Karriere

Haben Sie zu viel versprochen?

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Probleme in der Probezeit: Wer sich über Wert verkauft hat, gerät ins Straucheln. Hier gibt es Tipps für den guten Einstieg in den Job.

Im Bewerbungsgespräch ist es so leicht, Ja zu sagen: Ja, ich beherrsche die Office-Programme. Ja, ich habe hervorragende Kontakte zu den Einkäufern der Firmen A und B. "Das passiert immer wieder: Man bejaht die Erwartungshaltung des Personalers oder der Fachabteilung", erklärt Gabriela Seyer, Inhaberin von Seyer Consulting in Kiel. "Entweder, weil man die Folgen nicht richtig einschätzen kann oder weil man den Job unbedingt haben will." Eigentlich menschlich, aber das böse Erwachen kommt in der Probezeit - wenn man merkt, der Job ist doch anspruchsvoller als erwartet. "Eine schwierige Situation", sagt Seyer. "Man geht ja nicht einfach zu seinem Vorgesetzten und sagt: 'Der Job ist zu groß für mich!'"

Eine Lösung ist, darauf zu warten, dass man sich schon noch hineinfinden wird. "Aber besser wäre es, erst einmal ein Einarbeitungsbuch anzulegen", rät Gabriela Seyer. Nicht zu verwechseln mit den Einarbeitungsleitfäden, die Firmen ihren Neulingen an die Hand geben. "Darin steht nur, was jemand aus Sicht des Unternehmens wissen sollte." In seinem persönlichen Einarbeitungsbuch notiert der neue Mitarbeiter vielmehr täglich, was er gelernt hat, was er nicht verstanden hat, wo er glaubt, Unterstützung finden zu können.

Wichtig ist, es sich einzugestehen, wenn die Arbeit nicht optimal läuft

Auch was er selbstständig nachlernen kann, sollte seinen Weg in das Notizbuch finden. Denn das ist natürlich erst einmal die schnellste und unauffälligste Abhilfe fürs eigene Nichtwissen. "Wichtig ist aber vor allem, die eigene Situation zu reflektieren und es sich auch einzugestehen, wenn etwas nicht optimal läuft", sagt Beraterin Seyer. Der nächste Schritt: analysieren, wer in der Situation am besten helfen kann. Das kann ein Vorgesetzter oder Kollege ebenso sein wie ein Personaler oder die Sekretärin. "Und dann gehen Sie mit einem Lösungsvorschlag auf denjenigen zu", betont Gabriela Seyer. "Sagen Sie nicht nur: Mir fehlt etwas! Beweisen Sie gleich Ihre Lösungskompetenz."

Doch nicht nur fachliche Fallen stehen dem Neuling im Weg. "Einsteiger haben es schwer, weil sie in eine gewachsene Gruppe hineinkommen", erklärt Jessica Wahl, die als Personal Performance Coach in Berlin arbeitet. "Sie kennen weder die ungeschriebenen Regeln, noch die informelle Hierarchie im Team." Sich zurückhalten und beobachten, heißt ihr Rat. Denn Kritik sollte man sich anfangs besser schenken. "Selbst wenn man glaubt, es besser zu wissen", betont Wahl. "Manchmal sind neue Mitarbeiter sehr motiviert und stellen sich gleich in den Mittelpunkt", erklärt sie. "Doch das bedroht das Hierarchiesystem des Teams - und löst Widerstand aus." Ein denkbar schlechter Start in den neuen Job.

"Für den Anfang empfehle ich, das Gespräch mit jedem Kollegen einzeln zu suchen", sagt Gerhard Winkler, Bewerbungsberater aus Neuenhagen bei Berlin. "Man stellt sich kurz vor und signalisiert: Ich bin da und interessiere mich dafür, was Sie machen." Allerdings sollte man die anderen nicht zu lange in Gespräche verwickeln. "Halten Sie die Leute nie auf. Das kommt schlecht an."

"Integrieren Sie sich, suchen Sie Ihren Platz und versuchen Sie, die Beziehungs- und Kommunikationsverhältnisse zu entdecken", rät Winkler. Wer redet mit wem? Wo stecken Konflikte? Wer hat welchen Machtanspruch? All das könne man durch Beobachten erfahren. Winkler: "Aber hüten Sie sich davor, Partei zu ergreifen." Die Gefahr bestehe - denn oft werde versucht, den Neuen zum "Seelsorger" zu machen. "In so einer Situation ist es extrem klug, sich neutral zu verhalten."

Jeder sollte er selbst bleiben - aber nicht alles von sich im Job zeigen

Trotzdem darf sich der Neue nicht auf Dauer verbiegen, sondern muss ein gleichberechtigtes Teammitglied werden. "Jeder sollte er selbst bleiben", betont Jessica Wahl, "aber gleichzeitig gut überlegen, welche Seiten er im neuen Job von sich zeigen kann." Laufen etwa alle in Jeans und Sneakers herum, könne man sich durchaus anpassen und auch mal wieder mit Jeans ins Büro kommen. "So betont man Ähnlichkeit", erklärt Wahl. "Je ähnlicher man seinem Team ist, umso besser findet man sich auch hinein." Es gehe darum, die richtige Mischung zwischen Anpassung und Individualität zu finden. Wahl: "Letzten Endes wird man nur dann anerkannt, wenn man zu sich selbst steht."

Auf diesen Balanceakt macht auch Gabriela Seyer aufmerksam: "Wenn alle immer zusammen Mittag essen, man selbst aber lieber mal eine halbe Stunde Ruhe haben möchte, muss man abwägen", sagt sie. Jeden Tag mitzugehen, obwohl man eigentlich Zeit zum Auftanken benötigt, könne nicht die Lösung sein. "Stattdessen sollte man dazu stehen, dass man zwischendurch mal ein bisschen frische Luft braucht - und das dann den anderen gut erklären." Sich stillschweigend der Situation zu entziehen, sei eine schlechte Lösung.

Kollegen sind auch mal unfreundlich, sogar ganz ohne böse Absicht

Bewerbungsberater Gerhard Winkler rät, Äußerungen der Kollegen nicht auf die Goldwaage zu legen: "Man geht immer davon aus, dass alle Menschen ihre Handlungen voll unter Kontrolle haben", sagt er. "Aber Menschen sind oft ungeschickt und verhalten sich auch mal unfreundlich - ganz unabsichtlich." Der Einsteiger solle seinem neuen Team darum erst einmal Vorschusslorbeeren geben. "Aber wenn jemand permanent eine Grenze überschreitet, muss man ihn darauf ansprechen." Winkler warnt davor, sich zu schnell eine Meinung über sein neues Unternehmen zu bilden: "Nehmen Sie sich Zeit, und reagieren Sie auf keinen Fall vorschnell. Auch wenn Sie am ersten Tag vielleicht schon enttäuscht sind."

Vergessen sollte der Neuling auch nicht, dass nicht nur er sich in der Probezeit zu bewähren hat, sondern auch sein neuer Arbeitgeber sich des Mitarbeiters wert erweisen muss. "Häufig gehen gute Kandidaten wieder, weil sie nicht die Bedingungen im Unternehmen vorfinden, die ihnen vorab versprochen worden sind", sagt Gabriela Seyer. "Doch statt den Schnabel aufzumachen, sind sie eingeschnappt." Die meisten Fallstricke in der Probezeit legt doch immer noch die Kommunikation.