Stolpersteine" entwickelt (siehe Info unten). In der Landeszentrale ist man stolz über die neue Möglichkeit, Geschichte über moderne Kommunikationskanäle zu vermitteln. "Bei den Stolpersteinen profitiert man sehr von der Möglichkeit, die Routenplanung zu nutzen", sagt Rita Bake, stellvertretende Leiterin der Landeszentrale. Grundlage für den Inhalt der App sind die Biografien aus der Literaturreihe "Stolpersteine in Hamburg - Biografische Spurensuche", die bereits für viele Hamburger Stadtteile erschienen sind. "Natürlich könnte man auch einen Rundgang mit einem Buch machen", erläutert die Initiatorin zu. "Aber dieser unmittelbare Zugang mit dem Handy macht einen Spaziergang komfortabler."

Auf der Uhlenhorst führt mich das Telefon zurück zur Papenhuder Straße, die viele der glänzenden "Steine" in seinem Trottoir beherbergt. In Barmbek-Uhlenhorst sind über 100 Steine verlegt worden. Ein Großteil der Biografien hat Carmen Smiatacz verfasst. Als Vertreterin einer jüngeren Generation sieht die 24-jährige Historikerin großes Potenzial in der Nutzung neuer Medien in ihrem Fachgebiet. "Besonders junge Menschen können so für Geschichte begeistert werden", sagt die junge Frau, die gerade ihr Masterstudium abgeschlossen hat. "Auch wenn es bei diesen tragischen Schicksalen nicht immer angenehm ist, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen." Aufgrund ihrer Nähe zur Universität ist ihr besonders die Biografie von Professor Kurt Perels in Erinnerung geblieben, der in der Gustav-Freytag-Straße gelebt hat.

Der Weg zu seinem Gedenkstein führt mich wieder in den Bus Nummer 6. Über die Papenhuder Straße geht es weiter den Hofweg hinauf. Das iPhone zeigt an, dass der Bus an dem Stein von Carl Bruns vorbeifährt, der wegen seiner Homosexualität in ein Konzentrationslager gebracht wurde und dort ums Leben kam. Auch an denen der Familie Baum, Charlotte Rosenfeld, Emilie Löwenstein und Elise Mansfeld, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft sterben mussten. Der Bus hält an der Station Zimmerstraße, und das Handy führt mich 200 Meter hinein in die kleine Gustav-Freytag-Straße, in der Professor Perels in einem mehrstöckigen, weißen Stadthaus gelebt haben soll. "Gedemütigt, Entrechtet, Flucht in den Tod" steht auf dem kleinen, in den Boden eingelassenen Messingstein. Und wieder gibt die App dem Opfer ein Gesicht und präsentiert die Geschichte zu dem Menschen dahinter.

Perels war in Berlin geboren und kam 1909 nach Hamburg. Nach einer universitären Karriere lehrte er zuletzt Öffentliches Recht an der Uni Hamburg und gehörte zu den ersten Dekanen an der Fakultät für Rechtswissenschaft. Als er 1933 sein Amt verlor, weil sein Vater Jude war, nahm sich Perels im Alter von 56 Jahren das Leben.

Um in Richtung City zu gelangen, durchquere ich die Zimmerstraße in Richtung Winterhuder Weg, um dort in den Bus zu steigen. Die Liste der Stolpersteine in unmittelbarer Umgebung reißt nicht ab. Die App führt mich in den Süden der Uhlenhorst, genauer gesagt zur Kirche St. Gertrud im Immenhof. "Hier wirkte Else Geiershoefer" steht auf dem Stein vor der Gartenpforte, die zum Pastorat heraufführt. Auch hier klärt die App dem Betrachter des Steines darüber auf, wieso eine Christin den Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Ihre Eltern waren konvertierte Juden. Else Geiershoefer wurde zunächst ihres Vermögens beraubt, dann im Oktober 1941 nach Lodz deportiert. Dort starb sie am 22. Oktober 1942 im Getto.

Mit dem Stolperstein wird an Else Geiershoefers Engagement in der Gemeinde St. Gertrud erinnert. Und so kommt auch der ehemalige Pastor der Gemeinde in dem Lebenslauf zum Stolperstein zu Wort. Biografin Carmen Smiatacz sagt: "Ein Schicksal, das symbolhaft für viele jüdische Familien angesehen werden kann, denen erst ihr Besitz, dann die Würde und später das Leben genommen wurde." Ein Schicksal, das durch die Stolpersteine-App dem Betrachter ganz nahekommt: Wenn auf dem Display das Bild einer rundlichen Dame im Tupfenkleid auftaucht, ist Else Geiershoefer mit ihrer ganz persönlichen Geschichte dem Betrachter plötzlich ganz nah.