Perspektiven

Was macht eigentlich...

... ein Sattler? Jörn Eggerstedt näht Sättel, fertigt Trensen und Kandaren.

Hamburg. Grisu ist sechs Jahre alt. Die Muskulatur des Wallachs hat sich durch das Training stark verändert. Er braucht einen neuen Sattel. Das Gegenteil ist bei Flash der Fall. Der Holsteiner Hengst hat durch monatelange Krankheit Muskulatur abgebaut. Der Sattler muss seinen Sattel neu anpassen.

Jörn Eggerstedt, Sattler in Nienstedten, macht zwei Tage die Woche Außendienst in Hamburger Ställen von Pinneberg bis Bergstedt. Häufig muss er Sättel zum Aufpolstern mitnehmen, die Sattelkammer erweitern oder enger stellen oder abgerissene Gurtstrupfen erneuern. Wenn der Sattel nicht korrekt passt, haben Pferde schnell Druckstellen oder leiden unter Verspannungen. Ist beispielsweise die Kammer zu eng, klemmt ein Muskel am Widerrist ein. Das kann nicht nur teuer werden, sondern auch gefährlich, wenn Schmerzen dazu führen, dass das Pferd buckelt oder durchgeht.

Reitsportsattler müssen deshalb nicht nur von ihrem Handwerk etwas verstehen, sondern auch mit Pferden und deren Besitzern umgehen können. "Es geht immer um zwei Lebewesen. Das ist manchmal ein großes Problem und macht dieses alte Handwerk so besonders", sagt Fritz Weiß, Vizepräsident des Bundesverbandes der Sattler. "Der Sattler muss sich in der Anatomie und den Bewegungsabläufen des Pferdes auskennen. Und jedes Pferd-Reiter-Paar ist anders." Sattler passen in den Ställen auch neue Sättel an. Das ist eine zeitaufwendige Prozedur, denn der Sattel wird zunächst auf den bloßen Rücken gelegt, später probiert ihn der Reiter in allen Gangarten aus. Meistens werden bei einem Termin mehrere Sättel getestet, denn selten passt der erste sofort. Und die Sattel-Auswahl ist groß. Es gibt Dressur-, Spring-, oder Vielseitigkeitssättel, Barock- und Westernsättel sowie Spezial- und Maßanfertigungen. Nicht zuletzt muss sich auch der Reiter im Sattel wohlfühlen.

Werden Sättel, Trensen und Fahrgeschirre gefertigt, geschieht dies zu 90 Prozent per Hand. Dafür muss der Sattler drei bis acht Millimeter starke Lederschichten aufeinander nähen. Keine leichte Arbeit. "Jeder Stich wird mit der Hand angezogen", erklärt Weiß, der selbst Sattlermeister ist.

Da enorme Zugkräfte auf Zügel und Sattelstrupfen wirken, denn ein Großpferd wiegt leicht 600 Kilogramm, sind die meisten Lederteile aus Rindsleder. Nur die Sitze können aus Kalbsleder sein. "Die Sättel in der Spanischen Hofreitschule sind aus Hirschleder", sagt Weiß, der bei Streitfällen auch als Gutachter bundesweit tätig ist. Zwar werden Sättel den Kunden auch häufig zur Probe überlassen, aber viele reklamieren später.

Das Sattlerhandwerk zählt zu den ältesten Berufen. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Das Gesellenstück ist ein Zaumzeug, das Meisterstück ein Sattel oder ein Geschirr, denn einige Sattler spezialisieren sich auf den Fahrsport.

Jörn Eggerstedt, dessen Familie 1891 den Betrieb gründete, hat an sechs Tagen die Woche gut zu tun. Häufig bestellen seine Kunden bei ihm Sonderanfertigungen von Kandaren und Trensen, die später bis nach Spanien und in die Niederlande gehen.

Seit dem Jahr 2005 ist die Ausbildung in die drei Bereiche Reitsport-, Fahrzeugsattlerei und Feintäschnerei unterteilt. Ein Wechsel vom Reitsportsattler in die Automobilbranche ist möglich und bietet in der Industrie bessere Verdienstmöglichkeiten. Das bedeutet aber auch Akkordarbeit.