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Hamburg

In den Fahrschulen fehlt der Lehrer-Nachwuchs

Fahrlehrer Karl-Heinz Bellgardt mit Schüler Patrik Kuhlmann (18)

Fahrlehrer Karl-Heinz Bellgardt mit Schüler Patrik Kuhlmann (18)

Foto: Katharina Geßler / HA

Die Ausbildung ist teuer – und auf den Straßen herrschen zunehmend Rücksichtslosigkeit und Aggressivität.

Hamburg.  Karl-Heinz Bellgardt ist Fahrlehrer aus Leidenschaft, und das schon seit mehr als 30 Jahren. 1986 eröffnete er seine erste Fahrschule in Harburg, seit 2009 ist er mit einer Dependance auch in Hittfeld vertreten. Seine Freude am Beruf ist bis heute ungebrochen. Dennoch sieht er sich mit einem Problem konfrontiert, dass es früher nicht gab: Es fehlt der Nachwuchs. „Sie finden keine Fahrlehrer mehr“, sagt Bellgardt. Ein Problem von übergeordneter Bedeutung. Das bestätigt Holger Breu, 2. Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Hamburg e. V.: „Es wird immer schwieriger, junge Leute für unseren Beruf zu begeistern.“

Und das obwohl der doch krisensicher zu sein scheint. Jedenfalls bestätigt Breu, was Bellgardt festgestellt hat: Potenzielle Fahrschüler gibt es reichlich. „Da haben wir einen guten Zuwachs“, sagt Breu.

Einig sind sich der beide auch in diesem Punkt: Die Reform der Bundeswehr 2010 markiert den Wendepunkte. „Seither fällt der Bund als Ausbilder weg“, sagt Bellgardt, der selbst zu denjenigen gehört, die ihre Ausbildung dort absolvierten und sich nach dem Wehrdienst selbstständig machten.

Ausbildung muss selbst finanziert werden

Wer heute Fahrlehrer werden möchte, muss die Ausbildung meist selbst finanzieren. In einigen Fällen ist auch eine Umschulung über die Arbeitsagenturen mit finanzieller Unterstützung möglich. Doch die Mehrheit muss tief in die Taschen greifen. „Zwischen 10.000 und 15.000 Euro müsse man rechnen“, sagt Breu, der seit mehr als 30 Jahren eine Fahrschule in Poppenbüttel hat. Während der Ausbildung, die bis zu einem Jahr dauert, fällt zudem jeglicher Verdienst aus: „Wer kann sich das heute noch leisten?“

Aber es gibt noch eine weitere eklatante Veränderung. „Die Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr ist viel, viel schlimmer geworden“, sagt Breu. Da wird gedrängelt, gehupt, viel zu dicht aufgefahren und wild gestikuliert. Breu zieht ein drastisches Fazit: „Es ist ganz schlimm, was da draußen abgeht.“ Auch Bellgardt spricht von zunehmender Aggressivität: „Die Straßenverkehrsordnung wird schlicht ausgehebelt – viele fahren ohne jede Rücksicht.“

Brenzlige Situation gebe es beispielsweise immer wieder im Bereich des Harburger Bahnhofs. Beim Abbiegen von der Walter-Dudek-Brücke nach rechts in die Buxtehuder Straße hätten offenbar viele Schwierigkeiten, sich für die richtige Fahrbahn zu entscheiden. Oder auch umgekehrt von der Buxtehuder Straße in Richtung Bahnhof: „Die ziehen einfach rüber.“ Bellgardt, der zwar aus dem Rheinland stammt, aber in den vergangenen 30 Jahren augenscheinlich hanseatisches Understatement tief verinnerlicht hat, lässt sich lediglich zu verhaltener Kritik hinreißen: „Partnerschaftliches Verhalten ist in den vergangenen Jahren sehr ins Hintertreffen geraten.“

40 Fahrstunden bis zur Prüfung

Breus Temperament erreicht da einen anderen Siedepunkt: „Es ist einfach unglaublich, was da draußen los ist“, schimpft er. Dabei sind Fahrschulwagen ja immer als solche erkennbar. Aber das spiele überhaupt keine Rolle mehr: „Die rauschen an Kreuzungen ohne jede Rücksicht an einem vorbei.“ Junge Leute, die heute den Früherschein machen wollen, können beileibe nicht mehr darauf zählen, dass die übrigen Verkehrsteilnehmer den Schongang einlegen. Das hat Folgen. Durchschnittlich 40 Fahrstunden absolvieren Schüler heute, bevor sie zur Prüfung angemeldet werden: „Die müssen ja erst mal Sicherheit und Stabilität gewinnen“.

Und das dauert heute länger als früher: Wegen der chaotischen Verhältnisse auf der Straße, die es für Anfänger schwerer machen. Aber auch weil jetzt schon Fahrlehrer fehlen. „Teilweise gibt es bereits Wartezeiten“, sagt Verbandsvorstand Holger Breu. Wenn das aktuell nach außen hin noch nicht so auffalle, dann liege das daran, dass die Fahrschule heute anders planten als früher: „Da werden erstmal die Theoriestunden vorgezogen.“ Vorgeschrieben sind insgesamt zwölf Lektionen à 90 Minuten. „Viele fangen dann erst nach bestandener Theorieprüfung mit den Fahrstunden an“, sagt Breu. Zwölf davon sind Pflicht: fünf auf der Landstraße, vier im Automatikwagen, und drei Nachtfahren sind mindestens zu absolvieren. Doch damit kommt kaum einer aus. Das treibt natürlich die Kosten in die Höhe. Holger Breu spricht von rund 2500 Euro, die zusammenkommen – rund 1000 Euro mehr als noch vor zehn Jahren.

Karl-Heinz Bellgardt, der schon mindestens 12.000 Menschen das Fahren beigebracht hat, ist trotz allem mit ungebrochener Leidenschaft dabei. Das hat einen besonderen Grund: „Ich bringe den jungen Leuten etwas bei.“