Altona-Altstadt

Seit 50 Jahren auf dem Schellfischposten

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Jens Meyer-Odewald

Die Wirtsleute Ulla und Uwe Müller hatten allen Grund zu feiern: Hamburgs urigste Kneipe ist seit einem halben Jahrhundert in Familienhand.

Hamburg. Beim Klabautermann: Wenn sich einer in der Stadt wirklich mit Absaufen auskennt, dann ist es Uwe Müller. Nicht weil der Mann als Hafenlotse hauptberuflich dicke Pötte ins Fahrwasser dirigiert. Auch nicht, weil er als Wirt in seiner Kneipe Zum Schellfischposten am Elbufer mit Hochwasser leben muss und für die Gäste Gummistiefel parat hat. Vielmehr bringt der persönliche Einsatz am Zapfhahn diese Erfahrung mit sich.

Über Pfingsten gab es für Uwe Müller praktischen Anlass, sein Wissen zu vertiefen. Erstens weil er doppelten Grund zum Feiern hatte. Und zweitens weil sich selbst altgediente Schluckspechte nur mit Mühe an ein ähnlich feuchtfröhliches Gelage erinnern können. Nicht wenige meinten am Ende gar, dass Stammgast Dietrich "Ossi" Petersen mit dem Boot heimwärts gefahren sei. Nach Osdorf. Auch sonst war nicht alles ganz klar an diesem schon jetzt legendären Abend.

+++ Jede zweite Hamburger Kneipe machte seit 2001 dicht +++

+++ Nichtraucherschutz: Viel Rauch, aber noch kein Verbot +++

Zurück zu Uwe Müller, Kapitän mit Patent für große Fahrt und Vollprofi hinter der Theke. Vor genau fünf Jahrzehnten übernahm sein Schwiegervater Georg "Schorsch" Pohl die traditionsreiche Schankwirtschaft neben der Köhlbrandtreppe. 1987 musste das Original die Segel für immer streichen. Dennoch blieb der Schellfischposten in Familienhand. Ulla und Uwe Müller sowie Tochter Claudia sei Dank.

Gemeinsam mit den Kellnerinnen Heidi, Marion, Carmen, der Griechin Pina und der Finnin Marianne glückte den Müllers ein Kunststück: Trotz medialer Popularität als Kulisse für Fernsehsendungen nicht nur mit Ina Müller blieb die älteste Seemannskneipe Hamburgs ihrem handfesten Charakter treu. Astra aus der Knolle, Bismarckhering im Rundstück, Pferdewurst und ein Wandsbeker Kümmel zum Nachspülen - mehr braucht Mensch hier nicht zum fidelen Feierabend.

Und skurrile Stammgäste. Paradiesvögel. Frauen und Männer von echtem Schrot und Korn. Schwungrad-Else und Sachsen-Hilde zählen ebenso dazu wie Brasilien-Klaus, Dosen-Werner und Gerd, der Bestatter. Viele sind nach wie vor mittenmang. So wie Ernie vom Fischdampfer. Oder wie Backe, der stolz ist, mit 65 Jahren ältester Schiffsjunge der christlichen Seefahrt gewesen zu sein. So wie Antje Engel, die vor einem halben Jahrhundert als erste weibliche Stewardess in die maritime Geschichte einging - auf der "Mathilde Bolten". So wie Käpt'n Pitti Pattie und natürlich Kosmopolit Nuggi, "König" der Dominikanischen Republik.

Jeder ist eine Koryphäe für sich, jeder hat reichlich Schnacks auf Lager, und jeder hat das Herz auf dem rechten Fleck. Irgendwie. So wie es vor gut 100 Jahren war, als alles losging Ecke Große Elbstraße. Von jeher wurden in der winzigen Pinte Bier gezischt und Köm gekippt. Ursprünglich war die Kaschemme ein Wartesaal für Passagiere der Elektrischen Bahn. Tagelöhner der Schellfischbahn zählten ebenso zur Kundschaft der ersten Stunde wie Hafenarbeiter, die durch den Alten Elbtunnel aus dem Freihafen kamen und sich zum Foffteihn noch einen hinter die Kiemen mogelten. Anschreiben galt nicht.

Erst Schorsch Pohl, Vater der heutigen Wirtsfrau Ulla Müller, kam einst zu fortgeschrittener Stunde ein Geistesblitz: Wer von großer Fahrt heimwärts kam und ein Erinnerungsstück aus der Ferne mitbrachte, durfte "aufs Haus" zechen. Damals war es Usus, in aller Welt an den Schellfischposten zu denken. "Sunlicht-Seife, Waschmittel oder Nyltex-Hemden waren eine international beliebte Tauschwährung", weiß Ossi Petersen.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Bis heute. Auch wenn zwischen Bar, Holztischen und dem bei Platzmangel deckwärts zu hievenden Klavier reichlich Seemannsgarn gesponnen wird: Die exotischen Mitbringsel aus Übersee sind echt. Zum Beispiel der Schrumpfkopf aus dem Busch Neuguineas, eingelegte Haifischembryos und Schlangen, ausgestopfte Alligatoren, Schwertfischzähne, Haiskelette oder anderes konserviertes Getier. Auch Takelage, ein Radargerät, Positionslampen, Ladebeleuchtung ("Sonnenbrenner"), Seesäcke, Masken aus Mikronesien, Piratenfresken und Schildkrötenpanzer gehören zum Inventar einer der urigsten Spelunken der Stadt. Und wenn dann noch Hans Albers oder Freddy aus der Musikbox scheppern (vier Lieder 1 Euro), scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Ist sie aber nicht. Denn auch Popeye, und das war Anlass Nummer zwei für ein Fest vom Feinsten, ist älter geworden. Auf den Tag vor fünf Jahren beauftragten Ulla und Uwe Müller den Harburger Künstler Erich Gerer, aus Eichenholz eine 3,50 Meter hohe Skulptur des maritimen Comic-Helden Popeye zu schaffen. Das ist der rotzfreche, schlaksige Typ mit den voluminösen Unterarmen und dem Mordsappetit auf Spinat. Seitdem hat der Bursche vor der Kneipe Posten bezogen.

Klar, dass das Gemüse auch zum Jubiläum serviert wurde. Zum Nachtisch gab's eine von den Stammgästen vertonte und gesungene Kneipenhymne. Der Refrain steht über der Theke: "Ob jung oder alt, ob arm oder reich - im Schellfischposten sind sie alle gleich."

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