Arbeitslos - und jetzt?

Weiterbildung: Nicht jeder Kurs lohnt sich

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Andreas Heimann

Foto: dpa-tmn / DPA

Weiterbildung hört sich gut an. Es klingt nach Weiterkommen, nach besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Aber nicht jeder Kurs bringt einen voran. Arbeitslose müssen aufpassen, dass sie in einem Lehrgang nicht bloß ihre Zeit verschwenden.

Hamburg. Weiterbildung kostet Zeit und Geld. Letzteres können Arbeitslose selbst meist nicht aufbringen. Und Zeit geht auf Kosten der Stellensuche. Sie müssen deshalb gründlich überlegen, ob es für sie sinnvoll ist, sich weiterzubilden – und wenn ja, in welchen Bereichen.

Jörn Saß ist sich allerdings sicher: "Ohne die Weiterbildung, die ich gemacht habe, wäre ich noch immer arbeitslos. Die Anforderungen werden immer höher. Wer den Anschluss verpasst, hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance." Saß hat seit kurzem wieder eine Stelle. Zunächst hatte der gelernte Bankkaufmann verzweifelt versucht, einen Job zu finden: "Ich hab’ mich in München, Stuttgart, Berlin und sonst wo beworben – erfolglos." Wegen der Wirtschaftskrise sei die Stellensuche erheblich schwieriger geworden.

Bloß nicht zu Hause rumsitzen

Saß setzte alles darauf, eine Weiterbildung für den Umgang mit einer Software für Finanzen und Controlling finanziert zu bekommen – "ein Seminar mit dem Abschluss Berater externes Rechnungswesen mit SAP ERP 6.0 und Zusatzqualifikation Controlling".

Dass die Arbeitsagentur dem zustimmt, ist nicht selbstverständlich – schon wegen der Kosten von mehr als 13.000 Euro. "Da gehört auch für den Arbeitsberater viel Mut dazu, dem zuzustimmen", sagt Saß. "Aber ich habe sehr darauf gedrungen, nicht zu Hause rumzusitzen."

Es besteht kein Anspruch auf Weiterbildung

Prinzipiell sei Weiterbildung für Empfänger von Arbeitslosengeld I und Arbeitslosengeld II möglich, erklärt Joachim Schade vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Einen Anspruch darauf gibt es allerdings nicht. Was das angeht, ist der Arbeitslose in der Position des Bittstellers: Er kann darauf hinweisen, dass er sich gern weiterqualifizieren möchte, aber er kann nicht darauf pochen. Bevor er einen Kurs belegen darf, muss die Arbeitsagentur einen Bildungsgutschein ausstellen und damit eine Förderzusage geben. "Das ist seit Juli 2004 so", erklärt Schade. "Den Bildungsgutschein stellt der Arbeitsvermittler aus, den Weiterbildungsanbieter kann sich der Arbeitslose dann selbst suchen."

Das neue System, das Arbeitslosen mehr Mitsprache einräumt, war die Konsequenz aus der Kritik am vorherigen Verfahren: "Davor hatte das Arbeitsamt Verträge mit Bildungsträgern geschlossen und bestimmte dann, welche Arbeitslosen in welchen Kurs müssen", sagt Schade, der selbst beim Arbeitsamt gearbeitet hat. Manchmal regierte der Sachzwang: Wenn ein Kurs noch nicht voll war, wurde er mit dem einen oder anderen Arbeitslosen aufgefüllt.

Heute wird selektiv gefördert

Heute soll der Arbeitsvermittler nur zustimmen, wenn er überzeugt ist, dass die Weiterbildung die Jobchancen tatsächlich erhöht. "Weiterbildung, die nichts bringt, ist verschenkte Zeit und verschenktes Geld", sagt Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. "Und sinnlose Weiterbildung hält Arbeitslose davon ab, sich eine Stelle zu suchen." Das kann mehr schaden als nützen: Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, umso schlechter würden die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sagt Schäfer. "Man fördert heute deshalb wesentlich selektiver als früher. Die Arbeitsvermittler stehen immer vor der Frage, welche Weiterbildung sinnvoll ist."

Die Teilnahme ist daher nicht der Regelfall: Im Februar 2010 verzeichnete die Bundesagentur für Arbeit 190.000 Arbeitslose, die an einer beruflichen Weiterbildung teilnahmen. "Das ist nur ein kleiner Teil aller Arbeitslosen", sagt Schäfer. Weiterbildung sei auch effektiv – in der Regel verbessert sie die Chance von Arbeitslosen auf einen Job. "Eine andere Frage ist, ob sie auch effizient ist, also ob sie in einem guten Verhältnis zu dem Geld steht, das wir dafür ausgeben", sagt Schäfer.

Ungelernte sollen einen Abschluss bekommen

"Wir gucken deshalb, welche Unternehmen Bedarf an welchen Arbeitskräften haben", erklärt Knut Böhrnsen, Sprecher der Arbeitsagentur in Hamburg. "Da wird schon hingeschaut, mit welcher Qualifikation wir was erreichen können." Die Bandbreite, die gefördert werden kann, ist groß: "Das kann ein PC-Kurs sein, einer für ein Buchführungsprogramm oder für SAP", erklärt Böhrnsen. "Wenn ein Arbeitsloser ungelernt ist, haben wir ein starkes Interesse daran, ihm zu einem Abschluss zu verhelfen."

Praktisch gibt es einige Hürden

In diesem Jahr rechnet die Arbeitsagentur Hamburg damit, 6650 Bildungsgutscheine auszustellen. Das Thema Weiterbildung werde meistens schon bei den ersten Kontakten mit dem Arbeitsvermittler angesprochen. "Prinzipiell könnte es gleich damit losgehen, sobald klar ist, dass eine bestimmte Qualifizierung sinnvoll ist." Praktisch gibt es aber Hürden, wenn der Arbeitsvermittler den Bildungsgutschein aushändigt – etwa wenn gerade kein passender Kurs beginnt. "Man kann auch nicht immer zu dem Bildungsträger gehen, zu dem man am liebsten möchte, wenn dessen Kurse ausgebucht sind", sagt Böhrnsen. Abwarten, bis das Passende im Angebot ist, geht nicht: "Die Gültigkeitsdauer des Bildungsgutschein ist befristet."

Stellensuche selbst in die Hand nehmen

Mit der Weiterbildung allein ist aber noch nicht viel gewonnen. Entscheidend ist, damit anschließend auch zu punkten. Jörn Saß hat das geschafft. Während seines Seminars hat er neun weitere Teilnehmer kennen gelernt, mit denen er die Stellensuche selbst in die Hand genommen hat: "Wir zehn haben aktiv Personalchefs eingeladen, denen wir uns dann vorgestellt haben. Von 50 eingeladenen sind ein Dutzend gekommen", erzählt Saß. Von den zehn Arbeitslosen haben vier bereits eine Stelle, zwei eine in Aussicht. "Eine Quote von 60 Prozent", sagt Saß. So viel Erfolg durch Weiterbildung dürfte rekordverdächtig sein. (dpa)

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