Wirtschaft

Japaner übernehmen Becker Marine Systems

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Martin Kopp
Dirk Lehmann, geschäftsführender Gesellschafter von Becker Marine Systems, vor der Firmenzentrale im Harburger Binnenhafen.

Dirk Lehmann, geschäftsführender Gesellschafter von Becker Marine Systems, vor der Firmenzentrale im Harburger Binnenhafen.

Foto: Roland Magunia

Hamburger Hightech-Unternehmen geht zu mehr als 50 Prozent an Nakashima Propeller. Arbeitsplätze sollen nicht abgebaut werden.

Hamburg.  Es ist die Technikschmiede aus dem Harburger Binnenhafen: Das mittelständische Familienunternehmen Becker Marine Systems (BMS) hat sich mit der Entwicklung besonders treibstoffsparender Ruderanlagen für Schiffe sowie mit umweltverträglichen Neuerungen in der Hafentechnik weltweit einen Namen gemacht. Die größten Containerschiffe der Welt fahren mit Ruderanlagen von BMS.

Doch jetzt bekommt die 1946 in Hamburg gegründete Firma einen neuen Mehrheitseigentümer – und sie wird japanisch. Nakashima Propeller, der Weltmarktführer für die Herstellung von Schiffspropellern mit Sitz in Okayama, steigt bei dem Mittelständler ein. Die Unternehmen schließen sich zusammen, wobei Nakashima künftig die Mehrheit der Anteile hält, gaben beide Firmen am Montag bekannt.

Einzelheiten der Transaktion bleiben im Dunkeln

Die Einzelheiten der Transaktion, etwa die künftige Verteilung der Besitzverhältnisse, bleiben im Dunkeln. Näheres zu dem Zusammenschluss werde man nicht mitteilen, sagte der neue Mehrheitseigentümer Takayoshi Naka­shima, der per Video aus Okayama einer gemeinsamen Pressekonferenz zugeschaltet war.

„Becker und Nakashima kooperieren seit 1978. Wir freuen uns sehr, die strategische Partnerschaft durch diese Vereinbarung weiter zu verbessern. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Beziehung und das Vertrauen, das sowohl unsere Familien als auch unsere Managementteams in über 40 Jahren aufgebaut haben, es uns ermöglichen, diese Einigung sehr erfolgreich zu gestalten“, so Nakashima.

„Zusammen werden wir einen Beitrag zur Optimierung der Antriebs- und Manövrierleistung von Schiffen für unsere Kunden leisten.“ Nakashima Propeller beschäftigt derzeit rund 400 Mitarbeiter.

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Dirk Lehmann, einer der beiden Geschäftsführer von Becker, ergänzte: „Die beiden Unternehmen behalten ihre Namen, und auch das Management in Hamburg bleibt erhalten.“ Bei wichtigen Entscheidungen muss aber künftig der Mehrheitseigentümer eingebunden werden.

Für die 110 Mitarbeiter in Hamburg und die insgesamt 200 BMS-Beschäftigten weltweit ändere sich aber nichts, so Lehmann. Er war 2009 mit dem Gründerpreis der Haspa und des Abendblatts geehrt worden. „Es wird keinen Merger-bedingten Abbau von Arbeitsplätzen geben. Im Gegenteil, wir wollen mit dem Zusammenschluss weiter wachsen.“

Becker Marine Systems hat coronabedingt Arbeitsplätze abgebaut

Im vergangenen Jahr habe Becker Marine Systems coronabedingt Arbeitsplätze abgebaut. Diese Phase sei überwunden. Henning Kuhlmann, neben Lehmann Geschäftsführer bei BMS, ergänzte, dass sich der Markt seit etwa vier Jahren in einer Krise befunden habe, nun aber wieder zulege. Mit dem Zusammenschluss könnten die beiden Firmen Komplettpakete für Propeller und Ruderanlagen anbieten und auf dem Schiffbaumarkt wachsen.

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Chancen auf Aufträge rechnen sich die Unternehmen vor allem wegen des Klimawandels aus. Neue Antriebstechnologien sollen den Schadstoffausstoß in der Schifffahrt reduzieren. „Antriebseffizienz wird immer wichtiger, da ist es von Vorteil, wenn Propeller und Ruder aus einer Hand kommen“, so Kuhlmann.

Es geht auch um Massengutfrachter und Tankschiffe

Man werde aber nicht nur Neubauten beliefern, sondern auch die Nachrüstung der bestehenden Flotte ins Auge fassen. „Und es geht auch nicht nur um Containerschiffe, sondern auch um Massengutfrachter und Tankschiffe.“ Es sei der „perfekte Zeitpunkt“ für das Zusammengehen, so Lehmann.

Viele Reeder planten, die Leistung ihrer Schiffsmotoren zu dämpfen, um die neuen Regeln der Internationalen Schifffahrtsorganisation IMO für den Schadstoffausstoß einzuhalten. Motoren und Propeller würden dabei bislang noch nicht ausreichend aufeinander abgestimmt.

Einer der Verkaufsschlager von BMS war bisher die sogenannte Mewis Duct, eine Propellerdüse, mit der der Treibstoffverbrauch von Schiffen um sechs Prozent gesenkt werden kann. Durch den Einsatz der Düse soll der Kohlendioxidausstoß der Schifffahrt weltweit nach Angaben von BMS um sieben Millionen Tonnen gesenkt worden sein.

Unternehmen hat mit zahlreichen Produkten für Aufsehen gesorgt

In Hamburg hat das Unternehmen mit zahlreichen anderen Produkten für Aufsehen gesorgt. So hat BMS mit dem Bau der „Hummel“ der Kreuzfahrtindustrie den Einstieg in die weniger umweltschädliche externe Stromversorgung ermöglicht. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Hybrid Barge, die neben die an der Kaikante liegenden Kreuzfahrtschiffe geschleppt wird.

Gasmotoren erzeugen bei der Verbrennung von Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) Strom, der die Kreuzfahrtschiffe mit Energie versorgt. Sie können ihre Dieselaggregate während der Liegezeit im Hafen abschalten. So kann der Ausstoß von Schadstoffen wie Kohlendioxid, Stickstoffoxid oder Schwefel in Häfen deutlich gesenkt werden.

Großes Marktinteresse an neuen maritimen Batteriesystemen für Hybrid-Motoren

Ähnlich innovativ ist eine mit der Hybrid Barge vergleichbare Erfindung für Containerschiffe, die Becker zusammen mit dem Hafenkonzern HHLA im Feldversuch erprobt hat. Beim „PowerPac“ handelt es sich um zwei Container, einer mit einem LNG-Tank, der andere mit einem Verbrennungsmotor, die nach Ankunft des Schiffes im Hafen an Bord gehoben werden und die Stromversorgung während der Liegezeit sicherstellen.

Mithilfe des Stroms können auch Containerschiffe umweltfreundliche Energie während des Hafenaufenthalts beziehen. Es ist allerdings fraglich, ob diese technischen Lösungen ihre Entwicklungskosten wieder eingespielt haben. Im Hamburger Hafen wird der Einsatz von Flüssiggas sehr restriktiv handhabt. Größer ist das Marktinteresse an neuen maritimen Batteriesystemen für Hybrid-Motoren, die die Hamburger unter dem Namen „Cobra“ herstellen. Auch diese könnten eine gute Ergänzung zu Nakashimas Antriebssystemen sein, sagte Lehmann.