Interview

Streitkultur: "Ein Gewitter bereinigt nichts"

Mehr als nur ein Donnerwetter: Erst der richtige Umgang mit einem Streit bringt die Kommunikation voran, sagt Trainerin Roswitha Stratmann.

Wer einen guten Draht zu seinen Kollegen hat, kann auch mal ungeschminkt die Wahrheit sagen - solange er zeigt: Als Person schätze ich dich!

Hamburger Abendblatt:

Kommunikation sollte doch eigentlich ganz einfach sein. Leute reden miteinander, sind möglichst noch nett und höflich zueinander ...

Roswitha Stratmann:

Wenn es den Gesprächspartnern gelingt, einigermaßen nett und höflich zu bleiben, ist das schon mal ein Anfang ... Bei guter Kommunikation geht es darum, auf der Sachebene Klartext zu reden und auf der Beziehungsebene verträglich zu bleiben. Dann kann man auch Ideen des anderen nicht gut finden - und das klar aussprechen. Viele denken, gute Kommunikation heißt, man muss in Harmonie schwelgen. Das stimmt nicht. Aber man kann dem anderen signalisieren: Ich habe zwar eine andere Meinung als du, aber als Person schätze ich dich.

Wie schafft man das?

Stratmann:

Erst einmal ist es wichtig, sich überhaupt für die enorme Bedeutung dieses Themas zu sensibilisieren. Ich kenne viele Fach- und Führungskräfte, die sehr darauf fokussiert sind, Themen durchzubringen. Sie bemühen sich dabei aber oft zu wenig, die Beziehungen zu ihren Mitarbeitern intakt zu halten. Es hilft, sich bewusst zu machen, dass die Beziehungsebene entscheidenden Einfluss aufs Funktionieren von Kommunikation und die Effektivität der Zusammenarbeit hat. Und nun zur Technik: Heftige Du-Botschaften und Angriffe unter der Gürtellinie sollten natürlich vermieden werden. Mit Sätzen wie: "Sie sind ja gar nicht vorbereitet, so ein Stuss", kann ich sicher sein, dass ich den anderen gegen mich aufbringe. Statt, "das ist alles Stuss", kann ich sagen: "Ich habe noch nicht verstanden, was da Ihr Punkt ist." So gebe ich dem anderen auf der Sachebene ein ähnliches Signal, aber die Art und Weise, wie ich es mache, drückt aus, dass mir daran gelegen ist, mich konstruktiv mit ihm zu verständigen. Das ist respektvolle Konfrontation.

Warum fallen kritische Gespräche mit manchen Kollegen leichter?

Stratmann:

Es gibt eine Formel in der Psychologie, die das verdeutlicht: A + K = E. Das bedeutet Akzeptanz plus Konfrontation unterstützt Entwicklung beim anderen. Je stabiler eine Beziehung ist - das wäre die Akzeptanz in der Gleichung -, desto salopper darf ich in meiner Kommunikation sein. Enge Kollegen sagen sich ungeschminkt deutliche Sätze, ohne jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Sie wissen: Wir stehen gut zueinander. Anders ist die Situation, wenn noch kein Vertrauen da ist. Unter Umständen wird jeder Satz wichtig. Dort muss man eine stärkere Sensibilität an den Tag legen, ebenso, wenn mehrere Menschen dabei sind. Je öffentlicher die Situation, desto heikler sind Angriffe auf der Beziehungsebene.

Reinigt ein Gewitter die Luft?

Stratmann:

Situationen, in denen man richtig aneinandergerät, helfen, Positionen zu klären. Das ist besser, als würden wir immer nur ganz seicht miteinander reden. Aber es kommt darauf an, wie man anschließend mit der Situation umgeht. Es wäre unklug zu glauben, dass die Angelegenheit mit dem Gewitter bereinigt ist. Darum spricht man denjenigen am besten in einer ruhigen Minute an und macht eine Art Nachklärung. Die kann etwa so eingeleitet werden: "Gestern hatten wir diese Besprechung, Sie haben gemerkt, ich war heftiger als sonst. Das tut mir im Nachhinein leid, aber es hatte damit zu tun, dass dieses Thema so wichtig für mich ist. Ich wollte das Ganze deshalb noch einmal ansprechen ..." Man nennt das Meta-Kommunikation: mit dem anderen darüber sprechen, wie die Kommunikation gelaufen ist. Das ist eine wichtige Fähigkeit zum Klären von Situationen und Beziehungen, die die meisten von uns nicht in der Schule gelernt haben.

Was ist die Notfallmaßnahme, wenn eine Diskussion aus der Bahn läuft?

Stratmann:

Wenn es einem wichtig ist, dass sich die Situation verändert: ansprechen! Ein guter Satz ist: "Ich würde gern etwas zum Inhalt der Diskussion sagen und auch zum Ton. Ich fange mal mit dem Ton an. Der macht mir zu schaffen, denn wie Sie mit mir reden, finde ich unfreundlich. Es wäre mir sehr daran gelegen, wenn wir vom Ton her besser zueinander kämen. Und zum Inhalt kann ich Folgendes sagen ..." Das ist eine Formulierung, die mir helfen kann, mich in solch einer Situation nicht so ausgeliefert und hilflos zu fühlen. Gelesen sieht das erst einmal einfach aus. Doch ich bin gut beraten, solche Sätze ins aktive eigene Repertoire zu nehmen, sie wie Vokabeln auswendig zu lernen, um sie in Überrumpelungssituationen anwenden zu können. Aber das Gute in puncto zwischenmenschlicher Kommunikation ist ja: Wenn wir motiviert sind, an uns und unserer Kommunikation zu arbeiten, können wir so gut wie überall und mit jedem üben.