Berufsporträt

„Logopäde ist ein schöner Beruf, aber reich wird man nicht“

Inga Kristin Paulsen arbeitet als angestellte Logopädin und baut parallel ihr eigenes Angebot an Atem-, Sprach- und Stimmtraining auf.

Inga Kristin Paulsen arbeitet als angestellte Logopädin und baut parallel ihr eigenes Angebot an Atem-, Sprach- und Stimmtraining auf.

Foto: Sven Lambert

Logopäden werden innerhalb von drei Jahren an einer Fachschule ausgebildet. Es gibt aber auch die Möglichkeit, den Beruf zu studieren.

Berlin.  Dass ihr Beruf etwas mit der Stimme zu tun haben sollte, stand für Inga Kristin Paulsen schon als Teenager fest. Während ihrer Schulzeit in Kiel nahm die Wahlberlinerin Klavier- und Gesangsunterricht, war im Kinder- und Jugendchor des Theaters Kiel und bekam 2010, kurz vor ihrem Abitur, sogar eine Solorolle in dem Kindermusical „König Keks“.

Dabei verfestigte sich ihr Traum von einer Karriere auf der Bühne. Nach der Schule meldete sie sich in Hamburg für eine Ausbildung zur Musicaldarstellerin an. Doch das Singen unter permanentem Leistungs- und Prüfungsdruck tat ihr nicht gut: „Ich war körperlich am Rande meiner Kapazitäten, habe geprobt, selbst wenn ich krank war, und hätte mir meine Stimme damals fast kaputt gemacht“, erzählt sie.

Anderen Beruf mit Stimmbezug gesucht

Paulsen zog die Notbremse und suchte sich einen anderen Beruf mit Stimmbezug: An einer privaten Berufsfachschule in Bad Nenndorf absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung zur staatlich geprüften Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin.

Seit 2016 arbeitet die heute 27-Jährige als angestellte Therapeutin in der Logopädischen Praxis am Roseneck in Berlin. Parallel dazu baut sie ihr eigenes Trainings- und Präventionsangebot unter dem Namen „Mein­Klang“ auf. „Ich arbeite gerne mit Menschen und freue mich, wenn meine Klienten an Lebensqualität gewinnen“, sagt sie.

Stimme hat Einfluss auf den Erfolg

Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie viel Einfluss Atem- und Stimmtechniken auf Erfolg und Wohlbefinden haben. Das gilt nicht nur für Sänger und Schauspieler, sondern für alle, die beruflich viel sprechen und präsentieren müssen: zum Beispiel für Lehrer und Erzieher, für Trainer und Berater, für Vorstände, Anwälte oder Verkäufer.

Auch für Schüler und Studenten, die in Referaten und mündlichen Prüfungen sicher wirken möchten, ist der bewusste Umgang mit Atmung und Stimme wichtig. Es sei „eine Art Lebensschule, die eigentlich jeder bekommen sollte“, findet Paulsen.

Patienten kommen mit Rezept vom Arzt

Sich einen zahlenden Kundenstamm für private Trainings- und Präventionsangebote aufzubauen, erfordert jedoch Zeit und Energie. Ihren Lebensunterhalt bestreitet Inga Paulsen größtenteils mit dem Gehalt aus ihrer 30-Stunden-Stelle in der Praxis am Roseneck.

Dort behandelt sie, genau wie ihre bundesweit rund 22.000 Kollegen in sprachtherapeutischen Praxen, Patienten, die mit einem Rezept vom Arzt kommen. Anspruch auf eine von der Krankenkasse finanzierte, logopädische Therapie haben zum einen Kinder, die unter einer Sprachentwicklungs- oder Sprechstörung leiden. Das kann zum Beispiel Stottern sein.

1,7 Millionen Rezepte pro Jahr für Sprachtherapie

Zum anderen übernimmt die Kasse auch bei Erwachsenen die Kosten, wenn die Patienten beispielsweise nach einem Schlaganfall, durch eine Behinderung oder einen Unfall Probleme beim Sprechen oder Schlucken haben.

Etwa 1,7 Millionen Rezepte für Sprachtherapie stellten deutsche Ärzte im Jahr 2016 aus. Davon entfielen rund 40 Prozent auf Erwachsene und hier wiederum ein Großteil auf Schlaganfallpatienten.

Bedarf an Sprachtherapie steigt

Weil das Risiko für Erkrankungen wie Schlaganfall oder Parkinson mit dem Alter deutlich zunimmt, sind sich Berufsverbände wie der Deutsche Bundesverband für Logopädie (dbl) oder der Verband Deutscher Logopäden und Sprachtherapeutischer Berufe (VDLS) sicher, dass durch den demografischen Wandel der Bedarf an Sprachtherapie weiter steigen wird.

Schon jetzt ist ein Mangel spürbar. Die Arbeitslosenquote für Logopäden liegt unter drei Prozent, das ist faktisch Vollbeschäftigung. Einsteiger können sich ihre Stelle aussuchen: „Ich hatte drei Zusagen auf drei Bewerbungen und wurde regelrecht umworben“, bestätigt Mareike Marschel.

Die 27-jährige Logopädin hat ihre Ausbildung 2015 abgeschlossen und arbeitet seitdem fest angestellt in einer Spandauer Praxis. Dort erlebt sie mit, wie schwierig es für ihre Chefin ist, offene Stellen zu besetzen.

Jobs für 700 Logopäden in Berlin bis 2030

Rund 700 Logopäden müssten allein in Berlin bis 2030 neu eingestellt werden, davon etwa 400 aufgrund von Zusatzbedarf, 300 als Ersatz für ausscheidende Sprachtherapeuten. Zu diesem Ergebnis kam 2015 eine Umfrage bei Gesundheitseinrichtungen, durchgeführt von den Wirtschaftsfördergesellschaften Berlin Partner und Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB).

Fachfremde Konkurrenz müssen die Sprachprofis nicht fürchten. Logopäde ist eine geschützte Berufsbezeichnung: Nur wer eine anerkannte Ausbildung absolviert und die staatliche Prüfung besteht, darf auf Rezept Patienten behandeln.

Wer sich für den Beruf interessiert, sollte sich jedoch über die Rahmenbedingungen im Klaren sein. Der Umgang mit therapiebedürftigen Menschen ist oft fordernd, verlangt außer fachlicher Kompetenz Geduld und Einfühlungsvermögen.

Durchschnittsgehalt etwa 2200 Euro brutto

Gemessen an den hohen Anforderungen ist die Bezahlung eher bescheiden. „Das ist zwar ein schöner Beruf, aber keiner, mit dem man reich wird“, sagt Inga Paulsen. Laut einer Umfrage des VDLS verdient das Gros der in Vollzeit fest angestellten Sprachtherapeuten zwischen 2000 und 2400 Euro brutto monatlich.

Kaum besser sieht es bei den Inhabern eigener Praxen aus. Nach Abzug sämtlicher Kosten bleiben den meisten am Monatsende vor Steuern Beträge zwischen 1500 und 3000 Euro übrig. Dafür müssen sie viel arbeiten.

Krankenkassen zahlen zwischen 50 und 60 Euro

40 bis 50 Therapieeinheiten pro Woche sind der Normalfall. Ihre Preise können Sprachtherapeuten nicht selbst festlegen. Unabhängig von Berufserfahrung, persönlichem Einsatz und Talent sind sie an die Verrechnungssätze der Krankenkassen gebunden. Diese bezahlen für eine 60-minütige Einzelbehandlung zwischen 50 und 60 Euro.

„Wer in diesem Beruf überleben will, kann von einer 35-Stunden-Woche nur träumen“, resümiert der VDLS. Finanziell etwas besser sieht es für angestellte Logopäden in Krankenhäusern und Rehabilitationszentren aus. Je nach Abschluss und Berufserfahrung sind dort laut Tarifvertrag Monatsgehälter von mehr als 3000 Euro brutto möglich.

Tariflich dotierte Stellen

Auch in Gesundheitsämtern, an Berufsfachschulen oder in Lehre und Forschung gibt es tariflich dotierte Stellen – ohne Termindruck und unpünktliche oder anstrengende Patienten. In diesem Bereich würde Mareike Marschel in ein paar Jahren gern arbeiten.

Zwar macht ihr die Arbeit als Therapeutin viel Freude, doch große Gehaltssprünge sind nicht drin, und auch die eigene Praxis ist derzeit keine Option für sie. „Ich habe Zweifel, ob sich das hohe Arbeitspensum als Selbstständige wirklich gut mit einer eigenen Familie vereinbaren lässt“, sagt sie. Und die möchte sie auf jeden Fall gründen.

Bachelorstudium an der IB Hochschule

Marschel hat den akademischen Weg gewählt: Anstelle einer Ausbildung an der Berufsfachschule hat sie sich 2012 für ein Bachelorstudium an der privaten Berliner IB Hochschule entschieden. Einige Hochschulen haben in den vergangenen Jahren Studiengänge in Logopädie eingerichtet. Sie führen außer zur staatlichen Berufsprüfung auch zum Bachelorabschluss.

„Ich wollte mir verschiedene Optionen offenhalten“, sagt Marschel. An der Europäischen Fachhochschule (EU|FH) am Standort Rostock macht sie derzeit berufsbegleitend noch einen Master in Gesundheitsforschung & Therapiewissenschaften.

In ihre Ausbildung haben die meisten Logopäden in Deutschland viel Geld investiert. Rund 25.000 Euro kostet das Bachelorstudium an der Berliner IB Hochschule. Auch für die dreijährige Ausbildung an einer privaten Berufsfachschule, in Berlin beispielsweise an den Ludwig Fresenius Schulen oder der IB Medizinischen Akademie, werden rund 18.000 Euro Schulgeld fällig. Zeit, neben der Ausbildung Geld zu verdienen, bleibt aufgrund des hohen Unterrichtspensums und der Pflichtpraktika nicht.

Öffentliche Hochschulen bilden auch aus

Wer sich nicht verschulden oder seinen Eltern auf der Tasche liegen will, der kann sich alternativ für einen Studienplatz an einer öffentlichen Hochschule bewerben. Im Berliner Raum bietet die Universität Potsdam ein forschungsorientiertes Bachelorprogramm in Patholin­guistik an, das die Zulassung als Sprachtherapeut einschließt. Pluspunkt: Ohne Studiengebühren entfällt der Druck, möglichst schnell fertig zu werden.

Das war ein wichtiges Argument für Vera Loske-Burkhardt. Die 24-Jährige ist für ihr Wunschfach von Hannover nach Potsdam gezogen und ist jetzt im zehnten Studiensemester.

Über den Tellerrand zu schauen, ist ihr wichtig: Sie hat ein Auslandssemester im britischen Newcastle upon Tyne absolviert, engagiert sich ehrenamtlich in einem Berufsverband und belegt auf der Online-Plattform Udacity mithilfe des Stipendiums „Google Developer Challenge Scholarship“ Programmierkurse.

Mit digitalen Angeboten die Therapie unterstützen

„Gegen den Fachkräftemangel in der Sprachtherapie kann die Digitalisierung zwar nichts ausrichten“, sagt sie. Spannend sei jedoch die Frage, wie sich mit digitalen Angeboten die Therapie unterstützen lasse. „Da sehe ich viel Potenzial, aber bisher kaum Lösungen.“ Vielleicht werden sie ja von Vera Loske-Burkhardt entwickelt.