Juristen

Freie Stellenauswahl gibt es nur mit Prädikat

Foto: Jörg Dommel

Jura-Absolventen können überall landen: in Rechtsabteilungen, Kanzleien, im Taxi. Mit "vollbefriedigend" steht Einsteigern alles offen.

Wer Jura studiert, wird Anwalt? Das muss nicht zwangsläufig so sein. "Das Berufsbild Anwalt ist alles andere als homogen", sagt Hartmut Scharmer, Hauptgeschäftsführer der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer Hamburg. "Viele arbeiten auch in der Wirtschaft, zum Beispiel bei Versicherungen, Krankenkassen oder Medienunternehmen", erklärt Scharmer.

Es ist die Examensnote, die über den Weg entscheidet. "Wer in beiden Staatsexamina ein 'vollbefriedigend' oder besser erreicht, muss sich um seinen Berufseinstieg keine Sorgen machen", sagt der Geschäftsführer der Anwaltskammer. "Doch das schaffen nur etwa zehn Prozent."

Diese Gruppe hat dann die freie Wahl: "Absolventen mit Prädikatsexamen können sich in der Regel aussuchen, ob sie bei einer großen Anwaltskanzlei, in der Industrie oder doch lieber beim Staat arbeiten möchten", sagt Heike Friedrichsen von der Vergütungsberatung PersonalMarkt. Wer nicht zu den Top Ten gehört, muss sich deutlich mehr um einen guten Einstiegsjob bemühen. Nicht allen gelingt das. Hartmut Scharmer: "Es gibt auch den sprichwörtlichen Taxifahrer unter den Juristen."

In Hamburg arbeiten knapp 9600 niedergelassene Rechtsanwälte "Die meisten von ihnen sind nach wie vor als Einzelanwälte oder in kleinen Sozietäten mit bis zu drei Anwälten tätig", sagt Scharmer. "Es gibt in Hamburg aber auch Sozietäten mit mehr als 100 Mitgliedern." Ein Schwerpunkt sei bei den Hamburger Anwälten nicht erkennbar. Sie decken die gesamte Bandbreite ab - von Arbeits- und Ausländerrecht über Sozial-, Straf- und Wirtschaftsrecht bis zum Zwangsvollstreckungsrecht. In Frankfurt/Main dagegen ist die Branche stark vom internationalen Finanz- und Bankengeschäft geprägt.

Bundesweit sind knapp 156 000 Anwälte zugelassen, davon fast ein Drittel Frauen. "Nach starkem Zuwachs seit Mitte der 90er-Jahre hat sich die Zahl der Anwälte in Deutschland in den vergangenen drei Jahren eher stabilisiert", sagt Christian Christiani, Geschäftsführer des Berliner Anwaltsvereins. "Ausscheidende Anwälte und Neuzugänge halten sich in etwa die Waage."

Wie die Berufswege sind auch die Gehälter sehr unterschiedlich. Große Kanzleien und solche in lukrativen Nischen zahlen durchaus 85 000 Euro im Jahr (s. Kasten). In kleinen Kanzleien ohne Spezialgebiet sind eher zwischen 20 000 und 30 000 Euro die Regel. Wer sich selbstständig macht, verdient mitunter noch weniger. Hartmut Scharmer von der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer: "Wer sich zum Beispiel mit einer Allgemeinkanzlei in Hamm selbstständig macht, muss mit 1000 Euro Umsatz im Monat auskommen." Auf der anderen Seite gebe es aber auch Anwälte, die mit ihrer "Boutique" - Juristenjargon für hoch spezialisierte kleine Kanzleien - sehr viel Geld verdienen.

Gemeinsam ist Kanzleien aber meist eins: viel Arbeit. Ein Zwölf-Stunden-Tag sechsmal die Woche kann durchaus den Berufsalltag prägen. Dass sich Anwälte auch Akten mit nach Hause nehmen und dort durcharbeiten, ist auch nicht unüblich. "Berufsanfänger sollten sich darauf einstellen, dass ein Anwalt oftmals keine 40-Stunden-Woche hat", sagt die Berliner Anwältin Jana Mähl von der Kanzlei RöverBrönnerSusat (RBS), einer der größten Wirtschafts- und Steuerprüfungsgesellschaften Deutschlands.

"Der Anwaltsberuf kann im Alltag sehr unterschiedlich aussehen", sagt sie. "Daher empfiehlt es sich, neben Auslandsaufenthalten oder einer Promotion bereits früh Praxiserfahrung zu sammeln." Besonders Praktika eigneten sich, um einzelne Rechtsgebiete und Kanzleien kennenzulernen, rät Mähl. "Kommt eine Spezialisierung in Betracht, möchte man eher beratend oder prozessführend tätig, selbstständig oder angestellt sein?", zählt die Anwältin typische Fragen auf. Wer Spezialkenntnisse hat, kann sich unter Umständen in einer Nische hervorragend etablieren. Wer sich zum Beispiel vor fünf Jahren auf Windkraftanlagen konzentriert hat, auf Fragen der Gewährleistung, des Einspeiserechts, des Anschlusszwangs, der stehe gut da, sagt Hartmut Scharmer. Oder wer sich als ehemals aktiver Fußballer auf das Thema Sportrecht konzentriere - und dazu noch gute Kontakte in die Szene habe. In Hamburg jedenfalls führe kein Weg an einer Spezialisierung vorbei, sagt der Kammer-Vertreter. "Aber bloß nicht zu früh." Jeder Rechtswissenschaftler brauche erst einmal eine juristische Allgemeinbildung.

Um guten Nachwuchs zu rekrutieren, setzt die international tätige Großkanzlei Graf von Westphalen (GvW) auf eine Reihe von Aktivitäten. Sie präsentiert sich auf Fachmessen, lädt zu Veranstaltungen an ihren verschiedenen Standorten ein. Ihre Rechtsanwälte halten Vorträge an Universitäten und pflegen Kontakte zu Professoren. Am Hamburger Sitz von GvW sind aktuell acht Referendare beschäftigt. "Solche Engagements sind für Bewerber eine echte Chance, mit Kanzleien in Kontakt zu kommen, bei denen sie sich eine spätere Tätigkeit als Rechtsanwalt vorstellen können", sagt Robert Theissen, der in der Hansestadt Rechtsanwalt und Managing-Partner von GvW ist. "Auch wir lernen auf diese Weise spätere Bewerber kennen. Wir suchen Mitarbeiter, die neben hervorragenden juristischen Kenntnissen auch andere Interessen haben." Dass die Großkanzlei darauf Wert legt, hat neben der geistigen Flexibilität noch einen weiteren Grund: "Natürlich wird auch bei uns viel gearbeitet. Aber wer Mitarbeitern die Perspektive für eine echte Partnerschaft bieten will, muss dafür sorgen, dass sie nicht ausbrennen."

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