Energie

Warum Strom in Hamburg oft viel teurer ist als im Umland

Die Strompreise in der Stadt sind im Schnitt teurer als im Umland (Symbolbild).

Die Strompreise in der Stadt sind im Schnitt teurer als im Umland (Symbolbild).

Foto: Jens Kalaene / dpa

Kunden in der Stadt müssen beim selben Anbieter bis zu 13,5 Prozent mehr zahlen. Welche Nutzungsentgelte dahinter stecken.

Hamburg. Der städtische Versorger Hamburg Energie verweist auf seiner Internetseite auf die Vorzüge, wenn die Energieversorgung in kommunaler Hand ist: „Als echter städtischer Energieversorger sind wir ausschließlich den Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt verpflichtet und keinen anonymen Investoren“, heißt es dort. Doch beim Strompreis zeigt sich, dass die nach Eigenwerbung günstigen, fairen und transparenten Tarife nicht in der Stadt, sondern überwiegend außerhalb Hamburgs angeboten werden, wie eine Analyse des Abendblatts zeigt. Auch bei Vattenfall kann in der Hälfte der ausgewählten Umlandgemeinden der Ökostrom Natur 12 günstiger bezogen werden.

Hamburg Energie: Strom im Umland oft günstiger

Die günstigsten Preise bietet Hamburg Energie den Stromkunden in Buxtehude, Stade und Buchholz. Grundlage des Vergleichs für einen Privathaushalt ist der Bezug von jährlich 4500 Kilowattstunden (kWh) Ökostrom. So beläuft sich die Energierechnung für den Hamburger Haushalt im Tarif Elbstrand auf 1447 Euro, während für die gleiche Menge Strom in Buxtehude nur 1275 Euro, in Stade 1302 Euro und in Buchholz 1329 Euro im Jahr bezahlt werden müssen.

Damit zahlen die Kunden in Hamburg bis zu 13,5 Prozent mehr als an den drei deutlich günstigeren Vergleichsstandorten (s. Grafik). Der Grund dafür sind wesentlich günstigere Werte beim monatlichen Basis- und dem von der Menge abhängigen Verbrauchspreis in anderen umliegenden Städten und Gemeinden. So beträgt der monatliche Grundpreis in Buxtehude nur 6,44 Euro, während die Hamburger 9,75 Euro bezahlen müssen. Der Verbrauchspreis ist knapp drei Cent günstiger als in Hamburg (29,55 Cent/kWh). Bei Hamburg Energie gibt es in den zehn Umlandstandorten neun unterschiedliche Verbrauchspreise. Bis zu rund 100 Euro im Jahr bei ihrer Energierechnung sparen auch die Kunden von Hamburg Energie in Seevetal und Geesthacht. In Norderstedt, Pinneberg und Elmshorn ist der Ökostrom dagegen nur geringfügig günstiger als in Hamburg.

„Das Tarif-Wirrwarr mit dem Umland macht deutlich, dass ausgerechnet die Hamburger Kunden mehr für Strom von Hamburg Energie bezahlen als die Menschen in umliegenden Städten“, sagt Michael Kruse, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft. „Ein einheitlicher Tarif wie bei anderen Ökostromanbietern in der Stadt würde für mehr Einfachheit sorgen.“ Nur in Ahrensburg und Trittau kostet der Ökostrom von Hamburg Energie rund acht Prozent mehr als in Hamburg.

Vattenfall: ähnliche Preispolitik um Ökostrom

Der städtische Energieanbieter ist mit dieser Preispolitik nicht allein. Auch bei Vattenfall zahlen die Hamburger für 4500 kWh Ökostrom knapp zehn Prozent mehr als Kunden in Buxtehude. In Hamburg kosten 4500 kWh Natur12 Strom 1465 Euro (ohne Boni), während in Buxtehude nur 1336 Euro verlangt werden. Gegenüber den Kunden in Stade sind es noch sieben Prozent mehr. Insgesamt wird der Ökostrom von Vattenfall in fünf von zehn Umlandstandorten günstiger als in Hamburg angeboten, darunter auch in Seevetal, wo die Kunden rund 100 Euro bei der Energierechnung sparen können. Tatsächlich zahlen die Kunden im ersten Jahr deutlich weniger als in der Grafik ausgewiesen, weil es bei Vattenfall einen Bonus für Neukunden gibt. Für die bessere Vergleichbarkeit wurden diese Einmalboni aber nicht berücksichtigt. Ohnehin fallen die Boni bei Vattenfall je nach Wohnort unterschiedlich aus. In Hamburg reduzieren sich die Stromkosten bei Vattenfall im ersten Jahr um 183 Euro, in Buchholz sind es 211 Euro und in Elmshorn 162 Euro.

Der Grund für das Tarif-Wirrwarr sind vor allem die unterschiedlichen Netz- und Messentgelte, die von den Stromnetzbetreibern für die Durchleitung der Energie zum Kunden verlangt werden. Dort, wo die Netzbetreiber günstig sind – wie in Buxtehude oder Stade – und sich auch die Kommunen mit ihren Konzessionsabgaben zurückhalten, ist der Strom billiger als an anderen Standorten. Zwar werden die Netznutzungsentgelte (NNE) von der Bundesnetzagentur nach einem komplizierten System reguliert, aber es bietet auch viel Spielraum bei Investitionen, welche dann die NNE verteuern. „Das Ganze ist vor allem schön intransparent“, sagt der Manager eines Stromanbieters.

Preisanstieg der Netzentgelte in Hamburg um 30 Prozent

Vattenfall hat seine jüngste Strompreisanpassung mit der Erhöhung der Preise für die Netznutzung begründet. Danach hat die Stromnetz Hamburg GmbH die Entgelte 2020 um 7,5 Prozent angehoben. „In Hamburg gab es in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg der NNE“, sagt Sandra Kühberger von Vattenfall. Seit die Stadt Hamburg das Stromnetz 2014 von Vattenfall komplett übernommen hat, sind die NNE um knapp 30 Prozent gestiegen – doppelt so stark wie im Bundesdurchschnitt. „Die Preisunterschiede bei unseren Tarifen resultieren aus den sehr unterschiedlichen regionalen NNE“, sagt Kühberger. Fixe und variable Kostenbestandteile hätten starken Einfluss auf Grund- und Arbeitspreise, die deshalb je nach Standort des Kunden unterschiedlich ausfallen (siehe Grafik).

Auch Hamburg Energie begründet damit die unterschiedlichen Preise für Kunden in der Metropolregion. „Wir haben uns entschlossen, immer die NNE zugrunde zu legen, die tatsächlich im jeweiligen Gebiet anfallen“, sagt Nicole Buschermöhle von Hamburg Energie. Die Sprecherin verweist dazu auf die höheren NNE an Standorten wie Ahrensburg. Dort sorgt die Schleswig-Holstein Netz AG für die Durchleitung des Stroms, wo Strom teurer ist als in der Hansestadt. Nach Angaben von Hamburg Energie zahlt eine Familie mit einem Verbrauch von 2500 kWh im Netzgebiet der Schleswig-Holstein Netz AG pro Jahr 78 Euro mehr als in Hamburg. Seit 2014 sind die NNE in Schleswig-Holstein um 42 Prozent gestiegen, wie aus Daten von Verivox hervorgeht. „Eine Mischkalkulation mit einheitlichen Preisen kann daher schnell dazu führen, dass die Preise in einzelnen Netzgebieten unwirtschaftlich sind“, sagt Buschermöhle.

Lichtblick und Greenpeace Energy bieten einheitliche Preise

Von den Stromanbietern in Hamburg agieren Lichtblick und Greenpeace Energy dank einer Mischkalkulation mit einheitlichen Preisen. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, um Transparenz gegenüber den Kunden zu schaffen“, sagt Volker Walzer von Lichtblick. So müsse ein Kunde auch nach einem Umzug keinen anderen Preis zahlen. Ähnlich argumentiert Greenpeace Energy.

Doch die Netzbetreiber wollen sich nicht den Schwarzen Peter bei den Strompreisen zuschieben lassen. Sie verweisen darauf, dass sie von der Bundesnetzagentur kontrolliert werden und die Preise in ihren Monopolgebieten nicht willkürlich festgesetzt werden können. Die Schleswig Holstein Netz AG hat in den vergangenen fünf Jahren rund 750 Millionen Euro in den Netzausbau investiert, um die Anlagen zur Erzeugung von erneuerbaren Energien an das Netz anzuschließen. „Die Kosten tragen vor allem jene Regionen, in denen der durch die Energiewende bedingte Netzausbau stattfindet“, sagt Ove Struck von der Schleswig Holstein Netz AG.

Auch Stromnetz Hamburg begründet den Anstieg der Netznutzungsentgelte mit den Ausgaben für den Ausbau und die Modernisierung des Netzes. „Im Zeitraum 2014 bis 2020 haben wir über eine Milliarde Euro dafür aufgewendet“, sagt Swenja Jochimsen von Stromnetz Hamburg. Und auch energieeffiziente Geräte in den Haushalten sorgen am Ende nicht zwangsläufig für eine geringere private Stromrechnung. Zwar sinkt der Stromabsatz in der Stadt im Bereich der mit Niederspannung versorgten Kunden seit mehreren Jahren. Aber nicht in gleichem Maße, so argumentiert Stromnetz Hamburg, ließen sich wegen notwendiger technischer Netzanpassungen die Nutzungsentgelte verringern.