WM in Südafrika

Fußball-Deutschland surft auf der Welle

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Die Begeisterung von 2006 lebt wieder auf. Nie schauten mehr Menschen ein Vorrundenspiel der Deutschen. Warum sind wir so fußballverrückt?

Hamburg. Vor acht Jahren passierte einem Freund etwas Schreckliches. Er landete auf der falschen WM-Finale-Guck-Runde. Wir erinnern uns. Finale: Deutschland-Brasilien. Olli Kahn hielt und hielt, und Ballack hatte im Halbfinale eine Gelbe Karte kassiert und war nicht mehr dabei. Jedenfalls herrschte Hochspannung, auch bei besagtem Freund. Er, der absolute Deutschland-Fan, überließ es einem anderen Freund, den Ort der Übertragung zu wählen, nur ein großer Bildschirm war wichtig. Als er zur Wohnungstür hereinkam, sah er, dass dieses Finale grausam werden würde. Die Wohnung war voll von Italienern. Das Spiel begann und sie jubelten bei jeder Aktion der Brasilianer.

Die Geschichte ging schlecht aus. Brasilien wurde Weltmeister, der Titan fing sich das entscheidende Tor von Ronaldo, die anwesenden Italiener frohlockten: Die Deutschen verloren. Der Freund platzte fast vor Ärger. Während des ganzen Spiels musste er sich zurückhalten. Denn vor Ausländern die Deutschen anzufeuern, richtig Deutschland-Fan zu sein, war problematisch. War nicht Zeitgeist, prollig, macho, ging wegen der deutschen Vergangenheit nicht.

Wäre es damals so wie heute gewesen und hätte es schon das neue Public Viewing und Fanfeste gegeben, der Freund hätte die Italiener-Wohnung nicht nötig gehabt. Und hätte stattdessen mit Gleichgesinnten feiern können. Mit anderen Deutschland-Fans. Und das Wichtigste: Er hätte sich dafür nicht schämen müssen.

So wie am Sonntagabend beim ersten Spiel der Deutschen. Acht Jahre später. Und der Zeitgeist ist ein vollkommen anderer. Anfeuern, Fan-Sein der deutschen Nationalmannschaft ist absolut opportun, ist nichts mehr nur für randständige männliche Biertrinker. Ist ein soziales Event, eine Party wie ehemals die Love Parade, das Hurricane-Festival oder das Oktoberfest.

Auf dem Hamburger Heiligengeistfeld schauten 65 000 Menschen das Spiel der Deutschen gegen die Australier. Bei jedem Tor brach eine Jubelwelle aus. Thomas Münch, 48 Jahre alt und Ordner im Innenbereich, erlebte die Feier mit. Auf die Frage, wieso die Leute hier inzwischen so begeistert feiern, sagte er gestern: "Ich sach mal, das ist Deutschland."

Alles begann 2006. WM im eigenen Land. Nicht nur in den Stadien von München bis Hamburg, überall in der Stadt wurde Fußball geschaut. Wurden Fernseher auf die Straße gestellt, Fanfeste in ganz Deutschland waren überfüllt. Mit Männern und Frauen. Das Ausland lobte das Sommermärchen, das neue Deutschland, die Feiermentalität und die gute Stimmung im Land. Sogar das Image der Deutschen von diszipliniert bis langweilig wandelte sich in leicht bis jubelnd, sogar weltoffen.

Und jetzt? Südafrika 2010. Durban. Nach dem Traumstart für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft fuhren Tausende auf der Reeperbahn und dem Kudamm in Berlin Autokorsos. Das erste Vorrundenspiel wurde wie ein Finale gefeiert. Und damit schließt 2010 nahtlos an die WM 2006 an.

Das 4:0 der DFB-Auswahl gegen Australien war auch ein Traumstart für das ZDF : Im Schnitt haben das Vorrunden-Spiel 28 Millionen (in der Spitze sogar 30 Mio.!) Zuschauer am Bildschirm verfolgt, was einem Marktanteil von 74,4 Prozent entspricht. Die Besucherzahlen bei den ungezählten Public-Viewing-Veranstaltungen in Deutschland wurden nicht erfasst. Mehr als hunderttausend waren es sicher. Der Sportchef des ZDF, Dieter Gruschwitz, stellte zufrieden fest: "Das ist der beste Wert für ein Eröffnungsspiel einer deutschen Mannschaft überhaupt bei einer Fußball-EM oder -WM." In der Rekordliste der Einschaltquoten von Fußball-Großereignissen nimmt die Begegnung den siebten Platz ein. Die beste Quote stammt vom Halbfinale der WM 2006. Das Duell zwischen Deutschland und Italien (0:2 n. V.) verfolgten damals 29,66 Millionen Fernsehzuschauer.

Warum also wird der Fußball immer beliebter und die Begeisterung immer stärker? Die Antwort von Philosophen und Psychologen wirft einen düsteren Blick auf unsere Zeit. So schrieb schon Hermann Broch, im Jahr 1951 verstorbener österreichischer Philosoph, Dichter und Mathematiker, dass der moderne Mensch in der am wenigsten zuverlässigen, ja sogar in "der unzuverlässigsten aller Welten" lebe. Deshalb suche er Unterschlupf in der Masse. Demnach geht es in Brochs Psychologie der Massen nicht so sehr um das Verhalten der Massen, sondern um den Menschen, der die "Massenbindung" sucht.

Sebastian und Patrick, beide 22 Jahre alt, waren gestern sogar beim Spiel Niederlande gegen Dänemark auf dem Heiligengeistfeld. Sebastian trug ein neues Deutschland-Trikot und Patrick ein buntes Hemd. Sie kennen sich aus der Gastronomie, beide arbeiten als Koch. In der Halbzeit verließen sie das Fanfest. Warum? "Weil es ein schlechtes Spiel ist und weil nichts los ist", sagte Sebastian. Am Sonntag war er auch dort. "Wahnsinn" sei das gewesen. "Und was soll erst passieren, wenn Deutschland ins Finale kommt?" Aber die Mannschaft sei auch so geil. "Sie spielen wirklich gut", sagt er. Was er denn denke, warum so viele Leute da waren? "Wir sind halt die Party-Generation", sagt Patrick, der in der Woche nach der WM nach Llorette de Mar fährt. Um was zu tun? "Na, um zu feiern!"

Der Autor des Buches "Deutschland auf der Couch", Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut in Köln, schaut hinter die Fassade der "Generation Party". "Die Jugend ist eher eine Generation Zerrissenheit. Die Fußball-WM vereint alle wieder und erfüllt die Sehnsucht nach Gemeinschaft." Denn schon bei der vergangenen WM hätten die Deutschen die Erfahrung gemacht, dass die Gemeinschaft etwas bewegen kann. Im normalen Leben werde diese Erfahrung nur kaum noch erfüllt. "Wir erleben uns als isolierte Individuen, in einer Welt, in der es immer wieder Löcher gibt." So leben die Deutschen derzeit in einem Vaterland ohne Vater, weil Horst Köhler als Präsident zurückgetreten ist. Und Angela Merkel komme ihrer Mutterrolle ebenfalls nicht mehr nach. Während der großen Koalition habe sie in fast präsidialem Stil regieren können. "Nun aber in der Koalition mit der FDP ist sie ins rechte Lager gerückt und muss Klientelpolitik machen." Für viele sei das enttäuschend. Und als ob das nicht ausreichen würde, zeige uns die Aschewolke, dass die Natur auch macht, was sie will. Und auf die von den Menschen geschaffene Technik könne man sich spätestens seit der ölleckenden BP-Bohrinsel "Deepwater Horizon" ebenfalls nicht mehr verlassen.

Also sucht man sich die heile Welt im Fußball. Mit Nationalismus allerdings habe das Fahnengeschwenke nichts zu tun. Grünewald bezeichnet es als "Partyotismus", die Sehnsucht nach Gemeinschaft und eben Party. In der Psychologie wird so ein Gemeinschaftserlebnis auf dem Heiligengeistfeld auch als "ozeanisches Gefühl" benannt. Der Mensch möchte wie in einem Meer von Menschen mitschwimmen, sich von der Welle tragen lassen, aufgehen in den Emotionen, so Grünewald.

In all dem Schwarz-Rot-Gold gibt sich aber längst nicht jeder dem überbordenden Gemeinschafts-Emotionsdusel hin. Eine Münsteraner Studentengruppe hat den Grand-Prix-Hit "Satellite" von Lena Meyer-Landrut zur Fußball-WM-Hymne umgedichtet. Statt im Refrain "Love, oh, Love" singen sie "Schland, oh, Schland".

Im Internet hat ihr Video schon mehr als eine halbe Million Klicks. Die Gruppe nennt sich "Uwu Lena" und in dem Video feiern sie mit Flaggen und Vuvuzela-Tröten die WM: "Schland O Schland/ Wir sind von dir begeistert". Der Hamburger Musikverlag EMI Music Publishing ist dagegen wenig begeistert. Die Firma hält die Rechte an den Songs von Lena Meyer-Landrut und hat ihre Rechtsanwälte eingeschaltet. Rettung naht aber von Stefan Raab, der angeblich das Lied der Studenten produzieren möchte.

Kim und Karin - elf und zwölf Jahre alt, Kim hat dunkles Haar, Karin ist blond - wieder auf dem Heiligengeistfeld, wieder gestern. Warum seid ihr hier? Deutschland spielt ja erst Freitag das nächste Mal. Karin: "Es ist ja WM, und die ist nur alle vier Jahre, und das ist was Besonderes." Beide sind Fans von Deutschland, Kim auch noch von Portugal, weil ihr Opa dort lebt. "Ich bin auch noch HSV-Fan", erzählt Kim. Mitten hinein in ihre braven Antworten sagt Karin: "Oh, Gott, da ist Rafael!" Holland spielt zwar gerade, sie meint aber nicht Rafael van der Vaart, sondern Rafael aus der neunten Klasse. Krise, isolierte Individuen? Karin und Kim sind dort, wo ihr Schwarm ist. Vielleicht ist es so einfach.

Und "Uwu Lena" singen im Netz: "Sommerparty frisch und leicht". Fehlt nur noch der Sommer zum Märchen. Party haben wir.