Verkehr

Warum Hamburger Fahrschüler im Tesla üben

Tesla-Fahrstunde in Hamburg

Die Academy-Fahrschule Wetjen lässt Neulinge im teilautomatisierten 345-PS-Auto üben. Das Model S wurde extra umgerüstet.

Tesla-Fahrstunde in Hamburg

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Die Academy-Fahrschule Wetjen lässt jeden Neuling in das Auto mit 345 PS. Ein wichtiger Kontakt mit der Zukunft, sagen die Betreiber.

Hamburg. Einmal Tesla fahren. Davon träumen viele Autoliebhaber, auch wenn sie sich den Wagen nicht leisten können. Für die Fahrschüler der Hamburger Academy-Fahrschule Wetjen ist die Fahrt in dem coolen Elektroauto inzwischen Standard. Sie gehört dort zur Führerscheinausbildung. „Man muss es nicht, aber wir ermöglichen es jedem Fahrschüler. Das kostet auch nichts extra“, sagt Tim Wetjen. Der Grund: „Jeder unserer Schüler wird irgendwann ein teilautomatisches Fahrzeug fahren. Das hier ist der Kontakt mit der Zukunft“, sagt der Marketing- und Vertriebsleiter der zwölf Academy-Fahrschulen, die sein Vater Bernd Wetjen gegründet hat. Darauf wolle man sie vorbereiten.

Nach Angaben von Tim Wetjen ist es einer der ersten Teslas bundesweit, die als Fahrschulauto eingesetzt werden. Die Fahrlehrerpedale mussten für 2500 Euro nachgerüstet werden – bei einem Anschaffungspreis des Fahrzeugs von etwa 90.000 Euro. Die üblichen Fahrschulautos kosteten zwischen 30.000 und 40.000 Euro, sagt Wetjen. „Wir kriegen dafür aber keine Förderung von der Bundesregierung, weil das Auto zu teuer ist“, ärgert sich Wetjen. Von der Anschaffung abgehalten hat es die Fahrschule trotzdem nicht. Die Fahrschule habe auch noch weitere E- und Hybridautos, „aber nur beim Tesla können wir vier Fahrschüler nacheinander unterrichten, erst dann ist er leer gelutscht.“ Aber eben auch in einer halben Stunde wieder voll aufgeladen. Fahrlehrer Bernd Bahr, der seinen Beruf seit 1995 ausübt, ist derzeit noch der einzige Fahrlehrer, der auf dem Tesla unterrichtet – er fährt auch privat einen und hat viel Erfahrung.

Erst mal Spiegel einstellen

Paulina nimmt an diesem Vormittag im Tesla Model S Platz. Die 17 Jahre alte Gymnasiastin hat die Theorieprüfung schon bestanden und „will so früh wie möglich Auto fahren“, sagt sie. Nach der praktischen Prüfung will sie noch begleitetes Fahren mit ihren Eltern praktizieren.

Der Tesla ist voll geladen, sie könnte theoretisch 300 Kilometer weit fahren. Aber vorher muss sie sich im Auto noch einrichten. Erst mal Spiegel einstellen – das funktioniert wie bei herkömmlichen Fahrzeugen über Tasten an der linken Fahrertür. Dann drückt Fahrlehrer Bahr auf den Modus „Lässig“. Beim Tesla gibt es das klassische Armaturenbrett nicht mehr – die meisten Funktionen werden über einen riesigen Touchscreen-Bildschirm gesteuert. „,Lässig‘ bedeutet, dass er beim Gasgeben nicht ganz so abgeht“, sagt Bahr zu Paulina.

In drei Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde

Ansonsten könnte die Fahrschülerin in drei Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen – mitten im Stadtgebiet ohnehin nicht erlaubt, aber für Fahranfänger eben grundsätzlich nicht zu empfehlen. 345 Pferdestärken sind nicht für jeden ganz einfach zu beherrschen. Die klassische „zehn vor zwei“-Stellung am Lenkrad gilt übrigens auch nicht mehr. Jetzt sei die empfohlene Handposition „viertel vor drei“, sagt Bahr, nur so komme man an alle Hebel des Tesla gut ran. Dann noch per Druck auf einen Hebel am Lenkrad „D“ einstellen (für Dauer) und den Fuß von der Bremse nehmen.

„Voll cool“, entfährt es Paulina, als das Auto losrollt. Vielleicht müsste man eher sagen – lossurrt, denn die Abrollgeräusche sind extrem leise. Kein Auto für Poser, denn man hört es ja gar nicht kommen, denkt man bei sich. „Es ist schwieriger, die Geschwindigkeit zu halten“, stellt die Fahranfängerin schnell fest. Fahrlehrer Bahr gibt ihr den Tipp, der für alle Autos gilt: „Wenn du vorausschauend fährst, brauchst du fast nicht zu bremsen.“ Und: „Lass Abstand, dann hast du mehr Ruhe und kannst die Straßenmarkierungen und die Umgebung besser wahrnehmen. Und du kannst besser reagieren.“ Die anderen Verkehrsteilnehmer halten sich ganz offensichtlich nicht daran, fast alle fahren schneller als erlaubt und zu dicht auf.

Bahr zählt die drei Hauptursachen für die meisten Unfälle auf: „Zu schnell, zu geringer Abstand und falsches Verhalten beim Abbiegen“. Als Paulina ein großer Lastwagen ziemlich nahe an der mittleren Fahrbahnmarkierung entgegenkommt, zeigt sich der Tesla als Sensibelchen und macht automatisch eine Gefahrenbremsung. Es reißt alle Fahrzeuginsassen nach hinten. Die Fahrerin hatte darauf keinen Einfluss. Das Auto hatte die Situation als mögliche Gefahr erkannt und reagiert. Da sei ein Mensch eben immer noch besser, sagt Bahr, weil die Situation nicht wirklich gefährlich gewesen sei. Glücklicherweise ist kein anderer Autofahrer dicht an der Stoßstange, sonst hätte es gekracht.

Wenn das Auto übernimmt

Irgendwann sagt Paulina: „Ich hätte Lust, mal richtig Gast zu geben.“ Außerhalb des Stadtgebiets auf der Landstraße nach Braak sagt Bahr zu ihr: „Mach mal Schub!“ Paulina tritt aufs Gaspedal, und der Tesla schießt nach vorn. Nicht ganz von null auf 100 in drei Sekunden, aber ziemlich flott.

Fehlt noch der Part mit dem teilautonomen Fahren, da das vollautonome Fahren in Deutschland ja noch nicht erlaubt ist. Auf einer langen Geraden in Rahlstedt drückt Paulina einen Hebel einmal – der Tempomat schaltet sich ein, dann noch einmal – die Technik übernimmt. Die Fahrerin nimmt die Hände vom Lenkrad, das Auto bleibt in der Spur, hält die erlaubte Geschwindigkeit ein und bremst rechtzeitig. Phänomenal, aber auch ein wenig beängstigend.

Automatikautos sind teurer

Tim Wetjen sagt, am liebsten würde die Fahrschule alle Fahrzeuge auf Hy­bridmodelle umstellen, „aber alle E-Modelle sind Automatikfahrzeuge, und Prüfungen sind in diesen Autos nicht erlaubt.“ Wer seine Führerscheinprüfung nicht in einem Auto mit Schaltgetriebe absolviere, dürfe dann eben auch nur Automatikautos fahren. Und die seien in der Anschaffung teurer. Nur etwa fünf bis zehn Prozent ihrer Fahrschüler würden diese Prüfung absolvieren. Deutlich beliebter seien dagegen die zehntägigen Intensivkurse bei der Acadamy.

Zurück auf dem Fahrschulparkplatz zeigt sich, dass Elektronik eben auch ihre Tücken hat. Die hintere linke Tür beim Tesla lässt sich nicht öffnen. Passagiere im Fond müssen deshalb alle rechts einsteigen. Mit einem einfachen Software-Update kann man den Fehler nicht beheben. Da muss jetzt doch wieder ein echter Mensch aus der Tesla-Werkstatt ran.