Werft

Wirtschaftskrimi um Segelschulschiff „Gorch Fock“

Einst Stolz der deutschen Marine, nun ein Fall für die Justiz: das Segelschulschiff „Gorch Fock“.

Einst Stolz der deutschen Marine, nun ein Fall für die Justiz: das Segelschulschiff „Gorch Fock“.

Foto: Imago/Thomas Zimmermann

Zwei Hamburger versuchen, die Elsflether Werft vor dem Untergang zu retten – und zugleich Jugendlichen der Stadt etwas Gutes zu tun.

Hamburg/Elsfleth.  Noch immer liegt das Segelschulschiff „Gorch Fock“ im angemieteten Dock der Elsflether Werft. Noch immer ist nicht endgültig klar, ob es je wieder fertiggestellt wird. Rund um den Stolz der Marine hat sich ein undurchsichtiger Wirtschaftskrimi entwickelt, in dem Hamburger Unternehmer und eine Hamburger Stiftung entscheidende Rollen spielen. Die Sky-Stiftung ist Alleininhaberin der Elsflether Werft.

Unterlagen, die dem Abendblatt vorliegen, legen nun den Verdacht nahe, dass der ehemalige Stiftungschef Marcus Reinberg (50) die Werft mit einem Trick in seinen Besitz bringen wollte – und dass die Hamburger Justizbehörde schon seit vergangenem September von diesem Verdacht wusste. Außerdem soll die Stiftung ihrem eigentlichen Zweck, der Unterstützung von Jugendlichen, nur sehr unzulänglich nachgekommen sein. Über drei Jahre hinweg hatte die Stiftung die Gemeinnützigkeit verloren.

Werft ist ihr Lebenswerk

Die Sky-Stiftung wird 2009 von der Hamburger Reederin Brigitte Rohden gegründet. Der Hamburger Rechtsanwalt Marcus Reinberg wird Stiftungsvorstand. Rohden hatte die Elsflether Werft 1996 gekauft und vor der Insolvenz gerettet. Zuvor war sie mit ihren Schiffen Kundin der Werft gewesen. Das Unternehmen entwickelt sich gut, wirft Gewinn ab und wird schließlich als Kapital in die Stiftung eingebracht. Rohden betrachtet die Werft als ihr Lebenswerk. Das Konstrukt einer Stiftung wird häufig genutzt, um lukrative Unternehmen vor Erbauseinandersetzungen zu schützen.

Im Januar 2018 stirbt die 77-Jährige. Die Stiftung existiert fort – weiterhin mit Marcus Reinberg an der Spitze. Rohden hatte ihm offenbar vertraut, denn sie setzte ihn auch als Testamentsvollstrecker ein. Zudem ist er mittlerweile einer von zwei Vorstandsmitgliedern der Elsflether Werft, ist also gewissermaßen Inhaber und Chef zugleich.

Umfangreiche Darlehen

Eine Machtkonzentration, die den Kindern von Brigitte Rohden „Sorgen“ bereitete. So steht es jedenfalls in einem am 18. September 2018 an die Hamburger Stiftungsaufsicht verschickten Dossier. Verfasser des Konvoluts, das aus 25 Seiten Text und 53 Anlagen besteht, ist eine von den Kindern beauftragte Hamburger Anwaltskanzlei. In dem Dossier, das dem Abendblatt vorliegt, heißt es unter anderem: „Schließlich liegen uns Nachweise vor, dass die Vorstandsmitglieder der Elsflether Werft diese im Rahmen eines sogenannten Management-Buy-outs an sich selbst verkaufen wollten.“

Bekannt ist, dass die Werft umfangreiche Darlehen vergeben hat, einige davon an die von Reinberg und seinem Co-Vorstand gegründete Firma InterMARtec. Investiert wurde unter anderem in Schürfrechte für Gold in der Mongolei und in eine Hamburger Filmproduktionsfirma, die eine Actionserie mit der Titel „True North“ drehen will.

Weitere Vermögensverluste verhindern

Ziel der Transaktionen, behaupten die Anwälte in ihrem Dossier, sei es gewesen, „den Wert der erfolgreichen Elsflether Werft AG zu vermindern und so die Veräußerungstransaktion zu erzwingen“. Sie bitten die bei der Justizbehörde angesiedelte Stiftungsaufsicht, „schnellstmöglich Maßnahmen zu ergreifen, die eine Überprüfung der Handlungen des Stiftungsvorstandes Dr. h. c. Reinberg ermöglichen und weitere Vermögensverluste für die Sky-Stiftung verhindern“.

Reinberg selbst lässt Abendblatt-Fragen zu einem Management-Buy-out unbeantwortet. Zur Darlehensvergabe sagte er: „Die Werft war nicht geschwächt.“ Es sei „bei allen Aktivitäten, die stattgefunden haben, immer darum gegangen, der Werft zu helfen, und nicht, uns persönlich zu bereichern“.

Verteidigungsministerin verhängt Zahlungsstopp

Konsequenzen für die Stiftung hat das Schreiben der Anwälte zunächst einmal nicht. Die Stiftungsaufsicht setzt ­lediglich ein Anhörungsverfahren in Gang. Doch Ende 2018 sorgen die „Gorch Fock“ und die Werft für Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen gegen einen Mitarbeiter des Marinearsenals auf, der ein Darlehen von der Werft bekommen haben soll. Die Sanierung des Schiffs wurde immer teurer, statt zehn Millionen Euro sollte sie 135 Millionen Euro kosten. Im Dezember 2018 verhängt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), verärgert über die immer neuen Hiobsbotschaften, einen Zahlungsstopp. Die Werft hat kaum noch Einnahmen – und läuft zugleich Gefahr, ihren mit Abstand größten Auftrag zu verlieren.

Am 19. Januar zieht die Stiftungsaufsicht die Notbremse und setzt Reinberg ab. Der legt prompt Widerspruch ein. Über ihn ist noch nicht entschieden. Aus den Unterlagen, die dem Abendblatt vorliegen, geht hervor, dass die Fachleute in der Justizbehörde nicht nur wegen der Darlehensvergaben der Werft beunruhigt waren. Sie hegten den Verdacht, dass die Stiftung kaum Aktivitäten entfaltet hat, die ihrem Stiftungszweck entsprach.

Neue Führungsspitze

Das Finanzamt hatte ihr bereits für die Kalenderjahre 2014, 2015 und 2016 rückwirkend die Gemeinnützigkeit aberkannt. Reinberg sieht das als Buchhaltungsfehler an. „Der Stiftung ist nur deshalb die Gemeinnützigkeit aberkannt worden, weil die alleinige Buchhalterin plötzlich verstorben war“, sagte er. „Daher wurden Unterlagen nicht rechtzeitig beim Finanzamt eingereicht.“ Und: Die Stiftung habe Gutes getan. „Es wurden alle verfügbaren Mittel für gemeinnützige Kinder- und Jugendobjekte verwendet“, so Reinberg. „Die Stiftung hatte auf Wunsch der Stifterin nicht viele Mittel, das sollte sich erst nach ihrem Ableben ändern.“ Die Fragen, wie viel Geld die Stiftung ausgeschüttet hat und wer es bekommen hat, beantwortete er nicht.

Neuer, von der Justizbehörde eingesetzter Vorstand wird der Hamburger Steuerberater Jörg Verstl. Der verpasst der Werft eine neue Führungsspitze. Reinberg und der Co-Vorstand werden abgelöst. Der Hamburger Vattenfall-Manager Pieter Wasmuth wird neuer Aufsichtsratschef der Elsflether Werft. Verstl und Wasmuth sind entsetzt über das, was sie in Hamburg und Elsfleth vorfinden – und was nicht. Die Werft muss Insolvenz anmelden. Viel Geld ist verschwunden. Niemand weiß, ob davon etwas zurückzuholen ist. Fast 17 Millionen Euro hat die Werft an Darlehen vergeben. Rund 12,3 Millionen Euro gingen an die InterMARtec, eine Firmenholding mit mehr als 20 Unterfirmen. Steuerberater Verstl ist sich sicher: „Dort wurden Stiftungsgelder investiert, dieses Geld gehörte der Stiftung.“

Lohnenswertes Ziel

Reinberg hält dagegen: „Es gab Investitionen allein aus dem Eigenkapital der Werft.“ Die Insolvenz hält er für falsch. Die finanzielle Lage der Werft sei im Januar 2019 „stabil“ gewesen. „Es bestand kein Insolvenzgrund“, so Reinberg. Dennoch: Die Sky-Stiftung war zwar alleinige Inhaberin der Werft, hatte davon aber wenig. Die Gewinne, die die Werft machte, verblieben größtenteils dort und erhöhten das Eigenkapital. Das geht aus den Geschäftsberichten hervor. In den Jahren von 2012 bis 2016 verdoppelte sich das Eigenkapital – von 5,4 auf 11,1 Millionen Euro. Allein 2016 machte die Werft einen Gewinn von rund 2,3 Millionen Euro.

An diese Gewinne heranzukommen war also ein lohnenswertes Ziel. Aber wie? Die von Finanz- und Justizbehörde überwachte Stiftungskonstruktion erwies sich da als hinderlich. Ein Verkauf des Stiftungskapitals – das ist die Werft – ist rechtlich nicht möglich. Jedenfalls nicht, solange die Werft gesund ist. „Eine denkbare Option wäre, dass Herr Reinberg die Werft mithilfe der Darlehen an seine private Unternehmensgruppe schwächen wollte. Möglich wäre, dass er dann die Stiftungsaufsicht davon überzeugen wollte, dass die Werft ein Mühlstein am Hals der Sky-Stiftung ist und verkauft werden muss“, sagte Jörg Verstl. Und es gibt ja auch Hinweise darauf, dass die Elsflether Werft einen sogenannten Management-Buy-out, also einen Verkauf an ihre Führungskräfte, geplant hat.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Schon im November 2017 beschäftigte sich eine Hamburger Beratungsfirma auf Wunsch der Elsflether Werft mit einer Bewertung des Unternehmens. Sie ist der erste Schritt vor einem Verkauf. In einer Präsentation der Berater für die Werft heißt es: „Der Vorstand der Elsflether Werft AG und die Sky-Stiftung haben sich auf die Durchführung eines Management-Buy-outs geeinigt, im Zuge dessen sich die Mitglieder des Vorstands mehrheitlich an der Elsflether Werft AG beteiligen werden.“

Daraus ist dann nichts geworden. Ein 25 Seiten langes Schreiben, dem 53 Anhänge beigefügt sind, setzt einen Prozess in Gang, an dessen Ende Sky-Stiftung und Werft eine neue Führung haben. Gegen Reinberg ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück mittlerweile wegen des Verdachts der Untreue.

Jörg Verstl, der neue Vorstand der Stiftung, will nun dafür sorgen, dass die Gewinne der Werft endlich komplett nach Hamburg fließen. Und dass die Stiftung damit dann Kindern und Jugendlichen hilft. Am Ende dient die 135 Millionen Euro teure Reparatur der „Gorch Fock“ so vielleicht doch noch einem guten Zweck.