Suchtkranke Kinder auf Entzug

Er war zehn - und schon betrunken

Immer mehr Hamburger Jugendliche trinken hemmungslos bis zum Exzess. Oft ist es der Start in eine Drogen-Karriere. Zwei Betroffene haben uns ihre Geschichte erzählt. Ein Report von Sophie Laufer.

Hamburg. Seinen ersten Vollrausch hatte Tim kurz vor seinem elften Geburtstag. Seitdem gab es im Leben des großen schlanken Jungen mit den blonden Haaren kein Halten mehr. Beinahe täglich war er betrunken. Mindestens alle zwei Wochen landete er mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. "Irgendwie hat sich das verselbstständigt", sagt der heute 15-Jährige über die vergangenen Jahre. "Ich hatte kein Verhältnis mehr zu den Mengen, die ich da in mich reingekippt habe." Hin und wieder habe er mit Cannabis nachgeholfen.

Für Maria war der Alkohol der Einstieg in ein Leben voller Drogen. Mit 13 Jahren riss sie aus, betrank sich sinnlos und landete noch in derselben Nacht mit einer schweren Vergiftung im Krankenhaus. "Ich ahnte, was der Alkohol mit mir und meinem Körper machen würde - aber genau das war mein Ziel", sagt die hübsche junge Frau, die heute 19 Jahre alt ist. "Doch dass die Folgen so heftig sein würden, damit hatte ich nicht gerechnet." Auch sie probierte Cannabis, landete dann bei Kokain und Beruhigungsmitteln. "Mein Leben waren die Drogen, sie haben mein ganzes Denken und Handeln bestimmt."

Maria und Tim ( Namen von der Redaktion geändert ) leben im "Come in!", einer Fachklinik und Betreuungseinrichtung für suchtkranke Jugendliche. Einer Einrichtung, die angesichts der erschreckenden Zahlen zu Alkoholexzessen von Jugendlichen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Mussten 2003 noch 62 Jungen und Mädchen in Hamburger Kliniken wegen einer Alkoholvergiftung behandelt werden, waren es 2007 bereits 146. Und die extremen Besäufnisse sind nicht selten Beginn einer Sucht.

Hier in Moorfleet, in der großen weißen Villa ganz nahe am Wasser und mitten im Grünen, wollen die Jugendlichen versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Ein Leben ohne Alkohol und Drogen, mit einer Chance auf einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung. Und mit der Chance auf eine Zukunft, die sie bisher nicht hatten.

"Seit ich hier bin, habe ich wieder ein Ziel", sagt Maria, die vor gut drei Monaten eingezogen ist. Die zierliche dunkelhaarige Frau stammt aus einer afghanischen Familie. Sie spricht offen über ihre Vergangenheit, ihren Weg in die Abhängigkeit und ihren totalen Absturz - und schont sich selbst dabei nicht. "Bei uns zu Hause gab es viel Gewalt. Mein Vater hat mich geschlagen." Nach außen hin habe die Familie den Eindruck vermittelt, alles sei in Ordnung. "Aber in Wirklichkeit gab es ständig Streit und Gewalt. Das war fürchterlich." Mit niemandem habe sie über ihre Situation reden, keinem ihre Sorgen mitteilen können. So habe sie sich einer Gruppe älterer Jugendlicher angeschlossen und sei schließlich von zu Hause abgehauen. "Mir war alles egal, ich wollte einfach nur weg." Auf einer Party habe sie dann zum ersten Mal richtig Alkohol getrunken. Whisky. Später ging es bei einem Freund zu Hause weiter. Immer weiter, bis sie ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Dieser Abend scheint der Auslöser für Marias Sucht gewesen zu sein. Danach betäubte sich das Mädchen immer häufiger. Als Alkohol nicht mehr reichte, begann sie zu kiffen, "denn das macht gute Laune - und die brauchte ich dringend". Und dann kam Koks, sagt sie mit erschreckender Selbstverständlichkeit. "Ich war nur noch auf Partys." An ein normales Leben war nicht mehr zu denken. Wenn die Hamburger Schüler aufstehen mussten, schleppte sich Maria ins Bett. Ihre Eltern wollen jahrelang nichts von diesen Exzessen bemerkt haben. "Dass ein afghanisches Mädchen Alkohol trinkt und Drogen nimmt, ist unvorstellbar", sagt Maria. "Meine Eltern würden damit nicht klarkommen."

Auch in Tims Elternhaus war Gewalt an der Tagesordnung. "Mein Stiefvater hat mich immer wieder geschlagen", sagt er. Der Junge musste mitansehen, wie sich der Lebensgefährte seiner Mutter betrank und die Familie tyrannisierte. Auch bei Tim waren es ältere Freunde, die ihn zum Trinken verführten.

Schnell wurden aus einem Glas viele, aus einem Schwips die Volltrunkenheit. "Ich habe gemerkt: Wenn man betrunken ist, vergisst man alles um sich herum. Genau das wollte ich." Zuerst besorgten ihm seine Kumpels den Alkohol, später kaufte er sich selbst die Flaschen. "Ich habe immer und überall getrunken. Und wenn meine Mutter mich gefragt hat, was mit mir los ist, habe ich nur genickt. Und kurze Zeit später weiter das Zeug in mich reingegossen." Auch Tims Mutter war lange ahnungslos. "Sie hat nur die schlimmen Abstürze mitbekommen, wenn sie mich bei der Polizei oder im Krankenhaus abholen musste."

Ins "Come in!" sind beide schließlich freiwillig gekommen, mehr oder weniger. "Ich habe am Ende nur 46 Kilo gewogen. Wenn ich weitermache, wusste ich, saufe ich mich irgendwann tot", sagt Tim. Also habe er selbst vor etwa einem Jahr angefangen, weniger zu trinken und in der Suchtberatung um Hilfe gebeten. Seit sieben Monaten lebt er in Moorfleet. Maria hatte drei Entgiftungen hinter sich, wurde immer wieder rückfällig. Bis auch sie im "Come in!" landete.

Dort leben derzeit 21 Jugendliche im Alter von 15 bis 21 Jahren. Die Tage sind genau durchgeplant, freie Zeit gibt es zu Beginn der Therapie wenig, "denn wir sollen uns nicht so zurückziehen, wie wir das vorher immer getan haben", sagt Tim. Maria sieht ein: "Wir hatten bisher das ganze Leben frei, das ist vorbei."

Um 6.30 Uhr ist Wecken. Dann heißt es aufstehen, fertig machen, putzen, frühstücken und in die Schule, zum Praktikum oder zur Therapie. Kochen müssen die Jugendlichen unter Anleitung einer Köchin selbst. Am Wochenende wird geputzt, Sport und Musik gemacht oder Ausflüge unternommen. Einige der "Klienten", wie sie sich nennen, dürfen Besuch empfangen. Handy und MP3-Player sind tabu, Telefonieren ist ausnahmsweise einmal im Monat erlaubt, Internet nur unter Aufsicht. Die strengen Regeln hält Maria für "absolut richtig". Schließlich, sagt sie, "hatte ich bisher keine Regeln, alles war egal".

Was nach der Therapie kommt, wissen Maria und Tim nicht. Sie können sich ein Leben ohne Alkohol und Drogen, dafür aber mit Schule oder gar einem Job noch nicht vorstellen. "Mein großer Traum ist es, Abitur zu machen und eines Tages zu studieren", sagt Maria. Tim plant erst einmal nur einen Schulabschluss, "dann würde ich gern eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner machen". Ihr größtes Ziel ist ein anderes: nie wieder Alkohol oder Drogen. Ob sie das ohne Rückfall schaffen, weiß niemand.