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„Gorch Fock“: Vergessenes Schwesterschiff besucht Kiel

Die „Gorch Fock“? Nein, ihre ältere Schwester: das US-Segelschulschiff „Eagle“ 2017 in Halifax (Kanada).

Die „Gorch Fock“? Nein, ihre ältere Schwester: das US-Segelschulschiff „Eagle“ 2017 in Halifax (Kanada).

Foto: picture alliance

Vom Nazi-Schiff "Horst Wessel" zur Küstenwache: Ankunft der „Eagle“ erinnert an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Kiel.  Die „Gorch Fock“, das Segelschulschiff der Deutschen Marine, sitzt seit Jahren auf dem Trockenen. Doch das nahezu baugleiche Schwesterschiff, die „Eagle“ (Adler), segelt gerade topfit mit mehr als 100 Kadetten der US-Küstenwache über die Weltmeere. Während die Renovierung der „Gorch Fock“ rund 135 Millionen Euro kosten dürfte, hat die US Coast Guard diese Probleme mit ihrem einst ebenfalls in Hamburg gebautem Segelschulschiff nicht.

Frisch für fast 30 Millionen Dollar saniert, läuft die amerikanische Dreimastbark an diesem Freitag im Kieler Hafen ein. Bis zum Dienstag liegt das Schiff an der Tirpitzmole. Bereits bei der Stippvisite in Portsmouth (Südengland) hatte es mit großem Interesse ein „Open Ship“ für Besucher gegeben, heißt es bei der Küstenwache.

Sechs Schiffe gehören zur „Gorch Fock“-Klasse

Die Ankunft der rund 90 Meter langen „Eagle“ im Heimathafen der siechen „Gorch Fock“ wirft ein bizarres Licht auf das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. 1936 ist das Segelschiff bei Blohm & Voss vom Stapel gelaufen – wie alle sechs Schiffe der sogenannten „Gorch Fock“-Klasse. Sie wurden zwischen 1932 und 1958 in der Hamburger Werft gebaut, als letztes lief das deutsche Segelschulschiff, die heutige „Gorch Fock“ (II), vom Stapel.

Weil der Nazi-Neubau von 1936 ebenfalls der Ausbildung dienen sollte, bekam er den Namen „Horst Wessel“. Der SA-Sturmführer, Sohn eines Pfarrers, schrieb die NSDAP-Parteihymne („Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“). Bereits 1933 war der Prototyp dieser Klasse, die „Gorch Fock“ (I), in den Dienst gestellt worden. Doch die Reichsmarine brauchte dringend ein zweites Ausbildungsschiff. Nach den gleichen Plänen, nur mit etwas längerem Rumpf, lief die „Horst Wessel“ vom Stapel. Die unternahm bis Kriegsbeginn mehrere Auslandsreisen, bis sie der Marine-Hitler-Jugend Stralsund diente.

Kurzfristig Dienst als Hilfsstabsschiff

Im Dezember 1940 avancierte die Bark kurzfristig zum Hilfsstabsschiff. Nach Kriegsende mussten die Deutschen sie als Reparationsleistung an die Vereinigten Staaten übergeben. In Weyhe bei Bremen hat der Künstler Peter Barthold Schnibbe die Spuren der Überführungsfahrt von Deutschland in die USA im Jahr 1946 verfolgt, denn der letzte Kommandant der vormaligen „Horst Wessel“ war sein Vater, den er gar nicht richtig kennengelernt hat. „Mein Dad Peter B. Schnibbe war der jüngste Kapitänleutnant der Kriegsmarine und der jüngste Kommandant einer Dreimastbark“, erzählt der Künstler. Er habe immer Zivilcourage und Menschenliebe bewiesen, fügt Schnibbe hinzu. Sein Vater starb 1975 in den USA an Leukämie.

Seit 1946 fährt die ehemalige „Horst Wessel“ als „Eagle“ etwa drei Monate lang im Jahr unter Führung der United States Coast Guard. Die restliche Zeit liegt das Schiff mit der Galionsfigur eines Adlers im Heimathafen New London (Connecticut). Im Juni 2011 hatte das Schulschiff Hamburg besucht, 2005 Bremerhaven.

Blohm & Voss hatte insgesamt sechs Schiffe der „Gorch Fock“-Klasse gebaut – vier für die deutsche Kriegsmarine und je eines für die rumänische und die Bundesmarine. Die „Albert Leo Schlageter (Stapellauf 1937) ist heute das portugiesische Segelschulschiff „Sagres“, und die „Mircea“ (1938) fährt für die rumänische Marine. Die Zukunft des deutschen Segelschulschiffs bleibt dagegen weiter ungewiss. Um die „Gorch Fock“ reparieren zu können, verhandelt die Elsflether Werft mit den Gläubigern. Das Management will ein Angebot für das Verteidigungsministerium erstellen. Der Preis soll nicht höher als die bereits vereinbarten 135 Millionen Euro sein. Eine Entscheidung über den Fortgang der Arbeiten soll im Sommer fallen. Über den Ausgang ist sich Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nicht sicher: „Die ,Gorch Fock‘ ist noch nicht gerettet“, sagte sie dem NDR.

Sanierung sollte 9,6 Millionen Euro kosten

Von der Leyen hatte bei der Sanierung eine „Kette an Fehlern“ in ihrem Ministerium eingeräumt. Es seien am Anfang die wahren Kosten für die Reparatur des Schiffes deutlich unterschätzt worden. Von der Leyen sagte dem Sender, dass das Marinearsenal seinen Teil an Fehlern beigetragen habe, das Amt in Koblenz und auch die verschiedenen Abteilungen im Verteidigungsministerium. „Da sind gemeinsam viele Fehler gemacht worden, in einem schwierigen Prozess.“

Ursprünglich war das Segelschulschiff „Gorch Fock“ 2015 für kleinere Reparatur- und Inspektionsarbeiten in die Elsflether Werft gekommen. Die kalkulierten Kosten lagen damals bei 9,6 Millionen Euro.

Open Ship auf der „Eagle“: Tirpitzmole in Kiel, Freitag 14 bis 17 Uhr, Sonnabend 14 bis 19 Uhr, Sonntag 10 bis 19 Uhr