"Andere Kulturen nutzen"

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ANDREA PAWLIK

Klartext: Aygül Özkan. Mit Migranten verbessern Firmen ihre Dienstleistungen.

ABENDBLATT: Wie gut sind Migranten in Deutschland integriert?

AYGÜL ÖZKAN: Wenn ich heute in Blankenese in einem Feinkostladen einkaufen gehe, werde ich immer noch anders behandelt als offensichtlich Deutsche. Natürlich ist das vor allem Hilflosigkeit dem Fremden gegenüber. Aber solche Alltagserlebnisse zeigen: Man ist immer noch nicht ganz Teil der Gesellschaft.

ABENDBLATT: Wie kann sich das ändern?

ÖZKAN: Das Arbeitsleben ist der Schlüssel. Dort müssen wir Verständnis für unterschiedliche Kulturen und Denkweisen schaffen. So könnte sich ein deutscher Arbeitgeber damit auseinandersetzen, welche Feiertage seine Mitarbeiter haben. Er könnte einem Türken zum Ramadanfest einen Glückwunsch aussprechen oder an diesem Tag Urlaub gewähren. Oder in der Kantine gibt es mal Gerichte ausländischer Herkunft. Das sind einfache Maßnahmen, die aber einen immensen Vertrauensgewinn bringen.

ABENDBLATT: Was können ausländische Arbeitnehmer dazu tun?

ÖZKAN: Sehr viel. Auch sie müssen sich öffnen. Ich kann nicht immer erwarten, daß sich alle auf mich einstellen und auf mich zukommen. Diese Haltung gibt es leider auch - sehr stark bei Migranten-Jugendlichen. Es ist wichtig, daß man auch von selbst etwas von seiner Kultur und sich berichtet. Oft setzt dann ein Nachdenken und Teilhaben bei den Kollegen ein.

ABENDBLATT: Welche Probleme haben Migranten bei der Jobsuche?

ÖZKAN: Im Arbeitsleben werden sie - etwa als Bewerber für einen Job oder einen Ausbildungsplatz - immer noch in Schubladen gesteckt. Wenn er einen ausländischen Namen liest, denkt der Personalreferent erst einmal, der Bewerber könne nur bestimmte Jobs ausüben. Er vermutet, der Bewerber beherrsche die deutsche Sprache vielleicht nicht ganz oder habe einen schlechteren Schulabschluß als verlangt.

ABENDBLATT: Entgeht den Unternehmen dadurch etwas?

ÖZKAN: Sehr viel. Banken zum Beispiel haben schon gemerkt, daß sie einige Zielgruppen gar nicht spezifisch ansprechen können. Jetzt wird da gegengerudert. Es werden junge Leute speziell mit Migrationshintergrund ausgebildet. Diese Entwicklung kann man im gesamten Dienstleistungsbereich erkennen.

ABENDBLATT: Was würden Sie Personalleitern in deutschen Unternehmen sagen?

ÖZKAN: Was ich mir besonders wünsche, ist, daß die Raster bei der Bewerberauswahl neu überdacht werden. Grund genug sollte sein, wenn man sich als Unternehmen mal überlegt: Wo will ich in den nächsten Jahren hin? Wie sieht die Bevölkerungsstruktur aus? Was sind meine Zielgruppen? Was brauche ich eigentlich an Know-how? Das müssen sich übrigens auch Migranten-Unternehmer überlegen.

ABENDBLATT: Außer Sprachkenntnissen - bringen Migranten noch etwas Besonderes mit?

ÖZKAN: Kinder aus Migrantenfamilien haben meist viel mehr Familienumfeld, leben sehr emotional. Gerade in Bereichen, wo man auf Kunden zugehen muß, sind sie erfolgreich. Einfühlungsvermögen und Organisationstalent sind bei ihnen stark ausgeprägt.

ABENDBLATT: Wie fördern Sie mit der Arbeitsgemeinschaft türkischer Unternehmer Integration?

ÖZKAN: Wir versuchen, in den nächsten Jahren 1000 Arbeitsplätze in den rund 300 000 Hamburger Migranten-Unternehmen zu schaffen. Das ist eine große Herausforderung, denn auch denen geht es wirtschaftlich nicht so gut. Aber wir wollen das, was wir mit Ausbildungsplätzen schon geschafft haben, auch im Arbeitsmarkt erreichen.

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