"Nicht zur Arbeitsbiene werden"

Veränderungen in Firmen setzen Beschäftigte unter Stress. Coach Anja Mahlstedt rät davon ab, perfekt sein zu wollen

Insbesondere große, internationale Unternehmen strukturieren häufig um - und die Mitarbeiter kommen nicht mehr hinterher, vor allem emotional. Das verursacht enormen Stress, sagt Personalexpertin Anja Mahlstedt.

Hamburger Abendblatt:

Was sehen Sie als das größte Problem, dem Arbeitnehmer heute gegenüberstehen?

Anja Mahlstedt:

Die ständigen Veränderungen und die damit verbundene Unsicherheit in ihren Unternehmen setzen die Arbeitnehmer unter ganz besonderen Druck. Das ist branchenübergreifend ein hoher Stressfaktor für die Beschäftigten.

Was für Veränderungen sind das?

Mahlstedt:

Die Zeit wird immer schnelllebiger, und das spiegelt sich im Beruf wider, zum Beispiel durch die große Informationsvielfalt und den Anspruch, immer "up to date" zu sein. Ebenso Stress löst der hohe Kostendruck in den Unternehmen aus, der auch bei anziehender Wirtschaft langfristig da sein wird. Insbesondere in Konzernen müssen Mitarbeiter durch regelmäßige Umstrukturierung häufig mehr und vielfältigere Arbeit bewältigen. Viele haben das Gefühl: "Bis ich die neuen Aufgaben im Griff habe, kommt schon wieder die nächste Restrukturierungswelle." Mitarbeiter, zum Beispiel solche, die einen Perfektionsanspruch haben, laufen ihrem eigenen Anspruch immer hinterher. Und so können sie häufig nicht mehr realistisch einschätzen, was eigentlich machbar ist und was nicht. Kommt dann noch eine dauerhaft gefühlte Unsicherheit dazu, kann dieser Mix sogar im Burn-out enden.

Wie geht man als Mitarbeiter damit um?

Mahlstedt:

Banal gesagt, aber schwer umzusetzen: seinen 100-Prozent-Anspruch ein Stück weit sausen lassen. Oft reichen 80 Prozent aus. Es geht vor allem darum, die großen Aufgaben zu bewältigen, das Ziel im Auge zu haben. Also sollte sich der Mitarbeiter immer wieder vor Augen führen, an welchen seiner Aufgaben er gemessen wird. Welche Aufgaben leisten einen wirklichen Beitrag zur Zielerreichung, und welche seiner Aufgaben kann er erst einmal liegen lassen? Doch für solche Überlegungen bleibt wenig Zeit, wenn man schon im Hamsterrad steckt. Oder besser: Man nimmt sich die Zeit nicht.

Aber wenn der Mitarbeiter seine Aufgaben nur noch abarbeitet und wirklich das Gefühl hat, nicht mehr aus dem Hamsterrad aussteigen zu können?

Mahlstedt:

Oft geht es dann nur noch mithilfe von anderen. Und das ist der zweite Hebel: Als Unternehmer tue ich gut daran, meine Führungskräfte für das Befinden der Mitarbeiter zu sensibilisieren. Wie reagieren die Mitarbeiter auf die Veränderungen? Welche Ängste haben sie? Als Führungskraft muss man bedenken, dass man über die Umstrukturierungen früher informiert ist. Wenn es die Mitarbeiter trifft, hat sich das Management schon längst mit den Veränderungen auseinandergesetzt und sie für sich selbst zumindest teilweise verarbeitet. Viele Führungskräfte sehen nicht, dass ihre Mitarbeiter noch in einem früheren Stadium sind und verlangen Dinge von ihnen, die sie noch gar nicht leisten können.

Was machen die Umstrukturierungen mit der Atmosphäre in einem Team?

Mahlstedt:

Wenn die Zeit des Ungewissen, der Gerüchte und Beobachtungen, zu lang ist, dann schlägt sich das sehr negativ aufs Klima nieder. Dann dreht sich die Organisation nur noch um sich selbst und beschäftigt sich mit Flurfunk. Auch in den Teams kann sich das Klima merklich verändern, es wird weniger offen miteinander kommuniziert.

Wer kann was dagegen tun?

Mahlstedt:

Führungskräfte müssen vorleben, dass es auch anders geht. Und für Mitarbeiter gilt auch nichts anderes. Ich gehe immer noch von dem alten Sprichwort aus: Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es heraus. Jeder kann selbst etwas für ein gutes Miteinander tun. Sich zum Beispiel mal um jemanden kümmern, dem das Ganze noch mehr zusetzt als einem selbst. Außerdem rate ich dazu, sich zu vernetzen. Mit wem geht man denn zum Mittagessen? Sind das immer dieselben? Oder suche ich mir auch mal bewusst Leute aus, die nicht zu meinem engeren Team gehören? Gerade Frauen versäumen es oft, sich bei anderen bekannt zu machen. Sie werden unter Druck zu reinen Arbeitsbienen. In Zeiten der Veränderung sollte man sich aber unbedingt vernetzen. Das verbessert das Standing intern, hilft aber auch extern, wenn Entlassung droht. Darüber hinaus ist es immens wichtig die eigene "Säge zu schärfen", sich weiter zu qualifizieren und zumindest im Privatleben für Ausgleich zu sorgen. Bewusst Dinge tun, die einen entspannen und erfreuen, das schafft manchmal einen anderen Blick auf die Arbeitswelt und sorgt für gesunden inneren Abstand.