DOSSIER

Der Mordfall Dennis

Foto: Jan-Eric Lindner

Der 40-jährige Martin K. aus Hamburg verging sich an Jungen im Alter von 8 und 13 Jahren, darunter auch der 9-jährige Dennis K. aus Osterholz-Scharmbeck. In seinem Geständnis hat er nun auch 40 Sexualdelikte gestanden.

Der neunjährige Dennis K. aus Osterholz-Scharmbeck in Niedersachsen war am 5. September 2001 nachts aus einem Schullandheim im Kreis Cuxhaven verschwunden. Zwei Pilzsammler fanden seine Leiche zwei Wochen später ca. 45 Kilometer von dem Heim entfernt. Die Ermittler jagten Jahre lang ein Phantom, in den Medien "Der Schwarze Mann" genannt. Die Ermittler stießen erst nach dem Mord an Dennis auf Parallelen zu anderen Fällen. Der Täter war dabei immer nach dem gleichen Muster vorgegangen: Stets vergriff sich der Täter nachts an Jungen mit ähnlicher Statur und in einem ähnlichen Alter, stets drang er unbemerkt in Schullandheime, Internate und Zeltlager ein.

+++ Die Mordserie des Martin N. +++

Zum ersten Mal schlug Martin N. im Jahr 1992 zu. In der Nacht zum 31. März entführt er den 13-jährigen Hamburger Stefan J. aus einem Internat in Scheeßel im Landkreis Rotenburg/Wümme. Anfang Mai 1992 wird Stefan J. getötet und gefesselt im Verdener Stadtwald gefunden.

In der Nacht zum 24. Juli 1995 entführte Martin N. den achtjährigen Dennis R. aus dem Ferienzeltlager Selker Noor bei Schleswig. Zwei Wochen später wird seine Leiche in einer Düne bei Holstebro in Dänemark gefunden.

Im August vergangenen Jahres bekam der Fall Dennis und damit auch die anderen Mordfälle neue Aufmerksamkeit. Ein Zeuge hatte sich bei der Polizei gemeldet, nachdem er einen Fernsehbericht über den Entführungs- und Mordfall von 2001 gesehen hatte. Ihm sei dabei "blitzartig" eingefallen, dass er den vermissten Jungen schon einmal gesehen hatte, sagte Martin Erftenbeck, Leiter der Soko "Dennis" im Februar. Der Zeuge konnte Angaben über das Fahrzeug des möglichen Mörders machen. Doch die Hinweise erwiesen sich als haltlos.

Den entscheidenen Hinweis auf den Serienstraftäter lieferte ein früheres Missbrauchsopfer von Martin N. Der Zeuge berichtete demnach, er sei mehrere Monate vor dem Missbrauch bei einer Jugendfreizeit von einem Betreuer in auffälliger Weise auf seine Wohnsituation angesprochen worden. Der Täter drang dann 1995 in das Haus des Jungen ein. Der Zeuge habe sich nach dem erneuten Fahndungsaufruf vor neun Wochen noch einmal bei der Polizei gemeldet, teilten die Ermittler am Freitag mit. Dabei machte er Angaben, die auf die Spur des 40-Jährigen führten.

Mit genauen Auskünften zur Person und Details zu den Taten hielt sich die Polizei am Freitag zurück – auch weil sie jetzt der Frage nachgeht, ob der mutmaßliche Täter weitere Morde begangen hat. Denn auch die Morde an einem Jungen 1998 in den Niederlanden und einem weiteren Schüler 2004 in Westfrankreich waren mit dem "Maskenmann“ in Verbindung gebracht worden. Damit wolle der Hamburger Pädagoge aber "nichts zu tun haben“, sagte der Leiter der Soko "Dennis“, Martin Erftenbeck.

Für die Ermittler steht nun weitere Fleißarbeit an. Mit Hilfe der Öffentlichkeit will die Polizei ein Jahrzehnte zurückreichendes Bewegungsbild des Verdächtigen zeichnen.Unter anderem wollen sie in Erfahrung bringen, welche Reisen Martin N. gemacht hat. Für Profiler Horn steht bereits jetzt fest: "Es ist nicht auszuschließen, dass weitere Taten ans Tageslicht kommen.“

Martin N. war schon 2007 von der Soko "Dennis" vernommen worden. Ein Verdacht erhärtete sich laut Polizei damals aber nicht, weil der Mann teils ausweichend geantwortet und falsche Angaben gemacht habe. Martin N., der in Bremen geboren und aufgewachsen ist, lebte bis zu seiner Festnahme in Hamburg-Wilstorf und galt als umgänglich und hilfsbereit. Der 40 Jährige ist seit seinem 21. Lebensjahr alleinstehend.

Im Jahr 2005 stand Martin N. in Hamburg-Harburg bereits wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Er soll zwei sechs und acht Jahre alte Jungen in seiner Wohnung gestreichelt haben, um sich sexuell zu erregen. Weil es sich um ein Vergehen "an der Grenze zur Straflosigkeit“ gehandelt habe, sei der Fall jedoch vom Amtsgericht gegen eine Geldauflage von 1.800 Euro eingestellt worden.

Im Jahr 2006 stand er in Harburg wegen versuchter Erpressung erneut vor Gericht. Der Pädagoge hatte von einem Bekannten aus Berlin 20.000 Euro gefordert und gedroht, dessen pornografische Bilder dem Arbeitgeber sowie der Polizei auszuhändigen. Martin N. wurde zu einer Bewährungsstrafe von 10 Monaten verurteilt. Er habe diese Bewährungsfrist anstandslos bestanden, damit sei der Fall erledigt gewesen, sagte der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers. Weitere Hinweise auf andere Straftaten habe es zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben.

In der Nachbarschaft von Martin N. hat die Festnahme Bestürzung ausgelöst. "Wir können es einfach nicht fassen“, sagte ein älterer Nachbar, der gemeinsam mit seiner Frau im selben Haus Wand an Wand mit dem mutmaßlichen Kindermörder wohnte. Er beschrieb ihn als unauffällig. "Man hat von ihm nichts gehört. Wir können nichts sagen. Er ist vielleicht ein Eigenbrötler“, sagte der Nachbar.

Die Staatsanwaltschaft Stade will noch in diesem Jahr das Verfahren gegen den 40-Jährigen eröffnen.