Interview

"Der Bachelor stresst Studenten"

Foto: Mario Schuster

Welche Anforderungen an junge Ingenieure gestellt werden, erläutert Branchenexperte Mario Schuster

Mario Schuster ist Diplom-Ingenieur und Regionalleiter Hamburg/Schleswig-Holstein bei Ferchau Engineering. Mit dem Abendblatt spricht er über das Image und die Zukunft des Ingenieurberufs.

Abendblatt: Wie hat sich die Krise auf die Ingenieurstellen ausgewirkt?

Mario Schuster: Alle Industriebereiche haben unter der Krise gelitten. Kurzarbeit war weit verbreitet. Ferchau konnte die Mitarbeiterzahl in der Region Hamburg/Schleswig-Holstein halten, da unser Kundenstamm eine fachlich breite Abdeckung bietet. So konnten wir U-Boot-Techniker im Rohrleitungsbau einer Raffinerie einsetzen.

Welche Branchen suchen zurzeit welche Spezialisten?

Schuster: Gesucht werden Prozessingenieure sowie weibliche und ältere Ingenieure. Aber auch grundsätzlich Techniker und Ingenieure aus allen Bereichen und Branchen wie der Investitionsgüterindustrie, im Anlagenbau, der Informationstechnik und der Elektro- und Automatisierungstechnik.

Quelle: www.berufe.tv

Wie schätzen Sie das Image des Ingenieurberufes ein?

Schuster: Der Ingenieur ist ein Wissens-Arbeiter. Sein Einfluss auf unser Leben ist heute weniger sichtbar als zur Zeit der ersten Autos. Das schmälert die Bekanntheit und die Attraktivität des Berufs im Gegensatz zu Ärzten, Anwälten, Architekten. MINT-Studienfächer gelten als trocken und schwer. Viele fangen gar nicht mit dem Studium an. Auch die Abbrecherquote ist hoch. Jeder dritte Student bricht heute bereits sein Studium ab.

Was ist also zu tun, um dies zu verhindern und das Image zu verbessern?

Schuster: Man muss sich bewusst machen, wie oft wir täglich der Leistung von Ingenieuren begegnen. Ein Ingenieur bewegt viel, der Beruf ist entgegen dem Image spannend und vor allem enorm wichtig für Deutschland. Die Sichtbarkeit der Leistung von Ingenieuren ist jedoch zu verbessern durch Preise und öffentliche Würdigung von Innovationen. Außerdem muss die Bedeutung der Innovationen für unseren Wohlstand transparent gemacht und das Schulfach "Technik" zum Standard werden.

Was beeinflusst Ihre Arbeit?

Schuster: Ferchau wird oft als Personaldienstleister wahrgenommen. Aber Arbeitnehmerüberlassung von Ingenieuren ist Wissenstransfer und keine gewerbliche Leiharbeit. Viele unserer Mitarbeiter bleiben über Jahre bei Ferchau. Die Projekte sind fachlich höchst anspruchsvoll und die Arbeit wird nach IG-Metall-Tarif bezahlt. Leider bringen jedoch einige Berufseinsteiger nicht genug fachliches Rüstzeug mit, um sofort einsatzfähig zu sein.

Wie stehen Sie zum Bachelor?

Schuster: Die Studienverkürzung um zwei Semester stresst Studenten, nebenbei zu jobben ist praktisch unmöglich. Am Anfang des Studiums ist keine Luft mehr, um Defizite bei den Grundlagen auszugleichen, was früher möglich war. Das führt zu Abbrüchen. Zeit für Praktika, Auslandsaufenthalte oder studentische Projekte fehlt. Somit ist auch die fachlich-praktische und soziale Erfahrung geringer.

Wie steht Deutschland im internationalen Wettbewerb da?

Schuster: Die Konkurrenz aus anderen Ländern, besonders aus China ist groß. China bildet relativ zur Bevölkerung mehr Ingenieure aus als Deutschland und setzt prozentual viel mehr Personal in Forschung und Entwicklung ein. China ist auf dem besten Weg, Deutschland nach der Exportführerschaft auch die Innovationsführerschaft abzunehmen.