Schifffahrt

Der Untergang der „Adelheid“: Eine fast vergessene Tragödie

| Lesedauer: 12 Minuten
Edgar S. Hasse
Das Küstenmotorschiff  „Adelheid“­ im Hafen.

Das Küstenmotorschiff „Adelheid“­ im Hafen.

Foto: Let's Sea

Vor 60 Jahren lief das Küstenmotorschiff wenige Kilometer vor Niedersachsen auf ein Riff. An Bord: vier Erwachsene und ein Baby.

Hamburg. Die „Adelheid“ – das ist ihr schwimmendes Zuhause. Das Küstenmotorschiff kann Kohle transportieren und den ganzen Hausrat dazu. Denn die Zelte an Land haben sie längst abgebrochen. Auf der „Adelheid“ arbeitet, wohnt und lebt das junge Ehepaar Ewald und Klara Meiners mit seinem acht Monate alten Baby und dem Decksjungen Hans Albert, gerade mal 17 Jahre.

Auf dieser Tour vor genau 60 Jahren Richtung Nordsee wird Klaras Mutter mit an Bord sein. Für die 67-jährige ist es im September 1960 ihre erste Fahrt auf dem Wasser. Sie kennt weder die Kanäle noch die kleinen Häfen vom Ruhrgebiet und weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn eine steife Brise an Bord weht.

Doch Schwiegersohn Ewald Meiners (25) hat das Ruder fest in der Hand, nachdem das dunkel gepönte Binnenschiff in einem kleinen Seitenhafen nahe von Wanne-Eickel Kohle gebunkert hat und jetzt ablegt. Ewald hat die „Adelheid“ von seinem Vater übernommen, ist Binnenschifferkapitän geworden und setzt somit die Familientradition fort.

Transportreise endet in einer tödlichen Havarie

Es würde bestimmt eine schöne Fahrt werden, die über die Ems hoch in die Weser bis nach Wilhelmshaven führt. Dort soll die Ladung gelöscht werden. Doch in der Nacht vom 25. zum 26. September 1960 endet die Transportreise in einer tödlichen Havarie, die zu den tragischsten der deutschen Seefahrtsgeschichte gehört. Zugleich ist sie die Geschichte vom Überleben und vom Einsatz der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS).

Wer noch vor einigen Jahren hätte mehr erfahren wollen, was sich alles an Bord der „Adelheid“ ereignet hat, wäre nicht fündig geworden. Selbst das Internet gab nur spärlich etwas preis. Der Hamburger Autor und Segler Marc Bielefeld hat mit seinem neuen Buch über den „Untergang der Adelheid“ den Opfern und Helfern ein publizistisches Denkmal gesetzt und Licht ins Dunkel der Tragödie gebracht.

Die „Adelheid“ hat Wanne-Eickel verlassen und ist jetzt unterwegs. Im Kinderwagen schlummert der kleine Sohn Bernhard, während draußen die Rauchsäulen der Zechen weit über dem Ruhrgebiet wehen. Kohle ist der wichtigste Energielieferant für das Wirtschaftswunderland, und die „Adelheid“ trägt mit ihrer Fracht dazu bei. Aus dem Radio dudeln der Club Honolulu und Catarina Valentes „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“. In der Kajüte liegen Illustrierte.

Literarische Reportage

Die „Adelheid“ ist zwar vor genau 60 Jahren untergegangen, aber Zeugnisse aus dieser Zeit und Überbleibsel von Bord sind im Fehns- und Schifffahrtsmuseum Westrhauderfehn erhalten geblieben. Dazu gehören auch Rettungsringe des Havarie-Frachters. Ostrhauderfehn und Westrhauderfehn – das ist eine vom Torfabbau geprägte Hochmoorregion. Das kleine, gegenwärtig wegen der Corona-Pandemie geschlossene Museum zeigt auch die original erhaltene Rettungsweste der damals 21 Jahre alten Kapitänsfrau Klara Meiners.

Klara Meiners und die Besatzung erreichen den Westhafen von Minden, später passieren sie Bremerhaven. Ihr Mann Ewald beugt sich am Kartentisch über die Seekarten der Wesermündung und schaut auf die Tidetabellen der kommenden Tage. Die Wettervorhersagen künden von Tiefdruckgebieten, womöglich Ausläufern des Hurrikans „Donna“. Der hat im Osten der Vereinigten Staaten gerade 137 Menschenleben gefordert. „Der Ewald soll bloß schlafen, er wird morgen einen langen Tag vor sich haben“, schreibt Marc Bielefeld in seinem jüngst erschienenen Buch über den Untergang, bei dem er das Stilmittel der literarischen Reportage verwendet. Darin verknüpft er Fakten mit fiktionalen Elementen zu einem Kunstwerk maritimer Erinnerungskultur.

Während die Ereignisse auf der „Adelheid“ ihren tragischen Verlauf nehmen, fahren am 26. September 1960 die Seenotretter Rolf Zeh, Arnold Gruben und Otto Weihusen mit ihrem Boot „Ulrich Steffens“ über die wogenden Wellen der Nordsee. Die Strände der Düneninsel Mellum liegen bereits versunken im Meer. Da meldet ein russischer Frachter südlich der Insel plötzlich Wrackteile und Treibgut. Allerdings gebe es keine weiteren Sichtungen.

Die Ruderanlage streikt

„Wir müssen nach allem Ausschau halten“, sagt Seenotretter Zeh. Der spätere Vormann stammt aus Stuttgart, hat Konditor gelernt und kam der Liebe wegen an die Küste, nach Horumersiel. Seit 1958 arbeitet er für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Sie war 1854 nach dem Untergang des Auswandererschiffs „Johanne“ vor Spiekeroog mit damals 84 Toten gegründet worden, weil es an Rettungsmitteln fehlte und die Inselbewohner tatenlos bei dem Drama zusehen mussten.

Die „Ulrich Steffens“ steuert bei Windstärke 5 gegen den auflaufenden Strom Richtung Leuchtturm Mellumplate. Das 29 Meter hohe siebenstöckige Bauwerk steckt mitten im Meer, doch die Leuchtturmwärter wollen von jenen Schicksalsstunden auf der „Adelheid“ nichts mitbekommen haben. Der vierte Mann, der ausdrücklich auf den Schiffsverkehr der Außenjade achten sollte, habe ebenfalls nichts weiter gesehen.

Die „Adelheid“ ist wohl nicht mehr in Sichtweite des Leuchtturms, als die Ruderanlage streikt. Das Wort „manö­vrierunfähig“ will dem jungen Kapitän noch nicht in den Sinn kommen. Zunehmend aber wird das 145 Tonnen schwere „Kümo“ zu einem Korken, der in der rauen See tanzt. Schiffsjunge Hans soll die Signalflagge „F“ hissen, das Seezeichen für Manövrierunfähigkeit. Die Havarie sollte zum tödlichen Verhängnis werden.

Besatzung sucht Schutz im Steuerhaus

Bald schweigt die ganze Maschine, das Schiff läuft auf Grund. Wer auf dem Mellumriff strandet, ist verloren, wissen die Seefahrer. Nichts bewegt sich mehr, und dann, es ist schon bald acht Uhr abends, dringt das erste Mal Wasser in das Schiff ein. Klara Meiners sieht mit Entsetzen, wie der Pegel zu ihren Füßen steigt. Das Wasser steht bald am unteren Rand des Kühlschranks, schwappt um die Räder des Kinderwagens. „Sie beruhigt ihre Mutter“, schreibt Autor Marc Bielefeld. Es sei gar nicht tief hier im Meer. Und der Leuchtturm sei immerhin wieder in Sichtweite. Von dort werde bestimmt Hilfe kommen.

„Alles wird gut, Mutter.“

Die gesamte Besatzung sucht Schutz im Steuerhaus, während die Flut steigt. Kapitän Meiners weiß, dass die Flut weiter steigend wird. Nun schlagen die Wellen der 12 Grad kalten See bis zum Steuerhaus, sie sind gefangen, zumal die Rettung mit einem Beiboot nicht mehr möglich ist. Die Leine ist gerissen.

Das Wasser nimmt sie am Ende alle auf: das junge Ehepaar, die Mutter, das Baby, den Schiffsjungen. Ewald Meiners treibt neben seiner Frau im Meer, und das Letzte, was er zu ihr sagt, ist: „Klara, ik go dod.“

Es sind die Toten kaum zu zählen, die je in den Fluten der Nordsee ums Leben kamen. Selbst deutsche Seenotretter bleiben davon nicht verschont. Ins Gedächtnis gebrannt hat sich der Untergang des Seenotrettungskreuzers „Adolph Bermpohl“ am 23. Februar 1967 vor Helgoland. Das Schiff wurde von einer heftigen Grundsee erfasst. Die vierköpfige Mannschaft sowie drei bereits aus Seenot gerettete niederländische Fischer starben in den eiskalten Fluten. Als vor 60 Jahren die Seenotretter Rolf Zeh, Arnold Gruben und Otto Weihusen mit ihrem Boot „Ulrich Steffens“ in der Außenjade nach Wrackteilen suchen, entdecken sie auf einmal einen gelben Fleck in grauen Wellen. Es sollte jene Rettungsweste sein, die sich heute im Museum Westrhauderfehn befindet.

14 Stunden trieb sie mit ihrem Baby in der See

In dieser Rettungsweste steckt ein Mensch und winkt ihnen zu. Seenotretter Rolf Zeh sitzt im Jahr 2019 in seinem Wohnort Horumersiel und erzählt dem Publizisten Marc Bielefeld von den dramatischen Stunden der Rettung. Der Mensch ist noch weit weg, sie werden zehn Minuten brauchen, um ihn mit ihrem Rettungsboot zu erreichen. Sie fixieren den Punkt, sie dürfen ihn nicht verlieren. Noch immer gehen Regenschauer über der See nieder. Dann sehen sie, es ist eine Frau, die einen Stoffbeutel auf der Brust trägt.

Rolf Zeh beugt sich hinab zum Wasser, dann bindet er den Beutel los, nimmt ihn an Bord und übergibt den kleinen Bernhard an seinen Kollegen. Das Kind ist tot.

Dann retten sie Klara Meiners. 14 Stunden trieb sie mit ihrem Baby in der See. Die Leine ihrer Rettungsweste ist mit ihrem Mann verbunden. Die Leiche treibt unter Wasser. Rolf Zeh berichtet dem Buchautor, dass er Ewald Meiners nicht sehen konnte, dann schneidet er den Gurt durch, bringt erst die Ehefrau an Bord, schließlich auch den Leichnam ihres Mannes.

Klara Meiners Überleben gleicht einem Wunder

Es gleicht einem Wunder, dass Klara Meiners überlebt hat. Ein Krankenwagen bringt sie in die Wilhelmshavener Klinik. Ihre Körpertemperatur ist bereits auf 27 Grad Celsius gesunken. Sie muss, diagnostizieren die Ärzte, in dieser Zeit zweimal klinisch tot gewesen sein. Rolf Zeh, der das Meer von seiner Haustür kennt, schätzt, dass sie in dieser Zeit rund 25 Seemeilen weit von der See getragen wurde. Wochen später werden die Leichen des Schiffsjungen und der Mutter von Klara Meiners gefunden.

Die junge Frau hat überlebt. Auch sie wird Jahrzehnte später von Marc Bielefeld interviewt. Dem Abendblatt sagte der Autor, sie habe ohne Schuldzuweisungen, ohne Hass und Groll auf die See oder auf das Schicksal mit großer Kraft ins Leben zurückgefunden. Bei der späteren Seeamtsverhandlung habe sie auch die Männer getroffen, die oben auf dem Leuchtturm waren und sie nicht gesehen hatten. „Aber da ist nichts. Da ist nur die Erinnerung, auch an den verlorenen Satz, den der Vorsitzende damals am Rande noch hatte fallen lassen, dass es wohl ein schönes Leben da oben auf dem Leuchtturm gewesen sein muss.“

Marc Bielefeld weiß zwar nicht, wie Klara Meiners den diesjährigen Erinnerungstag an das Drama auf See verbracht hat. „Ich weiß jedoch, dass sie dieses Datum sehr berührt. Noch immer. Jedes Jahr, bis heute. Ich würde denken, sie hat den Tag mit der Familie, mit ihrer Tochter, den Enkeln verbracht. Frau Meiners ist niemand, der großes Aufsehen mag und macht.“ Der Zufall wollte es, dass Klara Meiners erneut einen Mann mit Nachnamen Meiners heiratete, der allerdings mittlerweile verstorben ist.

Seenretter Rolf Zeh erlebte den 60. Erinnerungstag nicht mehr. Er starb wenige Wochen bevor das Buch über die „Adelheid“ erschien – und damit auch über ihn.

Buchautor Bielefeld arbeitet täglich an neuen Buchprojekten, die ebenfalls in dem kleinen Verlag Let’s sea erscheinen. Sein neues Buch heißt: „Windgeister – sieben Geschichten von den Menschen und vom Meer“. Darin sind sieben Reportagen versammelt über außergewöhnliche Segler.

Das Buch

Das Buch ist erschienen bei Let’s sea, Hamburg. Autor: Marc Bielefeld, Gestaltung: Rike Sattler; 156 Seiten, Preis: 29,34 Euro + 3 Euro Versandkosten. Weitere Informationen und Bestellungen: https://www.lets-sea.com/