Fachkräftemangel

Kinder an die Technik! Dann klappt's auch mit Fachkräften

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Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, versuchen verschiedene Initiativen, schon die Jüngsten für Naturwissenschaften zu begeistern.

120 Kinder warten aufgeregt auf die Abfahrt der Barkassen beim Aktionstag "Faszination Schiff". Acht Touren werden sie in verschiedene Arbeitswelten im Hamburger Hafen führen. Organisator ist die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, die den Klub "Faszination Technik" aus der Taufe gehoben hat. Im Rahmen der kostenlosen Mitgliedschaft können Kinder und Jugendliche an Veranstaltungen teilnehmen und sich spielerisch mit dem Thema Technik vertraut machen.

"Jetzt geht's los", ruft der achtjährige Jaspar begeistert, als der Kapitän die Leinen losmacht. Die "Cremon IV" steuert den HHLA-Container-Terminal Burchardkai an. Dort werden die Kinder vom Leiter der HHLA-Fachschule, André Konopatzki, und vier Auszubildenden empfangen. Sie staffieren die 8- bis 13-Jährigen mit gelben Schutzwesten und Helmen aus. Kurz darauf braust ein mit zwei Containern beladener Portalhubwagen, kurz "VC" für Van Carrier genannt, um die Ecke. Die Kinder staunen über das turmhohe Fahrzeug. "So einen will ich später auch fahren, das ist cool", sagt Paul, 10, spontan.

Auch die Containerbrücken werden vom Nachwuchs bewundert: "Darin steckt modernste Computertechnik", erklärt Konopatzki. "Darum sind Techniker für uns auch so wichtig." Und darum bildet die HHLA unter anderem Elektroniker für Automatisierungstechnik aus oder bietet duale Studienmöglichkeiten, wie den Bachelor of Engineering. Mit solchen Bezeichnungen und Studienabschlüssen können die Kinder noch nicht viel anfangen. Bei der Abschlussfrage, wer sich vorstellen kann, hier später mal zu arbeiten, fliegen trotzdem viele Finger in die Höhe.

Wenn Kinder erst mal der Meinung sind, Mathe sei öde, ist es zu spät

Genau darum geht es. "Wir möchten Kindern und Jugendlichen zeigen, wie interessant Berufe mit Technikbezug sind, im Idealfall sagen sie dann: Da will ich hin!", erklärt Projektleiterin Heike Blume. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels war der Klub "Faszination Technik" 2006 mit der Vorlesungsreihe "Faszination Fliegen" an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften gestartet und entwickelt sich seitdem stetig weiter. Zunächst kam "Faszination Schiff" hinzu, dann die Themen Strom und Elektrizität sowie Games. Inzwischen sind erneuerbare Energien und Gesundheit/Medizintechnik in Planung. "Wir möchten das Interesse der Kinder möglichst früh wecken", sagt Blume. "Wenn sie erst der Meinung sind, Mathe ist öde und Technik schwer, ist es zu spät."

Der VDIni-Club setzt mit Nachwuchswerbung bereits bei den 4-Jährigen an. 2009 vom Verein Deutscher Ingenieure gegründet, lernen "Mädchen und Jungen hier auf unterhaltsame und spielerische Weise die Welt der Technik kennen", sagt Hans-Dieter Ellerbrock, Gründer des lokalen VDIni-Clubs in Barsbüttel bei Hamburg. Einerseits steht den kleinen Mitgliedern eine virtuelle Welt offen, in der sie über Comics, Bastelanleitungen und technikorientierte Internet-Spiele ans Thema herangeführt werden. "Andererseits ist das Element des gemeinschaftlichen Erlebens ganz wichtig", betont Ellerbrock. "So erfahren die Kinder, sie sind nicht die einzigen, die sich für Physik und Chemie interessieren." Es macht einfach mehr Spaß, gemeinsam an Experimenten zu arbeiten, wie der Luftballonrakete, der singenden Kartoffel oder dem "unkaputtbaren" Ballon.

Seit der Hamburger VDIni-Club im Januar gestartet ist, haben sich bereits 270 Mitglieder angemeldet. "Tatsächlich hat sich die Existenz des Klubs wie ein Lauffeuer herumgesprochen", freut sich Ellerbrock. Das wundert ihn nicht. "Kinder lieben es, ihre kleinen grauen Zellen zu benutzen, herauszufinden, was wie und warum funktioniert. Wir bringen sie nur auf den Weg und zeigen ihnen, wie viel Spaß Technik machen kann. Dann schrecken sie später auch nicht vor Fächern wie Physik zurück."

Wer schon mal so weit ist, dem kommt die "Initiative NaT", getragen von der Körber-Stiftung, der Hamburger Technologie-Stiftung und mehreren Hamburger Hochschulen, gerade recht. Um praxisorientierte und attraktive Physik-Angebote an den Schulen zu unterstützten, holt die Initiative seit 2007 Hochschulen, Organisationen und Unternehmen ins Boot. So werden Projekte ermöglicht, bei denen die Schüler selbst Hand anlegen können. "Man muss involviert sein, um zu begreifen, wie etwas funktioniert. Wir können Naturwissenschaften nicht leichter machen, aber wir können den Jugendlichen zeigen, wozu sie lernen und dass sich die Anstrengung lohnt", sagt Projektleiterin Sabine Fernau.

80 Prozent der Teilnehmer wollen Naturwissenschaften studieren

Dazu wählen die Schulen einen technischen Schwerpunkt aus zehn verschiedenen Bereichen aus - von Energie- über Luftfahrttechnik bis zum Bauingenieurwesen. Die Initiative vermittelt dazu einen Kooperationspartner aus den bislang knapp 40 teilnehmenden Unternehmen. Darunter sind zum Beispiel Lufthansa Technik, E.on Hanse, NXP Semiconductors und Jungheinrich. Vertreter der Hochschulen begleiten die Zusammenarbeit. Die Initiative NaT trifft offenbar einen Nerv: "Wir führen gerade eine Umfrage unter den Teilnehmern durch", sagt Fernau. "Wir haben noch nicht alle Ergebnisse, aber nach aktuellem Stand tendieren gut 80 Prozent der Oberstufenschüler in Richtung eines naturwissenschaftlichen Studiums."

www.faszination-fuer-technik.de

www.vdini-club.de

www.initiative-nat.de