Beust: "Wir begegnen uns nicht in Belehrung, sondern im Dialog"

China-Wochen: Gala-Diner mit dem Ministerpräsidenten Wen Jiabao im großen Festsaal des Rathauses. Wirtschaftliche Verflechtungen standen im Mittelpunkt der Reden, aber es gab auch kritische Worte.

Nie zuvor hat eine größere chinesische Delegation aus Politik und Wirtschaft Hamburg besucht. Sichtbarer Ausdruck der engen Beziehungen zwischen der Hansestadt und dem Reich der Mitte war gestern Abend das Gala-Diner mit 400 geladenen Gästen im Großen Festsaal des Rathauses - protokollarischer Höhepunkt der China Time 2006 und des Hamburg Summit. Im Mittelpunkt der Reden standen die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Europa und China, wobei auch kritisch-mahnende Worte nicht ausgespart wurden.

Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao, der die Pekinger Delegation anführt, überraschte seine Zuhörer zu Beginn seiner mit Spannung erwarteten Rede mit einem freimütigen Bekenntnis. "Ich hasse vorgefertigte Reden. Ich spreche lieber frei, weil dann auch mein Herz spricht", sagte der Chinese und legte sein sechsseitiges Rede-Manuskript beiseite.

Wen Jiabao bekannte sich ausdrücklich zum Kurs der wirtschaftlichen Reformen und der Öffnung in Richtung Westen. "Bei der Intensivierung unserer Beziehungen zu Europa wird Hamburg eine entscheidende Rolle spielen", sagte der Ministerpräsident. Im vorab verteilten schriftlichen Manuskript seiner Rede betonte Wen, dass China dem Schutz des geistigen Eigentums "höchste Priorität" beimesse. Nach wiederholter Kritik aus dem Westen kündigte Wen verstärkte rechtliche Anstrengungen auf diesem Gebiet an.

Wen ging auch auf die Kritik an der fehlenden politischen Öffnung Chinas ein. "Wir drängen anderen Staaten unsere Ideologie nicht auf", sagte der Ministerpräsident. Er habe von Gerüchten gehört, nach denen die Presse in China wieder schärfer kontrolliert werden solle. "Ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass die Medien weiter frei berichten können ", sagte Wen zu.

Für viele Zuhörer überraschend, outete sich der Top-Funktionär der chinesischen KP als Anhänger der deutschen Literatur. Nicht ganz so überraschend war danach, dass Wen den deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz zitierte. Vor 300 Jahren hatte Leibniz bereits festgestellt, dass Europa und China Brücken bauen müssen, um den Austausch zwischen den weit entfernt liegenden Kulturen zu ermöglichen. "Heute brauchen wir solch eine Brücke, um eine Welt in Frieden, Harmonie und allgemeinem Wohlstand zu schaffen", sagte Wen. Bei diesem Brückenbau könne Hamburg mit der Städtepartnerschaft zu Schanghai helfen, setzte Wen unter Beifall hinzu.

Bürgermeister Ole von Beust hatte bereits zu Beginn des Diners die engen Verflechtungen zwischen China und Hamburg herausgestrichen. "In China kennt man Hamburg, Han Bao, die Burg der Chinesen", sagte von Beust. Hamburg sei Deutschlands wichtigster Standort für den Handel mit China. Von Beust erinnerte daran, dass die gemeinsame Geschichte bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückreiche, als die ersten Schiffe mit Porzellan, Tee und Seide aus China an Bord im Hafen festmachten.

"Wir begegnen einander heute nicht in der Belehrung, sondern im Dialog", sagte von Beust. "Wir suchen den Austausch über Ansichten, die wir teilen, und wir finden das Gespräch über Dinge, die uns noch trennen." Auch diesem Dialog diente China Time.

In seiner Begrüßung betonte Handelskammer-Präses Karl-Joachim Dreyer, dass China nicht mehr nur Produktionsstandort, sondern einer der weltgrößten Verbrauchermärkte ist. "Wir sollten unser Augenmerk auf die Abschaffung von Handelsbarrieren richten", sagte Dreyer. Es sei auch wichtig, die Rechtssicherheit zu stärken, um mehr private Investitionen ins Land zu holen.

In dieselbe Richtung zielte auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos: "Chinas Markt, Herr Ministerpräsident, ist heute sehr viel offener als vor fünf oder zehn Jahren. Der Prozess der Marktöffnung ist allerdings noch nicht abgeschlossen."

Altbundeskanzler Helmut Schmidt erinnerte in seiner Rede an seine ersten Begegnungen mit chinesischen Politikern vor 31 Jahren. Ob Hongkong oder Taiwan - die Volksrepublik habe sich stets für Frieden und Kompromisse eingesetzt. "Die anderen Weltmächte haben kein Recht, China zu kritisieren", lautete Schmidts Fazit.