Karrierewege

Warum nicht jeder Diplom-Psychologe eine rote Couch hat

Monika Liesenfeld hat Psychologie und Sportwissenschaften studiert. Sie arbeitet als Sportpsychologin am Olympiastützpunkt Berlin.

Monika Liesenfeld hat Psychologie und Sportwissenschaften studiert. Sie arbeitet als Sportpsychologin am Olympiastützpunkt Berlin.

Foto: Sven Lambert

Fachleute für menschliches Denken und Verhalten sind auch in der Wirtschaft und im Sport sehr gefragt. Wir stellen drei von ihnen vor.

Berlin.  Die rote Couch und Traumdeutung – wer bei Psychologie nur daran denkt, liegt falsch. Auch wer annimmt, die Psychologie hätte den Anspruch, die Seele des Menschen zu erklären, geht fehl. Psychologie ist eine Naturwissenschaft und beschäftigt sich mit dem menschlichen Erleben und Verhalten.

„Die Statistik als Teilgebiet der Mathematik verdient sehr viel mehr, mit Psychologie in einem Atemzug genannt zu werden, als das Wort Couch“, bringt es Psychologe Christian Rupp in seinem Blog „psycholography“ auf den Punkt. Die Karrierewege von Psychologen zeigen, worauf das Studium der „Seelenkunde“ – so die wörtliche Übersetzung – vorbereitet.

Ihr Wissen wird überall gebraucht

Absolventen können in der Wirtschaft als psychologische Berater tätig sein, in der Personalabteilung passende Mitarbeiter fürs Unternehmen suchen, ins Gesundheitswesen ein­-steigen oder Markt- und Konsumforschung betreiben.

Sie können als Sportpsychologen arbeiten, als Experten Jugendlichen mit Schulproblemen helfen, als Notfallpsychologen Menschen versorgen, die etwa nach Unfällen oder Terroranschlägen traumatisiert sind.

Sie können in die Forschung gehen, an der Universität lehren, in der Gerontopsychologie tätig sein (erforscht Begleiterscheinungen des Alterns) oder in der Umweltpsychologie, die die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt untersucht.

Arbeitspsychologin gestaltet Bewerbertage

Seit knapp drei Jahren arbeitet Sibila Atanasova (30) beim Elektronikkonzern Sony Europe im Personalbereich. Ihre erste Beförderung hat sie schon hinter sich. Offiziell heißt ihre Position nun „Talent & Resourcing Manager“.

Im Team legt sie die Strategie für die Personalauswahl des Unternehmens fest. Sie sucht passende Kandidaten für ihren Arbeitgeber, führt Bewerbungsgespräche, gestaltet Auswahltage (Assessment Center).

Außerdem gehört zu ihren Aufgaben, Talente, die sie für das Unternehmen gewonnen hat, nach der Einstellung weiter zu fördern.

Gute Menschenkenntnis plus Wirtschaftswissen

„Für diesen Job gibt es kein Studium, das besser passen würde als Psychologie“, sagt Sibila Atanasova. „Ich bringe sehr gute Menschenkenntnis mit, und durch meinen Studienschwerpunkt in Arbeits- und Organisationspsychologie weiß ich viel über Prozesse in Unternehmen.“

Beim Berufseinstieg hat ihr geholfen, dass sie zusätzlich zu ihren Pflichtpraktika in vielen weiteren Unternehmen Praxiserfahrung gesammelt hat. „Das Studium ist so vielfältig, dass es wichtig ist, sich viel auszuprobieren“, sagt Sibila Atanasova.

Einerseits gehe es darum zu entdecken, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen, andererseits werde man dadurch konkurrenzfähiger. Schon während des Masterstudiums arbeitete Atanasova als Recruiter (Personalbeschaffer) bei einem Personalberater. Nach ihrem Abschluss stieg sie dort in Vollzeit ein.

Studium in Sofia und Berlin

„Ich wusste schon früh, dass ich Psychologie studieren möchte, weil mir die Interaktion mit Menschen sehr viel Spaß macht“, sagt die 30-Jährige. Die gebürtige Bulgarin absolvierte ihr Bachelorstudium an der Universität St. Kliment Ohridski in Sofia und ihr Masterstudium an der Freien Universität (FU) Berlin. Ein Forschungspraktikum machte sie am Psychologischen Institut der Uni Zürich.

Überrascht hat sie im Studium, wie wichtig Statistik war. „Daran hatte ich als Schülerin nicht gedacht.“ Neben Modulen wie Klinischer Psychologie und Entwicklungspsychologie gehören Statistik, diagnostische Verfahren sowie Datenanalyse und Versuchsplanung zum Lehrstoff.

Entscheidung für Karriere im Talentmanagement

In die Forschung zu gehen, fand Sibila Atanasova auch nicht uninteressant. Aber sie habe sich dann bewusst für eine Karriere in der Personalauswahl und Talententwicklung entschieden, „weil dies eine Schlüsselrolle in jeder Organisation ist, bei der man viel bewegen kann“.

Matthias Preiser (38) hatte ein anderes Ziel. Er wollte nach seinem Diplom, das er an der Universität Marburg machte, in der Sozialpsychologie forschen. Als er sich jedoch mit einem Haufen Bafög-Schulden konfrontiert sah, schreckte ihn das kleine Doktorandengehalt ab. „Dabei hatte ich die Promotionsstelle und das Stipendium schon in der Tasche“, sagt er.

Führungskräfteentwicklung bei der Bahn

Die Stellenausschreibung der Deutschen Bahn (DB), die einen internen Unternehmensberater suchte, reizte ihn. Heute, elf Jahre später, ist er immer noch im Unternehmen, inzwischen bei der Tochterfirma DB Station & Service als Leiter des Arbeitsgebiets „Personal- und Führungskräfteentwicklung, Veränderungsmanagement“.

„Die Vielfältigkeit dieser Tätigkeit hat meinen Horizont erweitert“, sagt Preiser. Zu seinen Aufgaben gehört die fachliche Qualifizierung der Beschäftigten und Auszubildenden, um sie für derzeitige und neue Aufgaben fit zu machen.

„Wir stecken mitten in der Digitalisierung, der Verkehrsmarkt wird sich grundlegend verändern und damit das Arbeitsumfeld der Mitarbeiter“, erklärt der 38-Jährige.

Zusammenarbeit zwischen Abteilungen verbessern

Ein weiterer seiner Schwerpunkte liegt im Veränderungsmanagement. Dabei geht es beispielsweise darum, die Zusammenarbeit zwischen Abteilungen zu intensivieren. „Wenn wir unseren Kunden bessere Leistungen anbieten wollen, brauchen wir auch die dazu passende Unternehmenskultur“, sagt er. Dazu organisiert er unter anderem Workshops für Führungskräfte und Mitarbeiter.

Auch gemeinsam mit seinem Team entwickelte Spiele kommen dabei zum Einsatz. Sie sollen das Wir-Gefühl und die Kundenorientierung im Unternehmen auf kreative Art und Weise stärken. „Die Kernpunkte, um die sich alles dreht, sind menschliches Verhalten und persönliche Einstellungen“, erklärt Matthias Preiser den Bezug zwischen seinem Beruf und seinem Studium. „Mein psychologischer Blick hilft mir an vielen Stellen.“

Bei Sportlern ist Umgang mit Nervosität ein Thema

Monika Liesenfeld (47) hat sich für noch ein anderes Arbeitsumfeld entschieden. Seit 2005 ist die Sportpsychologin am Olympiastützpunkt (OSP) Berlin. „Als OSP-Psychologin bin ich für die regionale Betreuung der Kaderathleten verantwortlich“, erklärt sie. Das sind Sportler aus 23 Sportarten im Alter von 14 bis 30 Jahren. Diejenigen, die zu ihr kommen, suchen Rat, wenn es um die Optimierung ihrer Leistung geht.

Der Umgang mit Nervosität kann hier beispielsweise Thema sein, aber auch das Ende einer Beziehung oder ein Todesfall in der Familie. „Solche Ereignisse beeinträchtigen die Leistung“, sagt Liesenfeld.

Gespräche mit Sportlern und Trainern

Die Sportpsychologin berät die Athleten, geht mit ihnen ins Training, vermittelt ihnen Entspannungstechniken, führt Gespräche mit Trainer und Sportler.

Aufgrund der großen Altersspanne der Athleten, die sie betreut, sind auch die Probleme, mit denen sie zu ihr kommen, vielfältig. Bei den jungen Sportlern beispielsweise ist der Übergang von Schule zu Beruf ein Thema, gepaart mit der Herausforderung, in jungen Jahren schon höchst diszipliniert Sport zu treiben.

Monika Liesenfelds Aufgabe ist es, Druck und Stress, denen die Leistungssportler ausgesetzt sind, zu kanalisieren. Sie zeigt ihnen, wie sie sich auf das Ziel konzentrieren und auch schwierige Situationen bewältigen.

Erster Abschluss in Sportwissenschaften

Eine spannende Aufgabe, findet die Psychologin, auf die sie ihr eigener Lebensweg gut vorbereitet hat: Liesenfeld war selbst Leistungssportlerin in der Rhythmischen Sportgymnastik. Vor der Psychologie hat sie außerdem schon Sportwissenschaften studiert.

„Dass ich diese beiden Säulen habe, hilft mir enorm“, sagt die 47-Jährige. „Für meine Arbeit brauche ich psychologisches Beratungswissen, aber auch den sportlichen Hintergrund.“ Die Athleten merken, ob jemand von Themen wie Trainings- und Belastungssteuerung Ahnung hat oder nicht, sagt sie.

Studienmöglichkeiten in Berlin

Mit Weiterbildung hält sich Monika Liesefeld auf dem Laufenden, etwa in systemischer Beratung, in klinischer Hypnose oder der Ego-State-Therapie, einer Methode aus der Traumatherapie. „Psychologie ist ein breites Feld, das Lernen hört nie auf“, sagt sie. „Da muss man dran bleiben, sonst ist man raus.“

In Berlin bieten die Humboldt-Universität (HU) und die Freie Universität (FU) die Bachelor- und Masterstudiengänge Psychologie an. Das Fach ist populär und dementsprechend auch mit einem Numerus clausus (NC) belegt. An der FU lag er jüngst bei 1,0, an der HU bei 1,1. An beiden Hochschulen dauert das Bachelorstudium regulär sechs Semester. Die Bewerbungsfrist für das kommende Wintersemester endet am 15. Juli.