Kinder in Hamburg

Geburtshaus Ottensen feiert 20-jähriges Bestehen

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Carina Braun

Am 2. September gibt es das Haus seit 20 Jahren. Das Geburtshaus in Ottensen ist das erste und das einzig große in der Hansestadt.

Hamburg. Zunächst war da diese Angst. Eine Angst, die viele kennen, die Angst vor Spritzen. Die Spritzen standen für Antje Trapp symbolisch für alles Unangenehme in einem Krankenhaus: für das Gefühl, ausgeliefert zu sein, nicht selbst entscheiden zu können.

Deshalb liegt Antje Trapp, 32 Jahre alt, 38. Woche, heute auch auf einer Liege im Geburtshaus Ottensen und bespricht sich mit ihrer Hebamme Paka Saichu. Paka Saichu ist ebenfalls 32 Jahre alt und eine von 15 freiberuflichen Hebammen, die sich in diesem Geburtshaus, das in der kommenden Woche 20-jähriges Bestehen feiert, zusammengeschlossen haben. Rund um die Uhr steht eine von ihnen für die werdende Mutter bereit. "Ich habe nie verstanden, warum ich zur Entbindung ins Krankenhaus sollte", sagt Antje Trapp. "Ich bin ja nicht krank. Eine Geburt ist doch etwas Natürliches." Sehr schwanger sieht die zweifache Mutter trotz fortgeschrittener Wochenzahl nicht aus, sie ist schmal geblieben, den Bauch trägt sie stolz wie ein Accessoire. Vor allem aber verbreitet sie eine Gelassenheit, als stünde ihr eine Steuerberatung bevor und nicht eine schmerzhafte Geburt.

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Das Geburtshaus in Ottensen ist das erste und das einzig große in der Hansestadt, es hatte eine Vorreiterrolle in der Republik. Ein kleineres eröffnete später in Harburg, doch wer vom Geburtshaus Hamburg spricht, meint meist das kleine Gebäude in einem lichtdurchfluteten Hinterhof nahe dem Altonaer Rathaus. Im Innern ist es ruhig, Sessel und Kissen überall.

Mehr als 2500 Babys wurden in diesen Räumen schon geboren, die Namen der Ankömmlinge sind im Treppenhaus auf bunte Plaketten gemalt: Hannes Bo, Jonny Baltasar, Sunny Katharina und Ingrid haben hier ihre ersten Schreie ausgestoßen. Kleine Plakate kündigen Yoga und Bauchtanz für Schwangere an. Das Kursangebot ist breit, es umfasst Stillberatung, Gymnastik, Babymassage und Geburtsvorbereitung. Sogar für Großeltern, die schon mal wohlmeinende Tipps zur Erziehung parat haben, gibt es Schulungen. "Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz", sagt Geschäftsführerin Britta Höpermann. "Wir bieten Vorsorge, Geburt und Nachsorge unter einem Dach an."

Vor 20 Jahren war sie eine von zehn Hebammen, die das Geburtshaus gründeten. Die Idee: Frauen eine Alternative zum Krankenhaus zu bieten und es ihnen zu ermöglichen, selbstbestimmt zu gebären, statt einfach entbunden zu werden. Eine Geburt auf natürliche Weise, ohne Ärzte und in vertrauter Umgebung. Im Geburtshaus gehen die Frauen schon Wochen vor der Geburt ein und aus und werden einem Team von vier Hebammen zugeteilt, von denen immer mindestens eine im Dienst ist. Medizinische Eingriffe gibt es nicht - dafür bekannte Gesichter und beruhigende Stimmen. "Das Vertrauen in die Hebamme ist unser wirksamstes Schmerzmittel", sagt Höpermann. Nur ganz selten werden die Schmerzen so groß, dass eine Frau für die Periduralanästhesie in die Klinik muss. Auch alternative Geburtspositionen zur Rückenlage griff das Geburtshaus wieder auf - die Wanne, den Hocker, das Hängen in Seilen oder den Vierfüßlerstand.

Es sind aber vor allem die Kurse, die dem Geburtshaus auch in schwierigen Zeiten das Überleben sichern. Die Geburtshilfe ist teuer geworden für freiberufliche Hebammen, viele mussten ihren Beruf in den vergangenen Jahren aufgeben, weil die Kosten ins Untragbare gestiegen waren. Die Haftpflichtversicherung, im Jahr 2002 noch bei etwa 500 Euro, liegt längst bei mehr als 4200 Euro jährlich. Seit Juli wenigstens wird ein Teil ausgeglichen, auch die Honorare sollen steigen; die Höhe ist aber noch unsicher. "Es ist ein bisschen besser, aber noch lange nicht gut", sagt Paka Saichu. "Aber ich liebe, was ich tue."

Ob sie es sein wird, die Antje Trapps Kind auf die Welt bringt, ist noch unklar. Manchmal, wenn eine Geburt zu lange dauert, wechseln die Hebammen auch. Das ist bei Antje Trapp nicht zu erwarten. So entspannt war sie bei ihrem zweiten Kind, dass sie die Schmerzen lange nicht ernst nahm und es gerade noch rechtzeitig ins Geburtshaus schaffte. Es dauerte 17 Minuten, bis ihre Tochter das Licht der Welt erblickte.

Am Sonntag, 2. September, von 12 bis 17 Uhr, feiert das Geburtshaus im Innenhof Am Felde 2 und auf dem Ottenser Marktplatz Jubiläum. Dort gibt es Informationen rund um die Einrichtung.

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